Am 2. Februar starb der amerikanische Schauspieler Philip Seymour Hoffman völlig unerwartet mit nur 46 Jahren. Sein letzter Film, den er noch vollständig abgedreht hat, die John-Le-Carré-Verfilmung „A Most Wanted Man“, hat am 4. September in der Astor Filmlounge Berlin-Premiere und startet am 11. September im Kino. In dem Thriller, der in Hamburg gedreht wurde, ist Hoffman der unbequeme Chef einer Spionageeinheit, sein Team wird von deutschen Schauspielern gespielt. Drei von ihnen erinnern sich exklusiv für die Berliner Morgenpost an ihren großen Kollegen.
Daniel Brühl
Mein Beitrag in diesem Film ist ja sehr gering. Es ist auch nicht so, dass mich die Rolle besonders angefixt hätte. Aber dass ich mit Philip habe spielen dürfen, dass ich ihm einmal bei der Arbeit zuschauen durfte, war für mich Grund genug, mitzumachen. Ich hätte auch nur den Kaffee für ihn gehalten. Immerhin sage ich am Ende dann auch zwei Sätze.
Philip war am Anfang sehr grummelig, sehr in seiner Figur verhaftet. Er saß immer auf seinem Stuhl, daneben standen lauter Stühle mit Namensschildern wie Rachel McAdams und Willem Dafoe. Aber die waren alle leer. Niemand wollte ihm zu nahe kommen. Alle standen in sicherem Abstand. Das Eis brach erst, als wir zusammen mit der Bahn von Hamburg nach Berlin gefahren sind. Philip liebte Berlin und verbrachte gern die Wochenenden dort. Ich konnte ihn dazu bewegen, einen Abend in meine Tapas-Bar zu kommen. Das hat ihm so gefallen, dass er dann alle Kollegen noch mal dahin eingeladen hat, damit wir uns besser kennenlernten. Das war für mich ganz persönlich ein absolutes Highlight. Ich war jetzt der Typ, der die leckeren Tapas macht. Taktisch gesehen also ein gewiefter Zug.
Die Nachricht von seinem Tod habe ich per SMS erfahren. Ich konnte das kaum glauben. Gerade hat er noch mit Anton (Anton Corbijn, der Regisseur) auf dem Filmfestival von Sundance den Film vorgestellt und hatte laut Anton einen ganz glücklichen Eindruck gemacht. Auch während der Dreharbeiten gab es keinerlei Anzeichen, dass es ihm nicht gut gegangen wäre. Etwas Fragiles, Gebrochenes gehörte ja zu ihm, das hat er immer in sein Spiel hineingemengt, das machte vielleicht auch die Faszination an ihm aus. Aber keiner, auch Anton nicht, der ja viel länger mit ihm gearbeitet hat, hatte auch nur eine Ahnung, dass irgendetwas nicht stimmen könnte. In mir wühlen jetzt die unterschiedlichsten Gefühle. Zum einen ist da die Freude, dass ich ihn noch erleben durfte, der Stolz, dass ich mit ihm arbeiten durfte. Zum anderen ist da der Horror, dass unser Film jetzt eine Art Vermächtnis ist und wir einen so großen Schauspieler verloren haben. Die Trauer reißt jetzt , wo der Film herauskommt, noch mal richtig auf, wo ich ihn gerade überall auf den Filmplakaten sehe.
Nina Hoss
Wir haben uns erst beim Dreh kennengelernt. Das ist ja oft so bei großen Produktionen: Die Leute werden eingeflogen, der Drehplan ist eng, Philip kam ja relativ kurzfristig nach Deutschland. Als ich von Berlin angereist kam, waren die schon mitten in der Arbeit, da gab es keine Zeit, um sich kennenzulernen.
Gleich in meiner ersten Szene saßen wir zu zweit in einem Auto. So ein Auto ist ja ein geschlossener, enger Raum, man ist sich da gleich sehr nah. Ich hatte eine Vorstellung, wie ich unsere Beziehung im Film sehe, war mir aber überhaupt nicht sicher, ob man sich darüber austauschen kann. Philip war aber ganz offen und zugänglich. Und das blieb auch so bis zum Ende der Drehzeit. Er hat einen ganz wahrgenommen, das fand ich sehr besonders, das ist durchaus nicht die Regel bei solchen Filmgrößen. Philip hatte ein sehr gutes Gespür für Menschen und Situationen. Das war ein Geschenk. Dir ist ja schon bewusst bei der Arbeit, was für ein unwahrscheinlich großer Schauspieler das ist. Ich hätte ihm auch einfach nur zugucken mögen, das wäre auch schon viel gewesen. Er war so offen für Ideen, hat wahrgenommen, was man ändert im Spiel, und ist auch darauf eingegangen. Er hat einen mitgenommen.
Ich hätte nie vermutet, dass irgendetwas nicht stimmen könnte. Es wäre aber auch vermessen, irgendetwas in dieser Art festzustellen nach gerade mal acht Tagen, die ich ihn erleben durfte. Was man gespürt hat in dieser Zeit, ist, dass er mit vielem umgehen musste, dass er eine gewisse Traurigkeit hatte. Aber das ist auch nichts Ungewöhnliches, das erlebt man bei vielen Künstlern. Das war eine Form seiner Kunst.
Den Film habe ich das erste Mal auf dem Filmfestival in Edinburgh gesehen. Der ganze Film wirkt wie eine einzige Hommage, fast wie ein Requiem auf ihn, allein wie er am Schlussbild langsam aus dem Bild läuft. Das geht mir wahnsinnig nah. Das ist eine schreckliche Traurigkeit, aber auch gepaart mit einem Gefühl des Trostes. Er hinterlässt ein unglaubliches Loch, das nicht zu füllen ist, aber gleichzeitig hinterlässt er uns dieses Geschenk: dass wir noch mal sehen können, was wir vermissen werden.
Kostja Ullmann
Die Todesmeldung habe ich im Fernsehen erfahren. Ich konnte das gar nicht glauben. Ich wusste auch nichts von Philips Vergangenheit, dass er Drogen- und Alkoholprobleme hatte. Das war ein richtiger Schock für mich. Und es ist doppelt tragisch, wenn man weiß, dass da auch eine Familie, dass da auch Kinder betroffen sind.
„A most wanted Man“ war erst mein zweiter Film, den ich auf Englisch gedreht habe. Da ist man schon eine Spur nervöser als sonst. Erst recht, wenn man dann noch mit solchen Größen wie Philip Seymour Hoffman oder Willem Dafoe vor der Kamera steht. Ich war wahnsinnig aufgeregt. Ich habe aber relativ bald kapiert, dass ich keine Angst haben, sondern im Gegenteil: das Ganze genießen muss. Letztlich ist das auch nur eine Arbeit wie jede andere. Und wenn man mit Leuten zusammenarbeitet, die ihren Job wirklich verstehen, macht die Arbeit wahnsinnig Spaß. Ich habe eine kleine Szene, in der ich als Taxifahrer getarnt bin und Willem Dafoe vor dem Hotel Atlantic in Hamburg abhole. Dann halte ich aber 20 Meter weiter noch mal an und Philip Seymour Hoffman setzt sich dazu. Die haben eine grandiose Szene hinten im Taxi. Und beim folgenden hätte ich wirklich nicht mehr dabei sein müssen. Wollte ich aber trotzdem. Weil es einfach wahnsinnig spannend war, denen bei der Arbeit zuzuschauen.
Philip war beim Dreh wahnsinnig konzentriert und fokussiert. Dabei konnte man ihn nicht gut kennen lernen. Ich hab mich auch gar nicht getraut, auf ihn zuzugehen. Das kam erst nach der ersten Woche, als er uns zum Essen in Daniels Tapas-Laden einlud, nur fünf, sechs Leute, also genau das Team, das im Film für ihn arbeitet. Ich bin ja eher jemand, der sich erst mal zurückhält. Er hat sich aber gleich neben mich gesetzt. Da merkte ich dann, wie entspannt er ist. Das ist noch mal was ganz Anderes, als so jemandem am Set zu erleben.
Das Merkwürdige ist, dass der Film erst jetzt herauskommt. Es ist ja schon über anderthalb Jahre her, dass er abgedreht ist. Ich habe mit Anton noch geflaxt, wann der endlich fertig wird. Ich kenne den Film noch nicht, ich werde ihn bei der Premiere in Berlin das erste Mal sehen. Das wird sicher ganz merkwürdig sein.



