Konzert in Berlin

Pop als Volksfest - Mumford and Sons in der Waldbühne

Mumford and Sons sind eine Konsensband. Zum ausverkauften Konzert kamen Fans jeden Alters - und die Band applaudierte dem Publikum.

Marcus Mumford bringt Tausende zum Mitsingen

Marcus Mumford bringt Tausende zum Mitsingen

Foto: Jose Sena Goulao / dpa

Von der S-Bahn geht man an vermoosten Tennisplätzen entlang. Zwei Getränkeverkäufer reden über Flaschenpfand, rechnen ihn um in frischen Alkohol. Selbst die Naziarchitektur des Glockenturms am Olympiastadion sieht im Sommerlicht ganz okay aus. Irgendwo wiehert ein Pferd. Die Sonne steht tief über dem Kessel der Waldbühne als die Vorbands fertig sind. Tritt man über die Kante, die ersten Stufen hinunter, taucht man in einen See aus Gemurmel – viel Englisch, dazu deutsche Akzente aus allen Ecken der Republik. Ausverkauft heißt hier wirklich mal: ausverkauft. Ein Teppich aus Menschen breitet sich unter einem aus. Alter: zwischen 16 und 60. Schon vor dem ersten Ton ist klar: Wir sind zu Gast bei einer Konsensband.

Ein paar Beach Boys schlendern barfuss durch den Staub, braungebrannt, oben ohne. Andere haben sich in Schale geschmissen, dunkles Hemd zur Anzughose. Dazwischen besoffene, tätowierte Hipster mit Basecap und Bart, aber auch nicht mehr ganz junge Damen mit Blumenkronen im Haar. Eisverkäuferinnen in Hot Pants joggen die steilen Treppen rauf und runter. Tabletts voller Bier und Pommes werden geschleppt. Man steht um blaue Mülleimer herum, die als Stammtisch dienen, prostet sich zu: Auf Berlin!

Unten im Kessel gibt es derweil spontane La-Ola-Ausbrüche, bis hoch in die obersten Ränge. Man steht einander gegenüber, dirigiert sich gegenseitig, feuert sich an. Ein schöner Moment von Selbstorganisation. Pop als Volksfest. Wer braucht da eigentlich noch eine Band? Dann weht endlich eine kühlere Brise durch den Wald herüber, vermischt mit Bratwurstdunst und den ersten Takten von „Snake Eyes“. Alle springen auf von ihren Sitzen, machen richtig Lärm, klatschen mit. Guten Abend, sagt Marcus Mumford auf Deutsch, und dann noch oft: Danke schön.

Lust zu spielen, Lust auf Zuhörer

Eine stadiontaugliche Stimme hat er, mit zischenden S-Lauten, schnittig und präsent. Das ist schon mal was, das kannst du nicht kaufen. Dazu tragen die Jungs eine Mischung aus 80er-Retro-Look – Jeanshemd, Goldkettchen, Muscle Shirt – und Stilbruch: die langen Haare von Gitarrist Winston Marshall sehen eher nach 70er Art Rock aus. Das ist gut, das erweitert das Spektrum, das Zielpublikum. Keyboarder Ben Lovett mit dem Schulterrudern eines jungen Hundes ist gleichermaßen girl- wie boy-kompatibel. Und die andern sehen gerade normal genug aus, das Identifikationsband nicht zum Reißen zu bringen. Das könnten doch wir alle sein, da auf der Bühne!

Aber halt: irgendwie nicht. Und in solchen Kategorien denken würden auch nur Casting-Shows. Und genau denen entstammen Mumford and Sons eben nicht. Die haben sich aus dem Probekeller in West London hochgespielt zu mehreren Top-Five-Alben, zum Headliner des Glastenbury Festivals, zu gleich zwei Konzerten in der Waldbühne. Und bei aller Professionalität merkt man das noch immer: die Lust zu spielen, die Lust auf Zuhörer. Marcus Mumford sagt so Sachen wie: „We’re gonna have some fun tonight. You’re awesome, we love you”. Und man nimmt es ihm ab.

Gleich als zweites spielen Mumford and Sons ihren Über-Hit „I will wait“, mit Standbass und Banjo, zwei Bläsern dazu, perfekter Chorgesang. Ben Lovett macht zum Break, den alle regelrecht mitatmen, ein Victory-Zeichen. Und auch wenn das alles fast ein bisschen zu sehr wie aus dem Radio gesendet klingt: gewonnen haben sie schon jetzt. Und je länger das Konzert dauert, je dunkler die milde Nacht wird, desto höher fällt das Ergebnis aus.

Große Melodieaufschwünge zum Mitsingen für Tausende

Bei einigen Songs des neuen Albums gibt es zwar Zeit für ausgiebiges Getränkenachschub-Holen, Quatschen und Selfies-Machen. Normal in diesen Live-Ticker-Zeiten, in denen kein Augenblick mehr wirklich ist, wenn man ihn nicht festgehalten und medial geteilt hat. Spätestens bei „Lover of the Light“, druckvoll und dynamisch von a capella zu krachigem Folk Rock, sind aber alle wieder am Start. Eine sehr junge Blondine mit Sonnenbrille singt jede Zeile mit, entrückt den Kopf in den Nacken gelegt. Ihre Freundin ist nicht ganz so textsicher, aber egal. Mumford and Sons sind, scheint es, so oder so eine Mädchenband. Die meisten Jungs sehen – selbst wenn sie mit ihren Kumpels da sind – eher wie Begleitungen aus, freundliche Danebensteher.

Den Mittelteil des Konzerts füllen Balladen wie „Broad-Shouldered Beasts“, die in ihren stillsten Momenten noch einen Cinemascope-Touch haben – große Melodieaufschwünge, die dafür gemacht sind, dass Tausende sie mitsingen. „Shall we sing a song together?“, fragt denn auch Marcus Mumford. „Its’ fucking easy.” Und das ist es tatsächlich: sehr einfach, aber auch sehr schön. „Where you invest your love, you invest your life.” Popmusik eben. Simple Wahrheiten. Bei „Ghosts that we knew“ machen alle die Lampen in ihren Handys an. Sie leuchten wie Glühwürmchen des digitalen Zeitalters. „Give me hope in the darkness / that I will see the light“. Dann machen sie noch mal das mit der Welle. Die Band applaudiert dem Publikum.

Hinter der Bühne wird der Wald angeleuchtet. Marcus Mumford steht aufrecht auf einer Monitorbox, in schwarzem Hemd, den Schellenring in der Hand. Er sieht aus wie ein verschwitzter Heiliger. Ein Junge rennt mit erhobenem Riesendisplay filmend eine Treppe runter, direkt in die Menge. Weg ist er. Auf dem Weg zur S-Bahn, später, kommt einem jemand entgegen, der singt den selben Song, den man eben auch als Ohrwurm hatte: „I'll kneel down / Know my ground / Raise my hands / Paint my spirit gold“ – nur in einer anderen Tonart.