Orchester

Kirill Petrenko wird Chef der Berliner Philharmoniker

Die Rattle-Nachfolge bei den Berliner Philharmonikern ist geklärt: Der Russe Kirill Petrenko wurde zum neuen Chefdirigenten gewählt.

 Kirill Petrenko wird Nachfolger von Sir Simon Rattle

Kirill Petrenko wird Nachfolger von Sir Simon Rattle

Foto: dpa

Die Berliner Philharmoniker hatten am Montag kurzfristig zur Pressekonferenz eingeladen. Im Foyer war mehr provisorisch ein Pult aufgebaut, gegen 13 Uhr erschienen die vier Orchester- und Medienvorstände, und Intendant Martin Hoffmann verbreitete als erster gute Laune. Nach ihm trat Kontrabassist Peter Riegelbauer ans Pult, um zu verkünden, dass Kirill Petrenko bei einer Orchesterversammlung mit großer Mehrheit von den Philharmonikern zum designierten neuen Chefdirigenten gewählt wurde.

Er folgt damit auf Sir Simon Rattle, der das Amt im August 2018 abgeben wird. Wann Petrenko aber in Berlin anfängt, sei noch Thema der demnächst beginnenden Verhandlungen, hieß es auf Nachfrage. Sein Vertrag als Generalmusikdirektor an der Bayerischen Staatsoper läuft noch bis 2018. Kirill Petrenko, 43, ist zweifellos ein großer künstlerischer Gewinn für Berlin.

Wahl in größter Verschwiegenheit

Und die Orchestervorstände wirkten am Montag sichtlich erleichtert. Bereits am 11. Mai hatten 123 wahlberechtigte Philharmoniker versucht, einen Nachfolger zu wählen. Der Wahlmarathon endete am Abend ergebnislos und sorgte für ein großes, teils kritisches Medienecho. Am vergangenen Sonntag fanden sich die Musiker erneut und diesmal in größter Verschwiegenheit am Potsdamer Platz zusammen. Die Wahl begann gegen 9 Uhr, es gab zwei große Diskussionsrunden, und bereits gegen 12.30 Uhr erfolgte der Telefonanruf bei Kirill Petrenko. Er sagte zu und ließ ausrichten: „Ich umarme das Orchester!“

Mit seiner Wahl haben sich die Philharmoniker durchgesetzt, die einen jüngeren, aber bereits künstlerisch gestandenen Dirigenten am Pult haben wollen. Dennoch kam die Wahl von Kirill Petrenko überraschend, denn er hat das Orchester bislang nur dreimal dirigiert und ist vor allem ein Opernspezialist. Ungeachtet dessen ist er ein künstlerisches Schwergewicht seiner Generation, ein in den Proben Besessener und zugleich ein Sensibelchen.

Petrenko wurde 1972 in Omsk geboren und lernte dort zunächst das Klavierspiel. Er hatte eine musikalische Kinderstube, sein Vater war Geiger, seine Mutter Musikwissenschaftlerin. Als Elfjähriger trat er erstmals mit dem dortigen Symphonieorchester öffentlich auf. 1990 übersiedelte die jüdische Familie nach Vorarlberg, wo der Vater eine Stelle als Orchestermusiker und Musiklehrer antrat. Kirill Petrenko studierte schließlich Dirigat an der Musikuniversität in Wien. Nach spektakulären Opernerfolgen in Meiningen kam Kirill Petrenko 2002 als Generalmusikdirektor an der Komischen Oper nach Berlin.

Zum dritten Mal als Dirigent des Jahres

In Berlin hatte sich Petrenko einen rundum guten Namen gemacht. Er wurde zu einem Sympathieträger, auch wenn er öffentlich nicht gerade zugänglich wirkte. In den fünf Jahren am kleinsten der drei Berliner Opernhäuser offenbarte er sich als fleißig, musikalisch unbestechlich und zugleich mutig. Gemeinsam mit Regisseur Calixto Bieito produzierte er mit Mozarts „Entführung aus dem Serail“ den größten Skandal in der Geschichte des Opernhauses. 2007 verabschiedete er sich vom Haus.

Inzwischen wurde er zum dritten Mal als Dirigent des Jahres gewählt, denn auch sein Münchner Haus wurde 2014 zum Opernhaus des Jahres gekürt. „Petrenko ist ein Star, aber kein Monomane“, hieß es in der Würdigung: „Wenn es um die Sache geht, kann er durchaus gesellig sein.“ Die Münchner siegten in vier weiteren Kategorien. So wurde auch das Orchester der Bayerischen Staatsoper seinetwegen zum Orchester des Jahres gewählt.

Da platzte ihm der Kragen

„Kirill Petrenko gibt dem Haus ein musikalisch-geistiges Zentrum“, lobte ihn sein Opernintendant Nikolaus Bachler. Wobei sich die Philharmoniker weniger für seine Opernaktivitäten in München oder Bayreuth interessierten. Sie blickten auf seine stilistische Vielseitigkeit, auf seine Offenheit gegenüber dem Konzertrepertoire. Er hat sie überzeugt. Kirill Petrenko gehört zu den Pultstars, die etwas Magisches entstehen lassen können.

Darüber hinaus gilt Petrenko auch als moralisch integere Persönlichkeit. Als kürzlich die Intrige bei den Bayreuther Festspielen öffentlich wurde, wonach die scheidende Festspielleiterin Eva Wagner-Pasquier für die Probenzeit quasi Hausverbot bekommen sollte, platzte dem an sich schweigsamen Dirigenten der Kragen. „Ich bin zutiefst irritiert in Bezug auf den unprofessionellen und völlig würdelosen Umgang der Bayreuther Festspiele mit der Festspielleiterin Eva Wagner-Pasquier und dem Darsteller Lance Ryan“, teilte er in einer öffentlichen Stellungnahme mit. Er habe sogar überlegt, sein Dirigat bei den Festspielen wieder abzugeben. Denn: „Wo Wagner drauf steht, muss vor allem Mensch drinnen sein.“

In Bayreuth hat Kirill Petrenko am Montag eine Orchesterprobe. Man könnte schon fragen, warum er nicht mal schnell zur Verkündung nach Berlin in die Philharmonie gekommen ist. Aber wer ihn kennt, weiß, dass ihm eine Probe allemal wichtiger ist als öffentlicher Auftrieb. In der Öffentlichkeit, jenseits des künstlerischen Betriebs, wird sich Petrenko immer rar machen. Daran wird man sich in Berlin schon mal gewöhnen müssen.

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