Festival

„Die Kulturtage bieten ein Speed-Dating mit dem Judentum“

Die 28. Jüdischen Kulturtage Berlin stehen dieses Jahr im Schatten des Gaza-Konflikts und wachsendem Judenhass in Europa. Fragen an den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Gideon Joffe.

Foto: Sergej Glanze

Ob Gottesdienst oder Kochshow, Pop-, Jazz- oder Klassikkonzert, ob Vortrag, Straßenfest, Kinderprogramm, Ausstellung oder Filmvorführung. Das Angebot der 28. Jüdischen Kulturtage Berlin ist breiter und abwechslungsreicher denn je. „Ein Programm der Toleranz und der Lebensfreude“ nennt es Intendant Martin Kranz. Das gilt auch für Zeiten des blutigen Konflikts in Nahost und oft unverhohlen judenfeindlicher Reaktionen in Europa. Gerade jetzt, so Kranz, biete das Festival die Chance zu Austausch und Begegnung zwischen den Religionen und Kulturen.

Ähnlich sieht es neben den beteiligten Künstlern auch Gideon Joffe, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.

Berliner Morgenpost: Die Jüdischen Kulturtage finden bereits zum 28. Mal statt. Welche Rolle hat das Festival in der nicht gerade ereignisarmen Berliner Kulturlandschaft?

Gideon Joffe: Die Jüdischen Kulturtage sind in erster Linie eine Einladung an alle nichtjüdischen Berliner, innerhalb kürzester Zeit die verschiedensten Aspekte der 4000-jährigen jüdischen Kultur kennenzulernen, quasi ein Speed-Dating mit dem Judentum. Nur einmal im Jahr haben Kulturinteressierte diese Möglichkeit. Seit 1987 steigen die Besucherzahlen stetig an und auch die Programme sind umfangreicher geworden. Das Image der Kulturtage hat sich mittlerweile in ganz Deutschland und auch in Europa herumgesprochen.

Auf welche Programmpunkte freuen Sie sich ganz persönlich?

Das Programm bietet eine großartige Vielfalt, die alle Sinne anspricht. Das zeichnet die Kulturtage aus. Nach einem langen Arbeitstag freue ich mich natürlich besonders auf die musikalischen Events.

Finden Sie es wichtig, dass sich die Gemeinde und ihre Mitglieder selber beim Festival präsentieren, zum Beispiel beim Straßenfest?

Natürlich ist das wichtig. Neben den vielen Veranstaltungen mit internationalen Künstlern bietet gerade der Shuk Ha’Carmel eine wunderbare Möglichkeit, den Menschen und Talenten aus der Mitte unserer Gemeinde zu begegnen. Deshalb haben wir ja auch vor einigen Jahren parallel dazu den „Tag der offenen Tür“ für das Jüdische Gemeindehaus in der Fasanenstraße eingeführt, um interessierten Besuchern das Haus zeigen zu können.

Wie wichtig ist es, dass Nichtjuden während des Festivals auch Gelegenheit erhalten, beim Besuch der Synagogen das religiöse jüdische Leben kennen zu lernen?

Die „Lange Nacht der Synagogen“ hat sich über die Jahre zu einem Publikumsmagneten entwickelt. Es freut uns, immer wieder festzustellen, wie neugierig Berlinerinnen und Berliner auf das Judentum sind. Dabei ist es den Menschen wichtig, bestätigt zu bekommen, wie sehr sich Judentum und Christentum ähneln. Was Juden, Christen und Moslems schließlich eint, ist der Glaube an einen einzigen Gott. Auch über die moralischen Grundsätze sind sich die Religionen zu 95 Prozent einig: Du sollst nicht morden, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht lügen. Die zehn Gebote gelten in jeder Religion. Der Besuch einer Synagoge und die damit verbundene Erkenntnis können vielleicht dazu beitragen, sich auf diese Gemeinsamkeiten zu konzentrieren.

Können die Kulturtage dazu beitragen, Klischees und Vorurteile abzubauen?

Nur bedingt. Diejenigen, die unsere Konzerte, Lesungen, Vorträge und Ausstellungen besuchen, sind am jüdischen Leben in Berlin ohnehin interessiert. Das hieße ja „Eulen nach Athen“ tragen. Auf der anderen Seite steigen die Besucherzahlen des Festivals stetig an und das heißt, dass sich immer mehr Menschen für die jüdische Kultur interessieren. Das ist ein positives Zeichen. Gerade in der jetzigen Situation im Nahen Osten, wo vieles verzerrt oder gar falsch berichtet wird, bieten die Kulturtage eine echte Chance zu Austausch und Begegnung.

Spüren Sie die Auswirkungen des Nahostkonflikts auch in Berlin?

Leider haben wir zurzeit die absurde Situation, dass, obwohl Raketen fliegen, Gemeindemitglieder darüber nachdenken, nach Israel auszuwandern, weil sie sich dort sicherer fühlen als hier. Der islamistische Antisemitismus ist nun auch in Europa spürbar geworden. Die Debatte darüber, wie wir alle gemeinsam – Moslems, Christen und Juden – dagegen vorgehen können, steht erst in den Anfängen. Im Übrigen denke ich, dass Frieden im gesamten Nahen Osten erst möglich ist, wenn auch in Gaza der Christopher Street Day gefeiert werden könnte. Dann würde die ganze Welt endlich erleben, welche Folgen Demokratie für die Menschen dort hätte. Dazu gehören Frauenrechte und Pressefreiheit genauso wie die Gleichberechtigung von Homosexuellen und christlichen Minderheiten. Erst wenn die Menschen auch in Gaza sich untereinander diese Rechte gewähren, werden sie ihren Frieden mit ihren israelischen Nachbarn finden. Es wäre ein Lebenstraum, wenn wir das noch erleben dürften.