Kunst

Berlin bekommt mit „Box Freiraum“ einen neuen Kunstschatz

Einst hatten die Pferde hier in Friedrichshain ihre Stallungen: Heute sind es Ausstellungsräume, die mit zwei hochpolitischen Schauen eröffnen. Die Stadt hat einen neuen Kunstschatz.

Foto: Reto Klar / Reto KlaR

Die Kunst liegt auf dem Boden. Man könnte über sie drüber laufen. Dann würden die Teppiche, die Marc Quinn weben ließ, sich abnutzen. Die jungen Aufständischen aus Delhi, aus Istanbul, aus Athen, vom Maidan in Kiew, sie würden nicht mehr erkennbar sein. „So wie die Storys in den Nachrichten auch irgendwann in der Erinnerung verschwinden“, erklärt Lena Maculan. Die künstlerische Leiterin des Kunstraums „Box Freiraum“ hat die erste Einzelausstellung des britischen Künstlers in Berlin kuratiert, am Donnerstag wird „History Painting“ von Marc Quinn eröffnet.

Bis dahin muss noch einiges geschehen. Über den beiden neuen Ausstellungsräumen in der Boxhagener Straße 96 wird unüberhörbar gearbeitet. Norbert Bisky soll im Juni das Atelier im zweiten Stock mit wunderbaren Lichtverhältnissen beziehen. Vera Lehndorff hat schon vor der Renovierung ein Atelier in der BOX gehabt und wird auch wieder einziehen. Mit der Vernissage wird also gleichzeitig ein weiterer Szene-Raum der Öffentlichkeit präsentiert. Und das direkt mit einem großen Namen. Aber Neu-Schöpferin und Initiatorin dieses Raums, die Architektin Carolina Mojto ist schließlich auch keine Unbekannte. Genau wie Lena Maculan, die künstlerische Leiterin. Sie hatte zuvor Gründung und den Aufbau des Deutsch-Deutschen Museums Villa Schöningen in Potsdam betreut.

Kunst aus Syrien wird gezeigt

Im „Box Freiraum“ ist 2014 schon mit kleineren Ausstellungen das Gelände erprobt worden. Die Räumlichkeiten waren da bereits legendär. 1893 hatte sie Otto Pohl, der Kutschenkönig Berlins, als Stallungen für seine Pferde entwerfen lassen. Er wollte nicht, so erzählt Maculan, dass die Tiere auf dem feuchten Friedrichshainer Boden rumstehen müssten. Also bekamen sie eine Rampe, über die sie in den ersten Stock hinauf steigen konnten. In den unteren Räumen sammelte sich Pohls umfangreiche Kutschensammlung.

Genauer gesagt werden jetzt Ende der Woche gleich zwei Ausstellungen eröffnet. Gegenüber des ehemaligen Pferdestalls in dem jetzt Quinns Historienmalerie ausgelegt ist, wird Kunst aus Syrien gezeigt. Der Kuratorin Nour Wali ist es gelungen, einige der interessantesten syrischen Künstler zu gewinnen. Das zentrale Bild der Ausstellung, weiß-schwarze Kalligrafie in grünem Rahmen, stammt von Mouneer Al Shaarani, „Edle Gesinnung“, so lässt sich sein Titel übersetzen. Die Schriftzüge bedeuten Werten wie Frieden, Freiheit und Barmherzigkeit. „Das was Syrien jetzt besonders braucht“, erklärt Lena Maculan.

Ein Vater, der die Hände leicht auf die Augen der Kinder legt

Denn natürlich kreisen die Motive vieler der hier gezeigten Bilder um das Thema Krieg. Tammam Azzam beispielsweise projiziert in seiner Reihe „Syrian Museum“ von 2013 Ausschnitte westlicher Kunstwerke von Matisse, Gaugin oder Warhol auf Fotos von Trümmern seines zerstörten Landes. Jaber Al Azmeh lässt für „The Resurection“ (2014) Dichter, Architekten, Zahnärzte oder Schauspieler mit ihren Gedanken die regimetreue Zeitung überschreiben und fotografiert sie damit. „Wir wollen das Land nicht verlassen“ steht jetzt in arabischer Schrift auf den Titelseiten, „Schämt Euch“ und „Die Maske ist gefallen“. Houmam Al Sayed porträtiert eine palästinensische Flüchtlingsfamilie. Ein Vater, der die Hände leicht auf die Augen der Kinder legt, wie um sie vor der Welt zu schützen. Die Palästinenser, die aus Syrien fliehen, haben es besonders schwer, in den umliegenden Ländern aufgenommen zu werden. „Im Land aber werden zerrieben zwischen Assad und der IS“, sagt Maculan.

Mit der Ausstellung „My Voice rings out for Syria“ zeigt die Kuratorin Wali die Vielfalt der zeitgenössischen Kunst dieses Landes, und, wie sehr Brutalität, Hoffnungslosigkeit und Zerrissenheit das Leben der Menschen bestimmt. Auch die Biographien der Künstler unterstreichen das. Mouneer Al Shaarani, Jahrgang 1952, ist ein etablierter und gefeierter Künstler, er lebt weiterhin in Syrien. Jaber Al Azmeh, geboren 1973 in Damaskus, lebt längst in Doha, er wird im Nahen Osten gesammelt, genau so wie im Westen. Houmam Al Sayed, ein 1981 geborenen Künstler, den es noch zu entdecken gilt, lebt heute in Beirut, wo die meisten syrischen Künstler Zuflucht gefunden haben.

Wir sehen junge Männer in den Flammen der Krisenherde der Welt

Die syrischen Unruhen in dem einen Raum stehen in einem Spannungsfeld zu den Werken Marc Quinns in dem anderen Raum. „History Painting“. „In der Historienmalerei“, so erklärt Lena Maculan, „verewigen sich eigentlich Herrscher. Momente des Triumphs werden auf Wandteppich dargestellt.“ Die Schlachten, die Marc Quinn in Flandern auf seine Tapisserien hat weben lassen, kommen von unten, aus dem Volk heraus. Wie bei den syrischen Künstler steht wieder das Volk, wieder der einzelne und sein Verhältnis zur Geschichte , im Fokus.

Quinn hat für seine Serie „History in the Making“ Pressefotos zusammengetragen. Wir sehen junge Männer mitten in den Flammen der Krisenherde der Welt. Einer ist vermummt, er ist einer der Rebellen, ein anderer hält anklagend die Nationalflagge hoch, einer ist mitten im Kampf, ein andere versucht, eine Pferdeskulptur, vielleicht Kunst, vielleicht auch nur von einem Kinderkarussell, vor den Flammen zu retten. Brennen tut es in jedem Bild. „Die Fotos stammen von den unterschiedlichsten Aufständen“, sagt Maculan, „jeder hat ganz eigene Ursachen und Umstände, und doch sind sie kaum zu unterscheiden.“ Die Machtgeste der Historienmalerei, hier wird sie umgekehrt. Auf den Boden gelegt.

Der malerische Himmel erscheint wie ein gleichgültiger Kommentar

Die flammenden Teppiche bilden einen Kontrast zur Arbeit „Newsclouds“ an der Wand. Die Ölbilder wurden noch feucht angeliefert, sie sind hier zum ersten Mal zu sehen. Wie bei den Revolutions-Bildern ist auch hier die mediale Darstellung von Geschichte das Thema. Unter schönsten, weißen Schäfchenwolken stehen im Kontrast dazu die Eilmeldungen des Tages. „24. Januar: IS veröffentlicht Video der japanischen Geisel Kenji Goto, die ein Foto des mutmaßlich enthaupteten Haruna Yukawa hochhält.“ Der malerische Himmel erscheint so wie ein gleichgültiger Kommentar zum Gräuel der Welt. Wen interessiert schon das, was unten passiert.

Besonders glücklich aber ist die Kuratorin Lena Maculan darüber, Quinns Skulptur „Mirage“, die mitten in dem ehemaligen Pferdestall Platz gefunden hat. Vorbild dieser Figur ist das Foto, das einen Gefangenen in Abu Ghraib zeigt. Sein Gesicht ist verhüllt, an den Händen hat er Elektroden. Das Foto aus dem Jahr 2004 zeigte die Erniedrigungen und die Qual, die US-amerikanische Soldaten den Häftlingen in Bagdad antaten. „Marc Quinn will hier menschliche Agonie zum Ausdruck bringen“, erklärt Maculan. Er hat ein Kunstwerk aus dem historischen Moment gemacht, das sich einreihen soll in die Reihe verzweifelter Menschendarstellungen. „Wie Lakoon, der mit den Schlangen kämpft“, so wird Quinn im Katalog zitiert.

Von Freitag an werden die Besucher der Ausstellung sich selbst ein Bild von diesen ungleichen Ausstellungen und ihren gegenseitigen Bezügen machen können. Kunst wird auf eine neue Weise begehbar. Aber auch wenn der Künstler, so heißt es, nichts dagegen hat. Vielleicht sollte man doch nicht über die Teppiche laufen.

„History Painting“ und „My Voice rings out for Syria“, 1. Mai bis 17. Juni 2015, Box Freiraum, Boxhagener Straße 93/96, 10245 Berlin