Wenn es um den Literaturbetrieb geht, gehören Klagen über sinkende Auflagen oder eine immer kleiner werdende Leserschaft meist dazu. Krise überall, aber wirklich überall? Nicht unbedingt. Angesichts des Um- und Abbruchs der Literatur- und Verlagslandschaft ist es erstaunlich, wie wenig im Allgemeinen von einer blühenden Kulturszene die Rede ist, in der nichts als Texte verhandelt werden – wofür sich immer mehr Menschen begeistern können. Gerade auch junge Menschen.

Die Rede ist von den Poetry Slams, ursprünglich in den USA erfundenen Veranstaltungen, bei denen Autoren jeglicher Couleur selbstgeschriebene Texte vor Publikum vortragen. Was nicht einfach einer Lesung gleichkommt, denn es gibt immer mehrere Teilnehmer und alle eifern um die Gunst des Publikums. „Der Wettbewerbscharakter ist ein Grundpfeiler der Slams und schafft automatisch eine große Nähe zum Zuhörer“, sagt Max Gebhard.

Die Poetry-Slam-Szene ist ständig in Bewegung

Gemeinsam mit Annette Flemig moderiert Gebhard den monatlichen Tempel Slam auf dem RAW-Gelände. „Die Poetry Slam-Szene ist sehr groß, größer als man erst einmal denken würde“, so Gebhard. Und sie sei ständig in Bewegung, fügt Flemig an, „es gibt immer wieder Begeisterte, die neu anfangen und dazukommen, ich würde sagen, die Szene wächst sogar noch“.

Max Gebhard stand 2012 zum ersten Mal auf einer Slam-Bühne und ist seitdem nicht mehr von den Brettern herunter zu bekommen. „Ich bin über Videos auf Youtube auf die Poetry Slams aufmerksam geworden und war innerhalb von kürzester Zeit süchtig“, sagt er. Neben seiner Autoren- und Lesetätigkeit organisiert er außer dem Tempel Slam regelmäßig Veranstaltungen im benachbarten Badehaus Szimpla auf dem RAW-Gelände, im Kreuzberger Monarch oder in der Kulturkneipe Baiz in Prenzlauer Berg.

Einer der größten Poetry Slams in Berlin

Bei einem seiner ersten Auftritte traf der Newcomer Gebhard, Jahrgang 1994, die fünfzehn Jahre ältere und damals schon seit längerem in der Szene aktive Annette Flemig. Mit ihren Texten in der Hand saßen beide beim Lichtenberger Tubeslam nebeneinander auf der Bühnencouch. „Annette hat mich ein bisschen unter ihre Flügel genommen“, erinnert sich Gebhard. Die Chemie zwischen beiden stimmte sofort, als es wenig später für Flemig das Angebot gab, einen Slam auf dem RAW-Gelände zu leiten, war die Kooperation der beiden schnell besiegelt.

„Freunde von mir hatten den Plan, hier einen eigenen Poetry Slam zu etablieren und fragten mich, ob ich das aufbauen würde“, sagt Flemig. „Allein wollte ich als Moderatorin aber nicht dastehen und als Partner war Max meine erste Wahl“. Seit März 2014 hat sich das Duo seither bestens eingespielt, der Tempel Slam ist heute einer der größten Poetry Slams in Berlin. An jedem dritten Sonnabend im Monat stehen die beiden gemeinsam auf der Bühne des „Weißen Hasen“, präsentieren die Gäste, küren die Gewinner und machen dem Publikum Beine, damit es die Autoren gebührend bejubelt.

Die besten Poetry-Slammer treten hier auf

Mit ihren eigenen Texten treten Max Gebhard und Annette Fleming anderswo auf, beim Tempel Slam dienen sie ausschließlich der Sache der eingeladenen Autoren. Flemig ist in dem Gespann so etwas wie das „Orga-Team“ und Gebhard gewissermaßen der Programmdirektor. Abgesehen von seiner Einbindung in die Berliner Lesebühnenlandschaft, ist er mit seinen Texten zwischen zehn und zwanzig Tagen pro Monat in ganz Deutschland unterwegs, daher kennt er die Slam-Szene samt ihrer Protagonisten in- und auswendig.

Gebhard lädt die Teilnehmer ein, macht sich Gedanken über die richtige Zusammenstellung und holt die „featured poets“ ran – prominente Slammer wie Jason Bartsch zum Beispiel, der am 17. Oktober auftreten wird; Bartsch ist amtierender Poetry Slam-Landesmeister von NRW. „Generell wollen wir hier die besten Poetry Slammer aus dem deutschsprachigen Raum und aus Berlin präsentieren“, sagt Gebhard, „unser Slam funktioniert deswegen auf Einladung, und nicht als offene Bühne, was sonst häufig der Fall ist.“ Die garantiert hohe Qualität der Beiträge zieht immerhin bis zu dreihundert Besucher pro Veranstaltung an.

Von dieser Kunst leben können die allerwenigsten

Annette Flemig arbeitet tagsüber als Kindheitspädagogin in einer kleinen Friedrichshainer Kita. Texte für Poetry Slams zu schreiben und selbst welche zu organisieren ist ihr zeitaufwendiges Hobby. So wie für die meisten Poetry Slammer - die Szene besteht zum übergroßen Teil aus unverbesserlichen Enthusiasten. Von dieser Kunst leben können die allerwenigsten.

„Es gibt sehr wenige Slams, die über Spesen oder Reisekosten hinaus nennenswerte Honorare zahlen können“, sagt Gebhard. Das sieht beim Tempel Slam nicht anders aus. Preisgelder sind etwas, das es im arrivierten Literaturbetrieb gibt, im Weißen Hasen winkt dem Gewinner dagegen traditionell eine Flasche Rum als Entlohnung, „und die wird üblicher Weise gleich im Anschluss mit allen anderen Mitstreitern des Abends ausgeleert“, lacht Flemig.

Der Sieger wird per „Applausabstimmung“ gekürt

Apropos Gewinner. Ermittelt wird der nicht etwa von einer Jury, sondern per „Applausabstimmung“. Beim Tempel Slam treten neun Poeten in drei Mal drei Runden gegeneinander an. Nach jeder Runde stehen Flemig und Gebhard auf der Bühne und moderieren die Abstimmung, geben Zeichen, wann losgejohlt und geklatscht werden kann und versuchen anhand des Lautstärkepegels die Besten zu ermitteln. Die drei Gewinner der einzelnen Runden, treten am Ende dann noch einmal im Finale gegeneinander an. Dieses Procedere läuft selten bierernst ab und ist an sich schon ein unterhaltsamer Teil jedes Slams.

„Häufig ist es wirklich schwer, den Lärm des Publikums zu deuten“, sagt Annette Flemig, „als Alternative fordern wir die Leute dann zum Gehörlosenapplaus auf“. Auf akustische Äußerungen muss dann verzichtet werden und der Grad der Zustimmung zu einzelnen Texten des Abends wird über Handhaltung und Bewegungen signalisiert. Fast surreal wirkt so eine Szene, sei bei Poetry Slams aber gar nicht unüblich, so Flemig.

Stilistisch ist alles erlaubt, die Mischung macht’s

Stilistisch erlaubt ist bei den Poetry Slams übrigens alles, „das ist eine der Grundlagen von Slams“, sagt Gebhard. Von Raps und Beatbox über Lyrik bis hin zu vergleichsweise häufig vorgetragener unterhaltsamer Prosa ist alles erlaubt. Die Mischung macht’s, wie Flemig und Gebhard als Veranstalter gelernt haben. Mit ihrer Expertise sind sie in der Slam Szene gefragt und können sich nach ihrem Tempel Slam selten einen Monat lang ausruhen. Vom 12. bis zum 15. November zum Beispiel findet die Poetry Slam Meisterschaft Berlin/Brandenburg statt, die beide schon tatkräftig mitorganisieren.

Der Weiße Hase Revaler Straße 99 (RAW Gelände), Friedrichshain, der nächste Tempel Slam findet am Sonnabend (17.10.) um 20 Uhr statt. Eintritt 7 Euro, ermäßigt 5 Euro, Infos im Internet unter www.facebook.com/Tempelslam