Das SO36 kracht am Dienstagabend aus allen Nähten. Es ist heiß. Es ist stickig. Der Laden kocht. Klimaanlage? Braucht doch kein Mensch. Selbst das Bier im Plastikbecher schwitzt. Und trotzdem sieht man jede Menge fröhliche Gesichter im diffusen Dämmerlicht. Als kurz vor 22.30 Uhr endlich die brasilianische Metal-Familie Soulfly die Kreuzberger Bühne entert, ist kein Halten mehr.
Die Menge tobt und tanzt. T-Shirts fliegen durch die Luft. Arme recken sich in die Höhe, als Max Cavalera, Sänger, Gitarrist und Stammesführer dieser verschworenen Gemeinschaft, mit den Stücken „Frontlines“ und „Fire“ ins Rampenlicht steigt und den Bleifuß aufs Gaspedal tritt. „Jump, Jump, Jump Berlin!“ brüllt Cavalera ins Mikrofon. Und das Getümmel vor der Bühne ergeht sich in einem heftigem Auf und Ab wie die Nordsee bei Windstärke 10.
Bis zur Heiserkeit
Cavalera liebt die Extreme. Seine Musik ist überbordend und aufmüpfig, ständig auf Konfrontationskurs, aggressiv und von voluminöser Wucht. Er brüllt die Zeilen der Songs heraus, schreit Parolen bis zur Heiserkeit, überrascht zwischendurch aber plötzlich mit sonor-rauer Gesangsstimme. Und immer wieder feuert er das Publikum zum Mitmachen an, Refrains werden hemmungslos mitskandiert. Keine Atempause.
Cavalera war in den 80er-Jahren Gründungsmitglied der brasilianischen Thrash-Metal-Band Sepultura. Er hat mit seiner eigenwilligen Sichtweise die Metal-Szene revolutioniert. Mit „Roots“ veröffentlichte die Band 1996 ihr Meisterwerk, auf dem sie Hardcore-Metal mit brasilianischen Rhythmen, extensivem Percussioneinsatz und Indianergesängen verband. Im selben Jahr aber verließ Cavalera die Band im Streit und rief wenig später mit Soulfly sein eigenes Projekt ins Leben.
Calavera feiert seinen 46. Geburtstag
Noch in diesem Monat erscheint mit „Archangel“ das inzwischen 10. Soulfly-Album, das den einmal gefundenen Stil weiter in Richtung Härte perfektioniert. Die Fluktuation der Musiker indes war über die Jahre hoch. Inzwischen ist Soulfly ein nahezu reines Familienunternehmen. Max Cavaleras Ehefrau Gloria ist Managerin der Band, neben dem langjährigen Freund der Familie Marc Rizzo an der Gitarre sitzt inzwischen Cavaleras Sohn Zyon am Schlagzeug, Bass spielt seit kurzem Cavaleras zweiter Sohn Igor. Eine furiose Familien-Bande.
Während Stücke wie „Blood Fire War Hate“ oder „Refuse/Resist“ mit furchteinflößendem Druck in den Saal pumpen, gibt Cavalera zwischendurch den netten Ansager, lächelt und freut sich über die Eruptionen, die er provoziert, ist der sympathische Alternativ-Daddy mit Bart und Zottelmähne, der gleich darauf wieder in seine Explorer-Gitarre im Camouflage-Design drischt, wobei er stets nur die oberen vier Saiten nutzt. Die Menge stimmt sogar ein „Happy Birthday“-Ständchen an. Cavalera feiert an diesem Abend in Berlin seinen 46. Geburtstag.
Schweißnass und glücklich
Als Vorgeschmack auf das neue Album spielen Soulfly die merklich auf Breitenwirkung kalkulierte Thrash-Hymne „We Sold Our Souls To Metal“, ein schwermetallenes Stimmungslied, das dem Publikum bereits locker und lautstark von der Zunge geht. Und bei „Carved Inside“ entfährt ihm tatsächlich der Ramones-Schlachtruf „Hey, Ho, Let’s Go“. Und jetzt alle! Die Stimmung ist ausgelassen, ein bisschen wie Woodstock, nur halt mit der Dampframme wiedererweckt.
Die teils folkloristischen, teils weltmusikalischen Elemente, die Cavalera früher seinem Soundgetöse untergejubelt hat, kommen so gut wie nicht mehr vor. Einzig „Tribe“ wechselt auf einmal in einen schwerfällig stampfenden Reggae-Trab. Der größte Jubel allerdings brandet auf, als sich zum Finale der brachiale Sepultura-Klassiker „Roots Bloody Roots“ in das SO36 schiebt. Im Zugabenblock wird noch einmal mit „Jumpdafuckup“ auf Tempo gespielt. Schweißnass und glücklich liegen sich tätowierte Männer und Frauen in den Armen. Einer findet sein T-Shirt nicht mehr. Draußen hat es inzwischen geregnet.


