Berlinale-Premiere

Wie Jugendliche den neuen Film über Anne Frank sehen

In der Neuverfilmung spielt die 16-jährige Lea van Acken Anne Frank. Morgenpost fragte, was Berliner Jugendliche über den Film denken.

Lea van Acken als Anne Frank in einer Szene des Films "Das Tagebuch der Anne Frank"

Lea van Acken als Anne Frank in einer Szene des Films "Das Tagebuch der Anne Frank"

Foto: Berlinale / dpa

Im Foyer der Schwangeren Auster stehen Emma, 16, und Annika, 15, mit Tickets für „Das Tagebuch der Anne Frank“. Die Neugier ist groß, Annika erwartet einen „hochemotionalen Filmabend“. Die beiden kennen das tragische Schicksal der jungen Jüdin, die sich mit ihrer Familie zwei Jahre lang in einer winzigen Amsterdamer Hinterhauswohnung vor den Nazi-Schergen versteckt hat. „Aber in der Schule haben wir das Buch nicht gelesen“, sagt Emma.

Die Lektüre ist nicht mehr Standard in den Schulen, und auch deshalb ist es sinnvoll, die Premiere des Kinofilms von Hans Steinbichler in der Berlinale-Sektion Generation 14plus zu zeigen. Selten war so viel Glamour in der „Generation“, der Regisseur hat seinen Cast - neben der 16-jährigen Hauptdarstellerin Lea van Acken auch Martina Gedeck und Ulrich Noethen – mitgebracht. Die 1000 Plätze sind ausgebucht.

Wunderbare Hauptdarstellerin

Chronologisch und mit konventionellen Mitteln erzählt Steinbichlers Film die Geschichte der acht Hinterhausbewohner, die im Zweiten Weltkrieg versuchen, unter extremsten Bedingungen zu überleben. Seine wunderbare Hauptdarstellerin Lea van Acken, die Berlinale-Besucher schon aus „Kreuzweg“ (2014) kennen, schafft es, dass hinter dem Mythos die quecksilbrige Anne aus dem Tagebuch sichtbar wird. Eine moderne junge Frau. Sie reibt sich an ihrer Mutter und verehrt den Vater, analysiert klug die politischen Ereignisse. Ehrlich spricht sie auch über ihre Gefühle für ihren Mitbewohner Peter und ihr Verlangen nach ihm. Momente großer Intimität sind die Ansprachen an den Zuschauer: Immer wieder ist Annes Gesicht in Großaufnahme zu sehen, spricht sie Tagebuchpassagen. Daneben wirken Ulrich Noethen als zerquälter Vater und Martina Gedeck als still leidende Mutter routiniert.

Die Konzentration im Kinosaal ist hoch. An dramatischen Stellen – einmal stürzt Anne eine Treppe herunter, Schmerzen und Angst sind ihr ins Gesicht geschrieben — sieht man Jugendliche, wie sie die Hände vors Gesicht schlagen. Em Ende gibt es starken Applaus, Steinbichler freut sich auf die Diskussion mit den jungen Zuschauern: „Wir haben alle Kinder in diesem Alter. Das ist uns ganz wichtig.“ Tja, aber dann kommt erst einmal eine sehr lange Vorstellung des Teams. Es wird 23 Uhr werden, bis die Fragerunde beginnt, da sind viele Jugendliche bereits weg. Die Hauptdarstellerin, die mit Tränen in den Augen auf die Bühne geklettert ist, sagt, dass sie sich Anne Frank beim Spielen „völlig verbunden“ gefühlt habe. Nach wenigen Fragen ist Schluss.

Wenig Zeit für Fragen, gespaltene Reaktionen

Im Foyer gehen die Diskussionen weiter. Das Urteil über den Film schwankt, reicht von Begeisterung bis zu deutlicher Kritik. Emma findet die Hauptdarstellerin „genial“. Cora und Lotta, beide 17, nennen die Kinoverfilmung „sehr konventionell“. Ihnen hat die ARD-Verfilmung im letzten Jahr besser gefallen. Sie ärgern sich zudem, dass so wenig Zeit für die Diskussion mit den Jugendlichen blieb.

Sehr kritisch sehen vele jüngere und ältere Zuschauer, dass der Film das Tagebuch weiterschreibt und die Geschichte nicht endet, als die Hinterhaus-Bewohner entdeckt werden. Der Film begleitet Anne bis zur ihrem Tod Anfang 1945 im KZ Bergen-Belsen und versucht, ihre Gedanken nachzuempfinden. Johanna, 16, meint: „Das sieht doch sehr nach Hollywood aus.“ In einem aber sind sich alle Jugendlichen einig: Annes Geschichte muss weiter erzählt werden, immer wieder.

Die anhaltende Faszination ist vielleicht eine Art Wunder. Daran glaubte Anne Frank, die so gerne Schriftstellerin geworden wäre, unbedingt. Einmal schrieb sie: „Es ist ein Wunder, dass ich nicht alle Erwartungen aufgegeben habe, denn sie scheinen absurd und unausführbar. Trotzdem halte ich an ihnen fest, trotz allem, weil ich noch immer an das Gute im Menschen glaube.“

Vielleicht ist diese anhaltende Faszination auch eine Art von Wunder. Daran glaubte Anne Frank, die so gerne Schriftstellerin geworden wäre, unbedingt. Einmal schrieb sie: „Es ist ein Wunder, dass ich nicht alle Erwartungen aufgegeben habe, denn sie scheinen absurd und unausführbar. Trotzdem halte ich an ihnen fest, trotz allem, weil ich noch immer an das Gute im Menschen glaube.“