Kommentar

Die Nachwahl bei den Philharmonikern hat sich gelohnt

Die Philharmoniker haben einen neuen Chef: Kirill Petrenko ist nicht die erste, aber eine vielversprechende Wahl, meint Volker Blech.

Diesmal ging alles still und heimlich vor sich. Die Berliner Philharmoniker haben ihren neuen Chefdirigenten gewählt: Kirill Petrenko.

Video: Abendschau, RBB
Beschreibung anzeigen

Der Coup ist den Berliner Philharmonikern gelungen. Überraschend wird am Montagmittag verkündet, dass der Russe Kirill Petrenko zum neuen Chefdirigenten gewählt wurde. Am Sonntagfrüh haben sich die Musiker unbemerkt getroffen, diskutiert, abgestimmt und den Dirigenten gegen Mittag angerufen. Und Petrenko hat Ja gesagt. Mal abgesehen davon, dass er eine künstlerisch vielversprechende Wahl für Berlin darstellt, ist jetzt eine große Erleichterung in der Philharmonie zu verspüren.

Die Namensnennung ist der Schlusspunkt unter einem misslichen Vorgang. Dass die Musiker ihren Chefdirigenten selber wählen können, ist ein weltweit einzigartiges Privileg. Aber das Wahlprozedere für den Nachfolger von Simon Rattle, der das Orchester 2018 verlässt, war zuvor aus dem Ruder gelaufen. Anfang Mai musste der international aufmerksam verfolgte Wahlmarathon, der gerne mit einer Papstwahl im Klassikbetrieb verglichen wurde, ergebnislos abgebrochen werden.

Absagen von Stardirigenten

Offenbar haben die Philharmoniker gute Berater, die ihnen einen weiteren Imageverlust erspart haben. Die schnelle Nachwahl in aller Heimlichkeit hat sich gelohnt: Petrenko ist ein Künstler, der im Klassikbetrieb einen guten Ruf hat. Vor allem als Opernspezialist. Derzeit ist er Chef der Münchner Oper und ein Zugpferd bei den Bayreuther Festspielen. Sein Name tröstet darüber hinweg, dass er nicht die erste Wahl ist. Die war ja im Mai gescheitert.

Und obwohl sich die Philharmoniker über alle internen Vorgänge ausschweigen, sind doch einige Absagen von Stardirigenten bekannt. Altmeister Mariss Jansons verlängerte Anfang Mai lieber seinen Vertrag beim BR-Symphonieorchester und nahm sich aus dem Rennen. Daniel Barenboim hatte im Vorfeld abgewunken und inzwischen das Richtfest seiner Barenboim-Said Akademie in Berlin gefeiert. Ihm geht es an der Staatsoper Unter den Linden bestens. Shootingstar Andris Nelsons hat sich fest nach Boston versprochen. Und nicht zuletzt musste der Berliner Christian Thielemann nach der Wahl im Mai einsehen, dass er bei den Philharmonikern keine absolute Mehrheit bekommen kann. Thielemann galt im internen Sprachgebrauch als die deutsche Lösung. Mit ihm wäre die alte Karajan-Tradition und das Pultherrschertum wiederbelebt worden.

Mit Sicherheit kein Putin-Anhänger

Aber Thielemann fand keine Mehrheiten in einem Weltklasseorchester, dass sich eben nicht mehr deutsch, sondern international definiert. Dessen Musiker aus 23 Ländern kommen und das seine Pressekonferenzen auf Deutsch und Englisch abhält. Die Philharmoniker sind bekannt dafür, bei jedem Chefwechsel auch neue Trends setzen zu wollen.

Mit Kirill Petrenko tritt jetzt ein Russe ans Chefpult. Aber er ist mit Sicherheit kein Putin-Anhänger, im Ukraine-Konflikt hat er sich für Mitmenschlichkeit eingesetzt. Petrenkos Familie war nach antisemitischen Erfahrungen in der Sowjetunion Anfang der 90er-Jahre nach Österreich ausgewandert. Der Dirigent bringt ganz andere Lebenssichten mit als seine Vorgänger, der Italiener Claudio Abbado und der Brite Simon Rattle. Und auch, wenn Petrenko es in seiner Verschlossenheit so nie sagen würde, er wird der erste jüdische Chefdirigent in der mehr als 130-jährigen Geschichte der Berliner Philharmoniker sein.

„Man kann es gar nicht in Worte fassen“, ließ Petrenko am Montag mitteilen, „was in mir gefühlsmäßig vorgeht: von Euphorie und großer Freude bis zu Ehrfurcht und Zweifel ist da alles drin.“ Mit Petrenko haben sich die Philharmoniker einen scheuen und zweiflerischen Pultmagier ausgesucht. Er ist kein strahlender Kommunikator wie Sir Simon, sondern ein künstlerisch Besessener. Die Machtverhältnisse innerhalb der Philharmoniker-Stiftung werden sich mit ihm verschieben. Jenseits des künstlerischen Betriebs wird Petrenko einen starken Intendanten an seiner Seite brauchen.