Welche Sehenswürdigkeit sie denn besichtigen wollten, fragt die Betreuerin den Schriftsteller Jochen Schmidt und seine Begleitung bei ihrem Besuch in Nanjing. Auf dem Programm steht das Grab des letzten Ming-Kaisers, ein Museum, die Stadtmauer. Schmidt will nicht. Er will einfach nur durch die Stadt laufen. Das aber kann er der Vertreterin der Sehenswürdigkeiten nicht verständlich machen. „Hello, Sir, where are you walking“, fragen ihn auch die Rikschafahrer. „I’m walking“, antwortet der. „No, no walking too far“, sagen sie. Dabei wissen sie gar nicht, wohin er will. Schmidt allerdings auch nicht.

Für Schmidt ist alles sehenswürdig. Und durch seine Betrachtung macht er Dinge auf für den Leser interessant, die uns eigentlich alltäglich erscheinen. Um das zu erkennen, muss man ihn aber nicht bis nach Ninjang begleiten. Diese besondere Perspektive auf die Welt bemerkt man schon in der allerersten Geschichte dieses wundervollen Bandes „Der Wächter von Pankow“, der dieser Tage im C.H.Beck Verlag erscheint, und sie zieht sich durch alle weiteren durch. Ein junger Mann, der im Supermarkt nach gutem Kaffee fragt gerät zu einem Exkurs über Schuldgefühle, Konsum und Jugend. Das Kind, das neuerdings lieber im Wohnzimmer spielt, inspiriert ihn zu einer kleinen Farce über Gentrifizierung, den Prenzlauer Berg und die spanische Invasion. Alles ist dabei etwas irre, sehr eigensinnig und kühn genug verknüpft, um nicht zu einer mahnenden Universaltheorie zu gerinnen.

Von Feinden umgeben

Jochen Schmidt, viel alltäglicher könnte ein Namen wohl nicht sein. Die Mutter hat ihren neugeborenen Sohn nach kurzer Betrachtung nach dem sportlichen Onkel benannt, nicht nach dem künstlerischen. Vielleicht hat den Sohn das ja inspiriert, lebenslang über diesen gewöhnlichen Namen herauszuwachsen, gerade mit der ungewöhnlichen Betrachtung von Gewöhnlichem.

„Ich würde ja gern die letzten 30 Jahre meines Lebens damit verbringen, mir die ersten 30 Jahre als Film anzuschauen“, sagt der Erzähler in der Titelgeschichte. Und man wäre sehr gerne dabei, um zu erfahren, was Schmidt noch alles so denken kann über alles und nichts. Einen Einblick, wie dieser Film aussehen könnte, hat Jochen Schmidt bereits in seinem gemeinsam mit David Wagner veröffentlichten Band „Drüben und Drüben“ (Rowohlt Verlag, 2014) gegeben, zwei Kindheiten, einmal in West- einmal in Ostdeutschland. Schmidt erforscht da die Plattenbauwohnung, in der er aufgewachsen ist, die Dichtungsmasse in der Nasszelle, die Bücher im Regal der Eltern, die Betonwände, in die man keinen Nagel hauen kann und den Zusammenhang mit dem Universum.

Dieses Erzählprinzip verfolgt er auch in seinem neuen Buch, etwa in der Geschichte von den Briefmarken. „Die Philatelisten lebten den Traum vom ewigen Frieden vor, indem sie über Grenzen hinweg ihre Leidenschaft teilten und über Jahre Kontakt pflegten.“ Die DDR, in der Schmidt aufwuchs, sei im Gegensatz dazu immer militarisiert gewesen, weil man ja angeblich von Feinden umgeben sei. Über das Sammeln von Briefmarken erklärt Schmidt eine ganze Mentalitätsgeschichte: „In unserem Land verhielt sich die Bevölkerung ja ihrer Regierung gegenüber wie eine aufmüpfige Schulklasse, die darauf lauerte, dass dem Lehrer mal der Hosenstall offensteht. Zum Beispiel war einmal eine Marke erschienen auf der es so aussah, als würde ein Angehöriger der Interbrigaden einem NVA-Soldaten in den Rücken schießen.“ Zudem sah der Soldat aus wie ein Chinese. Die Marke wurde am selben Tage zurückgezogen. „Solche Missgeschicke waren beliebt, weil sie zeigten, dass es mit der Regierung zu ende ging“, erklärt Schmidt. Und es bleibt offen, ob es damals wirklich schon auf 89 zuging, oder ob das einfach nur die Hoffnung war, die man in diesen kleinen Dingen sehen wollte.

Melancholisch-vergnügte Traurigkeit

Schmidts Werk ist gerne mal intellektuell, ohne dabei dünkelhaft zu werden. Er hat einen Blog geschrieben, in dem er über Monate seine tägliche Proust-Lektüre dokumentierte, zusammen mit der Zeichnerin Line Hoven schuf er die Schmythologie, eine Serie in der „Faz“, die dem griechischen Ursprung von Wörtern nachforscht.

Die DDR, was sie war und was von ihr bleiben wird, das ist eines der größeren Themen des Erzählers Jochen Schmidt. Viele Autoren, die wie der 1971 geborene das System noch selbst erlebt haben, beschäftigen ähnliche Fragen. Sogar die, die beim Fall der Mauer kaum über das Gitter ihres Laufstalls schauen konnten, schlachten ja längst den Verkaufswert einer vermeintlichen DDR-Vergangenheit aus. Bei Schmidt aber ist diese Beschäftigung von einer großen Innerlichkeit getragen, und nicht vom billigen Geschmack von Letscho und Spreewaldgurke, die mittlerweile sogar im Grenzland von Belgien bekannt sein dürften. Selbst bei den historischen Daten schwelgt er nicht im Pathos. Am 9. November 1989, an Schmidts 28. Geburtstag, fällt die Mauer. Er ist zu dieser Zeit Soldat und wurde mitten in der Nacht zum Küchendienst geweckt. „Ein paar Stunden mehr Schlaf wären mir lieber gewesen“, schreibt Schmidt (Eine Volte, die noch besser wäre, wenn sie nicht schon in seinem Wendebuch gestanden hätte.).

Den Abend lieber allein verbringen

Um den Erzähler Jochen Schmidt zu verstehen, sollte man dringend zu einer seiner Lesungen gehen. Dabei vermittelt sich am besten diese melancholisch-vergnügte Traurigkeit, in der er seine Geschichten erzählt. Wie er es ausdrückt: „Die Aufgabe von Literatur ist es doch, den Menschen klarzumachen, dass es ihnen schlechter geht, als sie denken.“

Einen roten Faden kann man in den Geschichten vom „Wächter von Pankow“ nicht erkennen. Es ist vielmehr ein Buch mit Beobachtungen, Protokollen und Erzählungen, die einfach gerade fertig oder die noch übrig waren. Oder die vielleicht nirgendwo anders rein gepasst hätten. Lesenswert sind sie alle.

Schmidt nimmt sich viel Zeit für seine Betrachtungen. Das sieht man gut in seiner Momentaufnahme zu Pfingsten, in der der Erzähler nichts zu tun hat und alleine in einem Café sitzt. Es ist zu früh für ein Bier und Kaffee hat er schon zu viel getrunken. „Man hängt um diese Zeit in der Luft, ein bisschen wie Jesus in der Zeit zwischen Kreuzigung und Grablegung“, schreibt Schmidt. „Ich könnte ja auch eine Reihe Bekannter anrufen und fragen, was sie heute machen. Vielleicht sitzen sie irgendwo zusammen und warten auf ein Zeichen von mir. Dann würden wir den Abend gemeinsam verbringen und ich würde mir wünschen, wieder allein zu sein.“