Das Melt-Festival, der Spielplatz der ewigen Jugend, nur anderthalb Stunden von Berlin, es ist jetzt erwachsen. Zur Volljährigkeit, zum achtzehnten Mal, hat es Kylie Minogue eingeladen. Sie ist Headliner, das heißt, jeder schaut hier mal vorbei, alles drängt sich, dicht an dicht. Die kleine Frau trägt rot von Kopf bis Fuß. Sie singt ihren ersten Hit: „I Should Be So Lucky“.
Es ist Musikgeschichte. Und wow, das singt sie, und sie meint es auch so. Denn Kylie sagt, sie hat sich von diesem Auftritt rein gar nichts erwartet, aber nun sei sie begeistert. Die Kids hier, die seien nicht nur „alright“, die seien „awesome“. Freude. Die Kids, die können nicht anders, die applaudieren, während Minogue, das unermüdliche Showpony, schon weiter trabt die Bühne rauf und runter. Umgeben von Tänzerinnen, die sie „beautiful“ findet, genau wie das Publikum natürlich. Wieder Applaus.
Immer auf Jubel aus
Sie gibt „Your Disco Needs You“, ihren Hit, von Robbie Williams und Guy Chambers geschrieben, sie salutiert dazu, macht deutlich, sie steht allzeit bereit. Immer im Dienst der Unterhaltung. Immer auf Jubel aus. Mal fordert sie alle auf, wieder an die Liebe zu glauben, dann sagt sie: Quatsch, wir, das Publikum, das sollte einfach mal so herummachen. Was sie auch sagt, das Publikum sieht sich nach fast jedem Song an, überrascht. Ach, der Song ist auch von ihr? Und der? Man nickt. Hit an Hit. Kylie will gefallen, streut dann etwas ein, das nicht von ihr ist. Sie hat sich überlegt, was könnte Deutschland, den Kids des Melt-Festivals besonders gut gefallen? 99 Luftballons? Und so, es ist Sonnabendabend in Gräfenhainichen, Landkreis Wittenberg, singt Kylie Minogue aus Melbourne, Australien, ein Lied von Nena aus Hagen, Westfalen.
Ein Festival zu besuchen, das ist natürlich immer ein gutes Quäntchen Wahnsinn. Drei Tage stellt man sich komplett in den Dienst der Musik. Gibt sich und seinen Alltag auf, steht nur auf, um zu trinken, tanzen, feiern, sich aufzulösen in Musik und Masse. Tagsüber bei 35 Grad schmilzt alles zusammen. Mit Zwanzigtausenden stampft man Konfetti in den weichen Lehmboden. Wird zu einem großem, mit Glitzerschminke bestäubten Jugendball, der von der Wiener Band Wanda rüber rollt zu den Österreichern von Bilderbuch, die ihre Männlichkeit als Maschinen beschreiben, als Auto, in dem die Frauen mitfahren dürfen.
Mit der Schwedin Tove Lo feiert man, dass der Indie-kompatible Pop nicht tot ist. In ihrem silbernen Rock reflektiert sich der Sonnenschein, während sie von schlechten Gewohnheiten singt. Etwa, dass sie ihr Abendessen in der Badewanne isst, oder auch, dass ihr Überschwang nicht von Drogenkonsum herrührt, nein, ihr Übermut kommt allein von der Liebe. Das Publikum vor ihr versteckt nicht nur seine Augen hinter Sonnenbrillen, es trägt auch Spice-Girl-Haar-Hörnchen und Tattooketten am Hals. Das macht man jetzt wieder so. Die 90er-Jahre sind jetzt wieder in.
An der Big Wheel Stage gibt es House-Musik. Zum Beispiel von David August aus Hamburg. Hier tanzen männliche Strohhut-Gangs neben Junggesellenabschieden. Es ist heiß, man macht sich gegenseitig mit Wasserpistolen nass. Man lacht, kreischt, küsst und vergisst, biergierig. Gediegener geht es dagegen im Zirkuszelt zu. Hier gibt sich Deutschlands liebste, klügste und aufgeräumteste Diskurspopband Tocotronic die Ehre. Es heißt, sie wollten im Zelt spielen, weil sie die Atmosphäre so mögen. Nun, die Atmosphäre ist warm, sie ist dicht und dick. Die Luft steht, sie spielen „Samstag ist Selbstmord“ und ihr aktuelles, rotes Album. Aber sie sind wahrlich Rebellen, die aktuelle Single „Rebel Boy“, die spielen sie nicht.
Buffet voller Konzerthappen
Ein Festival, das sind nie viele Konzerte, das sind immer viele Konzerthappen. Es ist ein großes Buffet, das am Anfang noch nach Duschgel, Sommerferienlager und Pustefix riecht und am Ende dann zeigt, dass Energie ein bisschen endlich ist. Ein Festival, und besonders das Melt, testet seinen Besucher und dessen Willen, dessen Liebe zum Exzess. Am Freitag gab es erst 35 Grad und dann, Sonnabendmorgen, tennisballgroße Hagelkörner. Unwetterwarnungen gehen raus in Ferropolis, der „Baggerstadt“ von Gräfenhainichen. Aber der Spuk ist schnell vorbei.
Der Besucher feiert schon wieder, auch ungeduscht mit Giorgio Moroder. Dem Vater der Synthie-Disco. Die Kids kennen ihn jetzt auch, lieben ihn, seit er den French-House-Künstlern Daft Punk 2013 musikalisch seine Lebensgeschichte erzählt hat. „Giorgio by Moroder“ heißt das Stück. Er spielt es nicht. Dafür einen wilden Ritt durch das Disco-Repertoire der letzten 40 Jahre. Er lässt Britney Spears „Tom’s Diner“ singen. Mischt den norwegischen DJ Kygo mit „Firestone“ direkt neben „Flashdance“ von Irene Cara.
Alles geht hier schnell durcheinander, er zieht die Regler, hoch und runter. Hit auf Hit auf Hit. Die Leinwand hinter ihm zeigt ein Kaleidoskop. Und die Kids, die machen all das mit. Auch wenn man im Matsch auf der Erde immer mal wieder einen erschöpften Besucher findet. Einer hat noch seine Action-Kamera auf der Stirn, sie blinkt, sie zeichnet auf, an was er sich niemals erinnern wird. Aber keine Sorge, er hat das alles genau so gewollt. Einmal im Jahr. Da will er, Melt – wegschmilzen.
Die größte Stärke des Melt-Festivals liegt fraglos im Electro, im Techno. In Jon Hopkins etwa, einem Mann, einem DJ im weißen T-Shirt, aus London, der am Sonnabend ganz allein die riesige Hauptbühne schließt. Er lässt einen Bass wie ein Maschinengewehr auf das Publikum los, das nach jedem Schuss – ein wirklich sattes Peng, Peng, Peng – seitlich in sich zusammensackt. Licht. Schuss. Licht. Keine Musik, eine Salve, eine Löschung, die vom Nasenbein durchs Mark geht. Und genau so geht eben immer noch Eskapismus. Dixi-Klo hin, Dixi-Klo her.





