Kino

Ballern am Bosporus: Til Schweiger will es wissen

Til Schweiger ist der neue Götz George: Erstmals nach 30 Jahren kommt wieder ein „Tatort“ ins Kino. Aber er hat eine entscheidene Schwäche.

Foto: Warner Bros.

Der Film ist etwa zur Hälfte vorbei, da sitzen Nick Tschiller und sein etwas zarter besaiteter Kollege Yalcin Gümer in einem russischen Folterkeller und fachsimpeln über die deutsche Grammatik. Der Keller sieht genauso aus, wie man ihn sich vorstellt – wie überhaupt vieles in diesem Film exakt so aussieht, wie man es sich so vorstellt. Aber dazu später.

Tschiller und Gümer sind auf ihre Stühle gefesselt, vor ihnen ein Tisch mit den üblichen Instrumenten aus dem Baumarkt. Es tropft von der Decke, die Lage könnte angenehmer sein. Zeit, sich noch einmal in die Augen zu blicken und sich große Dinge zu sagen, bevor das Böse anrückt. „Du bist der beste Polizist Hamburgs“, sagt also Tschiller zu Gümer. Darauf Gümer: „Gewesen. Präteritum.“ Und Tschiller: „Nein. Perfekt.“

Humor ist nicht sein Fach

Es ist eigentlich der einzige Moment in dieser Geschichte, der so etwas wie Dialogwitz birgt. Dass er genau deshalb so auffällt, verweist gleichzeitig auf ihr zentrales Problem: Denn bei allem Munitionsverschleiß und bei allem Männerfreundschaftspathos bräuchte sie das Gegengift der Selbstironie, um über eine Strecke von mehr als 140 Minuten zu funktionieren.

Aber Nick Tschiller kann nicht aus seiner Haut: Humor ist nicht sein Fach. Stattdessen liefert er verlässlich, was man von ihm kennt: Schlägereien, quietschende Autoreifen, exzessiven Schusswaffengebrauch, Hauptsätze und ein Pflaster auf der Stirn.

Acht Millionen Euro umfasst das Budget für den Film

Auf seinen Darsteller Til Schweiger ist ebenso Verlass, wenn auch in anderer Hinsicht. Es war Anfang Januar, die letzten Vorgängerfolgen dieses Kino-„Tatorts“ waren gerade von der ARD gesendet worden, da übte sich Schweiger auf seiner Facebook-Seite zu vorgerückter Stunde in Kritikerbeschimpfung. Über die „Trottel, die darüber schreiben“ giftete er selbstbewusst in seiner Eloge auf den Regisseur Christian Alvart, über Leute, die „nicht zugeben, dass du was aussergewöhnliches geschaffen hast“, und zwar „weil sie schwach und klein sind“.

Auch im Vorfeld von „Tschiller: Off Duty“ war Schweigers Dünnhäutigkeit gegenüber skeptischen Stimmen wieder deutlich zu spüren: Nur handverlesene und verlässlich freundliche Journalisten durften den Film vor dem Start sehen. So etwas hat es bei Schweiger schon häufig gegeben und verwundert daher nicht mehr sonderlich. Dass aber der diesmal mitproduzierende Norddeutsche Rundfunk (NDR) nichts gegen diese geschäftsoptimierte Praxis unternommen hat, wirft Fragen nach dem Transparenzbegriff einer öffentlich finanzierten Sendeanstalt auf und nach der Souveränität im Umgang mit dem ihr anvertrauten Geld.

Erst der drittet „Tatort“ im Kino

Acht Millionen Euro umfasst das Budget für „Tschiller: Off Duty“. Seit den beiden Schimanski-Krimis „Zahn um Zahn“ (1985) und „Zabou“ (1987) ist „Tschiller: Off Duty“ erst der dritte „Tatort“, der seine Premiere auf der großen Leinwand feiert – in 30 Jahren. Dahinter mag die Erkenntnis lauern, dass die abendliche Fernsehunterhaltung doch anderen Gesetzen gehorcht als die große Erzählung im Kino, die mehr Aufmerksamkeit einfordert und diese oft auch stärker belohnt.

Seinen Titel trägt der Film jedenfalls nicht nur, weil der Hamburger Ermittler vom Dienst suspendiert wurde. Er spielt auch abseits seiner gängigen Hamburger Pfade. Am Anfang macht sich, ohne Papas Wissen natürlich, Tschillers Tochter Lenny (im wahren Leben Schweigers Tochter Luna) auf den Weg nach Istanbul, um dort mal eben Firat Astan (Erdal Yildiz) zu ermorden – den Hamburger Clanchef, der am Ende der letzten Folge an die Türkei ausgeliefert wurde und verantwortlich für den Tod ihrer Mutter ist.

Die Dramaturgie ist immer hübsch hanebüchen

Er sitzt dort nicht im Gefängnis, sondern spaziert fröhlich herum und kungelt mit der ortsansässigen Großkriminellenszene, Schwerpunkt internationaler Mädchenhandel. So jemandem also hält die 17-Jährige zitternd eine schallgedämpfte Pistole ins Gesicht, die sie nach ein paar wenigen Mails ohne weitere Umstände vom Taxifahrer im neutralen Umschlag überreicht bekam, als handelte es sich um einen Börek vom Lieferdienst.

Das Unwahrscheinliche, mitunter Hanebüchene ist von Anbeginn fester Bestandteil der Dramaturgie. Dagegen wäre gar nichts einzuwenden, wenn sie sich nicht immer wieder mit heiligem Ernst maskieren würde. Und ja: Das ist auch möglich, wenn es um so etwas Dramatisches geht wie die Entführung einer Tochter.

Versklavte Mädchen im Container

Denn der türkische Großkriminelle Süleyman Seker (ÖzgüYilr Emre Yildirim) hat, nachdem Lenny überwältigt wurde, nun nichts Besseres zu tun, als die Tochter eines deutschen Kriminalbeamten zusammen mit anderen versklavten Mädchen in einen Container zu pferchen und ins russische Sotschi zu verschiffen. Zweifellos die perfekte Strategie, um fortan ungestört den eigenen Geschäften nachgehen zu können.

Solche Ungereimtheiten versucht der Film, wenn schon nicht mit Humor, dann wenigstens mit einer Überdosis Action auszugleichen. Patronenhülsen und fliegen durch die Luft wie Konfetti, Autos werden vom Mähdrescher durch Kornfelder geschoben, Lokomotiven rasen bedrohlich heran und man hetzt über die Dächer der türkischen Metropole, während sich im Hintergrund postkartengleich der Bosporus präsentiert.

Von „Schauwerten“ hat Schweiger zuvor gesprochen – und man muss zugestehen, dass er und Regisseur Alvart dieses Fach beherrschen. Aber ein paar inhaltliche Werte hätte man sicher nicht vermisst.

In 21 Kinos in Berlin