Es gibt auf dieser Welt vielerlei Möglichkeiten Menschen zu demütigen, die nicht in einer Paarbeziehung leben. Man kann ihnen Blind-Dates aufdrängen, man kann sie bei jedem traurigen, übergewichtigen Mann, der einem über den Weg läuft fragen, Mensch, wäre der nicht was für dich? Der ist doch total nett. Man kann ihnen vom eigenen Paarglück vorschwärmen und sie dann ganz fest drücken und sagen: Ach Du, für Dich finden wir auch noch einen.
Die schönste Demütigung aber ist und bleibt der Single-Tisch. An dem landet Rebecca ausgerechnet bei der Hochzeit ihres besten Freundes, ausstaffiert mit einer großen, weißen Schleife, die alle Alleinstehenden an diesem Abend tragen. Nicht überraschend verliert sie das Konzept, als sie wenig später ihre Rede als Trauzeugin halten soll. Sie flippt aus, schimpft, verlässt die Feier und macht sich im nächtlichen Berlin auf die Suche nach einem Ort, wo Singles sehr viel besser aufgehoben sind, als an Sammeltischen: Einer Bar.
„Männer und Frauen können nicht befreundet sein“, so hieß es einst bei Harry und Sally, der amerikanischen Rom-Com, die uns seit den späten Achtzigern verfolgt. Die Liebeskomödie „Süßer September“ nach dem Buch von Sathyan Ramesh greift diese Idee auf.
Sie wandern durch die Nacht in Berlin
Bruno, ein nicht mehr ganz taufrischer Single im Schlabberlook, den Rebecca in der Bar aufgabelt hat, erklärt gleich in einer der ersten Szenen: „Männer und Frauen können überhaupt nur befreundet sein. Alles andere ist Doppelselbstmord in Zeitlupe.“ Bruno hat sehr dezidierte Ideen, was das Liebesglück angeht: „Ich bin nicht gegen Paarbeziehungen an sich, Paarbeziehungen sind gegen Menschen an sich.“ Als er das sagt, haben Bruno und Rebecca gerade ihre erste Nacht miteinander verbracht. Nicht als Liebhaber, aber als zwei, die sich gefunden haben in ihrer jeweiligen Einsamkeit. Gemeinsam wandern sie durch die Nacht in Berlin und man hätte ihnen gerne noch viel länger zugehört und zugeschaut, aber der Film hat sich auch noch etwas Handlung vorgenommen.
Rebecca und Bruno sind das, was man als Underachiever bezeichnet, weil es durch das Englische so klingt, als beschreibe man hier ein cooles Lebenskonzept. Rebecca, die Fotografin, arbeitet an der Rezeption einer kleinen Hotelklitsche, Bruno, der Restaurantbetreiber, ist bei der Telefonauskunft gelandet.
Runtergeschraubte Erwartungen
Irgendwie haben sie den Mut nicht aufgebracht, das zu tun, was sie wirklich wollen. Das gilt auch für Liebe. Rebecca hat sich durch neun Jahre mit Ludwig gehangelt, in denen sie ihre Erwartungen immer mehr runtergeschraubt hat, bis er sie schließlich für eine andere verlassen hat, mit der er alle von Rebeccas Wünschen erfüllte. Bruno hat es nicht ertragen, dass Joelle von ihm geliebt werden wollte. Also verließ sie ihn. Jetzt haben beide mit dem Thema abgeschlossen. Kein Interesse mehr an der Suche nach dem Glück.
Einer, der nicht geben kann, trifft eine, die nicht gehen kann, und sie freunden sich an. Zumindest sieht es eine Zeit lang so aus. Aber wir befinden uns ja in einer romantischen Komödie, und darum kommt der Freundschaft die Liebe dazwischen. Allerdings zunächst nicht so, wie man es erwartet hätte. Menschen, die eigentlich Freunde sind, finden sich als Paar wieder. Bis Rebecca schließlich verzweifelt: „Das was wir haben, hat doch mit Liebe überhaupt nichts zu tun.“ Aber was ist sie denn nun, diese Liebe?
„Verwenden Sie Gin für Gin Fizz?“
Dieser Frage forscht der „Süße September“ mit wunderschönen Bildern, ein bisschen Pathos und viel Komik nach. Der Film unter der Regie von Florian Froschmaier lebt vor allem von dem Spiel der beiden Anti-Helden. Caroline Peters als Rebecca ist in bester Screw-Ball Laune. Wenn sie den Kellner fragt: „Aber Sie verwenden schon Gin für ihren Gin Fizz?“, oder wenn sie versucht, gelassen hin zu nehmen, dass ihre vermeintliche große Liebe mal eben ihren Esstisch entsorgt hat und sie mit einer riesigen, grünen Sofa-Landschaft überrascht. Wenn ihr Alternativen zum Essen angeboten werden, wählt sie beide, und als Bruno fragt, wie sie dabei so schlank bleibt pariert sie: „Der Selbsthass zehrt.“ Der Bruno von Misel Maticevic ist jemand, mit dem man über den Rest der Welt lachen kann. Er mausert sich aus seinem anfänglichen Strickjacken und Hausschlappen Stil zu schwarzen Sakkos und existentialistischem Look. Sonst wäre er auch kaum an gleich zwei Frauen vermittelbar gewesen.
Die beiden ironisieren sich durch ihr Leben und ihre Lieben und es fällt ihnen selbst erst relativ spät ein, dass sie vor lauter Ironie das vergessen, was ihnen eigentlich wichtig ist.
„Süßer September“, 25. September 2015, ARD, 20:15 Uhr



