Kultur

Anfang und Ende des Hip-Hops

Vermächtnis: Nach 25 Jahren hat Dr. Dre wieder ein Album veröffentlicht

Schon logisch, dass sich Andre Romelle Young, der erfolgreichste Rapper aller Zeiten, Dr. Dre nennt. Denn wie die meisten Wissenschaftler ist er ganz offensichtlich vor allem mit Drittmittelerwerb beschäftigt. In seinen dreißig Karrierejahren hat er angeblich eine Milliarde Dollar verdient, dabei aber nur zwei eigene Alben aufgenommen, „The Chronic“ (1992) und „2001“ (1999). Ein drittes, „Detox“, war ungefähr 15 Jahre lang angekündigt, wurde aber immer wieder verschoben.

Dr. Dre bastelte an einem Imperium. Designte mit der Firma Monster Cable formschöne Kopfhörer, in denen die Bässe, wie in der elektronischen Musik unverzichtbares Fundament des Hip-Hops, heftiger knallten als bei der Konkurrenz. Die Marke, ohne die sich heute kein Fußballspieler mehr in den Tourbus traut, hieß folgerichtig Beats. Später kam ein gleichnamiger Musik-Streaming-Service hinzu. Im vergangenen Jahr kaufte Apple Beats für mehr als drei Milliarden Dollar, um den Grundstein für den vor ein paar Tagen gestarteten Dienst Apple Music zu legen, auf dem Dre eine eigene Radiosendung hat, „The Pharmacy“. Ein netter Nebenjob. Durch den Deal war Dre der erste Hip-Hop-Milliardär. Parallel hatte er das nächste Supertalent entdeckt, aus Compton, Kendrick Lamar, der sich in kürzester Zeit zum angesagtesten Rapper der Gegenwart entwickelte. Maßgeblicher Produzent von „good kid, m.A.A.d city“ (2012) und von der Großtat „To Pimp a Butterfly“, die an einem Tag knapp zehn Millionen Mal gestreamt wurde: Dr. De.

Gab es je einen Schwarzen, der den American Dream so sehr verkörperte? Höchstens Barack Obama – wobei der mindestens so ein großer Dre-Fan ist wie umgekehrt. Jedenfalls kommt man um diesen biografischen Abriss nicht herum. Denn nun ist diese Geschichte in gewisser Weise zu Ende gegangen, als ziemlich überraschend Dres drittes Album, schlicht „Compton“ betitelt, exklusiv auf iTunes und bei Apple Music erschien (erst Ende des Monats wird man es auch woanders kaufen können). Wenn Rap ein Computerspiel wäre, hätte Dre es als Erster durchgespielt. Nicht in musikalischer, aber in sozialer Hinsicht ist das Projekt Hip-Hop vollendet. Spotify, nebenbei ein einmaliges Instrument der Sozialforschung, hat gerade bekannt gegeben, Hip-Hop sei die weltweit meistgehörte Stilrichtung.

Angesichts dessen ist es fast schon egal, wie Dres drittes Album, ein Vierteljahrhundert nach dem ersten erschienen, eigentlich klingt. Auch wenn es schlecht wäre, wäre es gut. Aber schlecht kann Dre offenbar einfach nicht. Kurz gesagt: Es klingt gut. Dres neueste Freunde, King Mez und Justus, legen entspannt los, in einer Mischung aus der Melancholie derjenigen, die alles erreicht haben, und berechtigtem Größenwahn: „It was all a dream“, um sogleich zu bekräftigen: „I want it all.“ Dres erste Worte: „I just bought California.“ Was ja wirklich kaum übertrieben ist.

Die lustig hüpfenden Kindersynthesizer, die große Teile von „2001“ bestimmten, „Forgot About Dre“ oder „Still D.R.E.“, sind komplett verschwunden. Der Sound ist halb cool groovender Old-School-Hip-Hop, wie auf „Animals“ mit der fantastischen Neuentdeckung Anderson .Paak (mit Punkt vor dem P und einer einzigartig kehligen Stimme; die Spannbreite reicht von Lil’ Wayne bis Bobby Womack), halb vielschichtig gebündeltes Kraftpaket, mit Bässen so tief wie die kalifornische San-Andreas-Verwerfung, gurgelnden Computersounds und klagenden Trompeten.

Dre bedauert im Übrigen die Polizeigewalt, will aber nicht den Umständen die Schuld über das verkrachte Leben Einzelner zuschieben: „Anybody complaining about their circumstances lost me, homey.“