Deichtorhallen

Eine kleine Kamera schrieb ein großes Kapitel Kulturgeschichte

Auch während der Umbauphase präsentieren die Hamburger Deichtorhallen großartige Ausstellungen. Eine befasst sich mit der Erfindung der Leica-Kleinbildkamera vor hundert Jahren.

Foto: © Jeff Mermelstein

Gleich zwei interessante Ausstellungen zeigen die Deichtorhallen in Hamburg noch in diesem Jahr. Trotz umfangreicher Sanierungsarbeiten des Hallenensembles am Deichtorplatz geht der Kulturbetrieb eingeschränkt weiter. Im Haus der Photographie läuft vom 24. Oktober bis 11. Januar die Ausstellung „Augen auf! – 100 Jahre Leica Fotografie“. Vom 8. November bis 15. Februar wird außerdem die Ausstellung „Secret Signs – Zeitgenössische Chinesische Kunst im Namen der Schrift“ in der Sammlung Falckenberg der Deichtorhallen in Hamburg-Harburg gezeigt. Die Halle für aktuelle Kunst wird saniert und bleibt während dieser Zeit geschlossen. Das Hallenensemble am Deichtorplatz ist ein bedeutendes Denkmal der Industriearchitektur vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Im Winter 2014/2015 soll das Sanierungsprojekt abgeschlossen sein.

In 14 Kapiteln werden bei der Leica-Ausstellung mit rund 400 Werken die unterschiedlichen Aspekte der Kleinbildfotografie beleuchtet – von journalistischen Strategien über dokumentarische Ansätze bis hin zu freien künstlerischen Positionen. Zu sehen sind unter anderem Arbeiten von Alexander Rodtschenko, Henri Cartier-Bresson, Robert Capa, Christer Strömholm, Robert Frank, Bruce Davidson, William Klein, Sergio Larrain, William Eggleston, Rene Burri, Thomas Hoepker, Bruce Gilden und Alex Webb. Auch Leica-Fotos von weniger bekannten Künstlern und von Amateuren werden gezeigt. Zum Teil noch nie präsentierte Leihgaben kommen aus dem Werksarchiv der Leica Camera AG (Wetzlar), aus internationalen Sammlungen und Museen sowie von privaten Leihgebern.

Kleine Kamera mit Hochleistungsobjektiv

Mit der Ausstellung wollen die Initiatoren den durch die Erfindung der Leica herbeigeführten Umbruch in der Fotografie umfassend darstellen. Oskar Barnack, damals Feinmechaniker bei Ernst Leitz in Wetzlar, hatte im März 1914 das erste funktionstüchtige Modell einer Kleinbildkamera für 35mm-Kinofilm fertiggestellt. Jedoch kam sie, bedingt durch den Krieg, erst 1925 auf den Markt.

Die kleine Kamera mit Hochleistungsobjektiv markierte einen Paradigmenwechsel in der Fotografie. Zum einen ermöglichte sie Amateuren und Quereinsteigern einen leichteren Zugang zur Fotografie, zum anderen ließ sie sich bequem in der Manteltasche mitnehmen und war so zum selbstverständlichen Teil des Alltags geworden. Der vergleichsweise günstige Kleinbildfilm regte außerdem zum fotografischen Experimentieren an, neue Perspektiven wurden erprobt.

Ausstellung kommt 2015 nach Berlin

Aus kunst- und kulturgeschichtlicher Perspektive versucht die Ausstellung zu verdeutlichen, wie sich durch die Leica beziehungsweise das Kleinbild das fotografische Sehen verändert hat. Welche Auswirkungen die Miniaturisierung der Fotografie auf das Schaffen von Amateuren, Künstlern und Fotojournalisten hatte. Und welche neuen Themen die Systemkamera mit ihrer breiten Palette an Wechselobjektiven erschlossen hat. Die Ausstellung kann noch bis 11. Januar 2015 in Hamburg besucht werden, im Sommer 2015 ist sie im C/O Berlin im Amerika-Haus in der Hauptstadt zu sehen.

Im Rahmen von „China Time Hamburg 2014“ zeigen die Deichtorhallen in der Sammlung Falckenberg in Hamburg-Harburg ein Ausstellungsprojekt zum Thema Schrift in der chinesischen zeitgenössischen Kunst. Die Ausstellung läuft in Kooperation mit dem Museum M+ in Hongkong und der dort beherbergten Sammlung Sigg. Das über Jahrtausende unverändert bestehende Schriftsystem Chinas ist ein einmaliges Phänomen in der Kulturgeschichte der Menschheit. Die im 3. Jahrhundert v. Chr. eingeführte Schrift in standardisierter Form war in China der Schlüssel für gesellschaftliche Macht. Sie demonstrierte Autorität und sozialen Status und symbolisierte kulturelle Tradition und Elite.

Chinesische Kalligrafie

Mao Zedongs Schriftreform von 1956 stellt den großen Einschnitt innerhalb dieser kulturellen Konstante Chinas dar. Unter Mao begann erstmals eine Popularisierung des Mediums. Kalligrafie verlor ihren Monopol-Status, nur von Gelehrten beherrscht zu werden. Öffentliche Kalligrafie in Form der großen Zeichen-Poster erlebte ihren Höhepunkt während der Kulturrevolution (1966-76). Die Avantgarde-Bewegung der 80er-Jahre wollte sich radikal von allen akademischen Bürden sowie von den Vorgaben des Sozialistischen Realismus befreien.

Die zeitgenössische chinesische Kunst befasst sich seitdem äußerst facettenreich mit Themen wie der Dekonstruktion von Schrift (Anti-Kalligrafie), der Kommerzialisierung und Trivialisierung der Schrift als Medium der Massenkultur sowie mit der Frage nach dem individuellen Ausdruck angesichts der reichen und langen historischen Praxis für das Erlernen der Schriftkunst.

Die Ausstellung erscheint vor dem zeithistorischen Hintergrund einer Neubewertung der traditionellen, chinesischen Kunst des 20. Und 21. Jahrhunderts besonders aktuell. Hinter dieser Entwicklung mag eine Reaktion auf das China der Globalisierung stecken, das im Begriff ist, seine kulturellen Wurzeln zu vergessen.

Schrift war der Schlüssel zur Macht

Das über Jahrtausende unverändert bestehende Schriftsystem Chinas ist ein einmaliges Phänomen in der Kulturgeschichte der Menschheit. Die im 3. Jahrhundert v. Chr. eingeführte Schrift in standardisierter Form war in China der Schlüssel für gesellschaftliche Macht. Sie demonstrierte Autorität und sozialen Status und symbolisierte kulturelle Tradition und Elite. Mao Zedongs Schriftreform von 1956 stellt den großen Einschnitt innerhalb dieser kulturellen Konstante Chinas dar. Unter Mao begann erstmals eine Popularisierung des Mediums. Kalligrafie verlor ihren Monopol-Status, nur von Gelehrten beherrscht zu werden. Öffentliche Kalligraphie in Form der großen Zeichen-Poster erlebte ihren Höhepunkt während der Kulturrevolution (1966-76).

Die Diskussion um Tradition und Moderne war und ist für mehr als ein Jahrhundert eine zentrale Debatte in der chinesischen Kunstwelt. Die Avantgarde-Bewegung der 80er-Jahre wollte sich radikal von allen akademischen Bürden sowie von den Vorgaben des Sozialistischen Realismus befreien. Die zeitgenössische chinesische Kunst befasst sich seitdem äußerst facettenreich mit Themen wie der Dekonstruktion von Schrift (Anti-Kalligrafie), der Kommerzialisierung und Trivialisierung der Schrift als Medium der Massenkultur sowie mit der Frage nach dem individuellen Ausdruck angesichts der reichen und langen historischen Praxis für das Erlernen der Schriftkunst.

Reaktion auf Globalisierung

Eine weitere Annäherung an das Thema stellen jene Arbeiten dar, die unter Zuhilfenahme neuer Medien das Spontane und Intuitive des Schreibprozesses darstellen. Die Ausstellung erscheint vor dem zeithistorischen Hintergrund einer Neubewertung der traditionellen, chinesischen Kunst des 20. Und 21. Jahrhunderts besonders aktuell. Hinter dieser Entwicklung mag eine Reaktion auf das zunehmend globalisierte China stecken, das im Begriff ist, seine kulturellen Wurzeln, zu denen insbesondere die Kalligrafie zählt, zu verlieren.

Foto: Deichtorhallen Hamburg