Mercedes-Benz Arena

Pur feiert in Berlin ein Familienfest

Die Berliner Fans baden im Wohlfühlsound von Pur. Beim Song "Vermiss dich" singt schon die ganze Arena, bis endlich "Freunde" kommt.

Die deutsche Pop-Band "Pur", angeführt von Frontmann Hartmut Engler

Die deutsche Pop-Band "Pur", angeführt von Frontmann Hartmut Engler

Foto: dpa

"Es menschelt an allen Ecken und Enden, und das ist immer schön“, freut sich Hartmut Engler. Der Satz schwebt wie ein leuchtendes Motto über dem Pur-Konzert in der Mercedes-Benz Arena. Konzerte der Deutsch-Pop-Band sind wie Familienfeste, bei denen die Oma mit dem Enkel tanzt. Alle baden liebend gern im Wohlfühlsound von Pur. Ohrwurmmelodien liegen über fröhlich treibenden Rhythmen.

„Lindenstraße des Pop“ hat man die Band oft genannt. Sie polarisiert seit Jahrzehnten. Während die Fans kreischen und jubeln, hat die Presse die Konzerte abwechselnd verrissen und ignoriert. Inzwischen haben sich alle irgendwie an die feste Charts-Größe gewöhnt. Eine Band, die seit dem Hit „Abenteuerland“ vor zwanzig Jahren zu den beliebtesten Popformationen Deutschlands zählt, muss viel richtig machen. Pur schürft Plattengold und gewinnt alle erdenklichen Preise. Im Herbst haben die Musiker den Bambi bekommen, nun sind sie für die Goldene Kamera nominiert. Ihr aktuelles Album „Achtung“ hat sich wie selbstverständlich gleich an die Spitze der Charts gesetzt.

Die Fans sind sofort in Feierlaune. Manche haben sich im Karaoke-Van in der Lobby schon warmgesungen. „Wer hält die Welt“ ist der erste Song. Alle Arme fliegen hoch und wiegen sich im Takt. „Is‘ ja irre, das wird ein angenehmer Abend“, ruft Frontmann Hartmut Engler. Bei „Vermiss dich“ singt schon die ganze Arena. „Freunde“, der erste alte Hit von 1987, bringt die Fans endgültig auf die Beine. Die Berliner haben diesmal lange auf ihre Lieblingsband gewartet. Im letzten Jahr haben die Musiker nur ein einziges Konzert auf Schalke gegeben. Wie dort steht auch in der Mercedes-Benz Arena eine Bühne in der Mitte des Saals. Das bringt die 17.000 Fans so nah wie möglich an ihre sieben Schwaben aus dem Örtchen Bietigheim-Bissingen heran.

Sie sind die Stars von nebenan. Jeanstypen, die einfach nur nett wirken. Keyboarder Ingo Reidl ist das musikalische Rückgrat der Band und hat mit Hartmut Engler schon vor fast 40 Jahren in einer Schülerband gespielt. Die Musiker bedienen ihre Instrumente. Die Bühnenshow überlassen sie dem Sänger und Texter.

Auf einer Art Thron, einer Bühne auf der Bühne, dreht er sich tänzelnd im Kreis, breitet die Arme aus, schließt die Augen und schleudert seine Worte mit Wucht ins Publikum. Den Hit „Wo sind all die Indianer hin“ singt er mit Kopfputz, seine Warnung vor Neonazis „Bis der Wind sich dreht“ mit schwarzem SS-Ledermantel und Schlagstock. Seine Texte schöpfen aus dem vollen Spektrum zwischen Privatem für seine Mutti bis zu großen Menschheitsthemen wie Freiheit und Menschenwürde. Er singt kleine Liebeslieder und warnt vor braunem Gedankengut. Seine Lieder sind auch Lebenshilfe in Prüfungssituationen oder bei Liebeskummer.

Rote Feuerbälle jagen in den Bühnenhimmel. „Achtung“, der Titelsong der neuen CD, klingt etwas härter, fordernder als sonst. Er rät zu Respekt vor den Mitmenschen und wirkt fast wie der Soundtrack zur Flüchtlingsbewegung, obwohl das Lied schon vor zwei Jahren entstanden ist. Das menschelnde Gefühl ist allgegenwärtig. Engler tigert über die Bühne und nennt seine Truppe eine „in die Jahre gekommene Schülerband“. Er wirkt wie der personifizierte Mainstream und liebt es, das Publikum zu dirigieren, das ganze Strophen der Hits allein singt. Am Ende spielen die Band und ihr Publikum gemeinsam mit bunten Luftballons zum Hitmix-Vollplayback. Eine Kamera filmt die Besucher für die Videowand. Sie zeigt nichts als strahlende, glückliche Gesichter rundum.