Die Luxuskarosse ist die Burg des 21. Jahrhunderts: Ein Mercedes Typ S-Klasse dominiert das Bühnenelement in Sebastian Nüblings Inszenierung „Der Untergang der Nibelungen“, die am Donnerstagabend Premiere im Maxim Gorki Theater hatte. In dem Wagen, dessen Front nach einem Unfall beschädigt ist, sitzen anfangs die Burgunder, später streitet und liebt man sich – und auf dem Dach werden die Machtkämpfe ausgetragen. Das Autokennzeichen spricht eine deutliche Sprache: B-RD 8914.

Nübling hat die Nibelungen mit einem Aggro-Guss überzogen in die Gegenwart katapultiert – aber die hängen irgendwie immer noch an ihrer Zeit. Auch wenn Brunhild von einem Mann gespielt wird (Till Wonka mit Bart, Naomi-Campbell-Perücke und schwarzen Netzstrümpfen) und die Burgunder sich wie eine coole Gang mit Hip-Hop-Vergangenheit aufführen. Tim Poraths König Gunther ist ein geistig etwas beschränkter Herrscher, der es im Bett nicht bringt – letzteres ist auch schon so im Nibelungenlied, das Friedrich Hebbel als Vorlage für sein 1861 erschienenes, urdeutsches dreiteiliges Monsterdrama um Treue, Verrat und Freundschaft, Hass und Liebe diente.

Der Deal fliegt auf

Anstelle von Gunther muss Siegfried (Taner Şahintürk) an Brunhild ran; für den Liebesdienst bekommt er Gunters Schwester Kriemhild zur Frau. Kriemhild ist bei Sesede Terziyan anfangs ein laszives Girlie, das sich gern mal auf der Kühlerhaube räkelt, aber auch ziemlich aufregen kann. Denn in ihre Hände fällt Brunhilds Gürtel – Modell „Moschino“, im Hip-Hop-Bedarfshandel für gut 200 Euro bestellbar – und damit nimmt die Tragödie ihren Lauf. Es wird geschwatzt, der geheime Deal zwischen Siegfried und Gunther fliegt auf, das Todesurteil für Siegfried. Auch Gerenot (Aram Tafreshian) macht bei dem Mordkomplott mit, nur Giselher (etwas blass: Mehmet Ateşçi) weigert sich, er legt als DJ lieber ein paar Platten auf.

Der Rest zieht zur (Menschen-) Jagd in den Wald, Nübling verlegt diese Szene ins Edel-Bordell – und das passt. Der Wodka fließt in Strömen, jeder kommt sexuell auf seine Kosten, der nackte Siegfried rutscht immer wieder in der Alkoholpfütze aus, bis Hagen schließlich den unangenehmen Job erledigt und den Helden ersticht. Nach der Pause folgt dann Krimhilds Rache, der dritte Teil von Hebbels Nibelungendrama, das an einem Abend ungekürzt kaum aufführbar ist.

Deutschland-Monolog

Es gehört trotzdem zum Bühnenrepertoire – auch in Berlin. Marius von Mayenburg entschied sich 2009 an der Schaubühne für eine versachlichte Version dieses bluttriefenden Werks. Michael Thalheimer hat es 2010 als Schrei-Orgie mit Bierdusche im Deutschen Theater herausgebracht. Legendär die bildgewaltige Aufführung von Andreas Kriegenburg, die 2004 an den Münchner Kammerspielen herauskam und zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde, er vervielfachte die Helden und ließ seine Siegfrieds im Turnerhemd auftreten. Und erwähnt werden muss natürlich die zweiteilige Inszenierung von Frank Castorf 1995 an der Volksbühne, er verschnitt den Stoff mit dem Oliver-Stone-Film „Natural Born Killers“.

Im Maxim Gorki Thetaer trägt Dimitrij Schaad als Hagen seinen Klappstuhl meistens bei sich. Aasig, ironisch, intrigant und immer völlig kontrolliert – Schaad, dem die letzten Worte mit dem „Wo wir in Deutschland jetzt stehen“-Schlussmonolog gehören, sorgt für die schauspielerischen Höhepunkte dieser Inszenierung. Für die Eva Maria Bauer nicht nur die Bühne, sondern auch die Kostüme entwarf: Aufgedruckte Gürtel auf den Shirts oder Hosen, die die Burgunder tragen, sind das Gruppenzugehörigkeits-Motiv. Viele Regieeinfälle bringt Nübling in seiner zweieinhalbstündigen Inszenierung unter. Seine Arbeit ist ein bisschen ranschmeißerisch, aber einem jungen Publikum könnte das gefallen.

Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Mitte. Termine: 30. & 31. Oktober, Kartentelefon: 20221-115.