Seit drei Jahren ist Stefan Fischer-Fels künstlerischer Leiter des Grips Theaters. Mit dem Theatergründer und Übervater Volker Ludwig im Rücken. Der ist nach wie vor Geschäftsführer – und bestimmt damit auch über die Vertragsverlängerung des künstlerischen Leiters. Eine Entscheidung muss bis zur Sommerpause fallen. Noch verhandeln die beiden. Zeit für eine Zwischenbilanz.

„Ich lehne mich sanft an die Tradition, damit sie nicht kippt“, sagt Stefan Fischer-Fels, Jahrgang 1964, selbstironisch beim Fotoshooting in der Akademie der Künste am Hanseatenweg. Der Fotograf hatte die Idee mit der Säule, der künstlerische Leiter macht gern mit. Er hilft auch bei der Suche nach einer Steckdose im Foyer der denkmalgeschützten Einrichtung, damit der Fotograf die Szene ausleuchten kann.

Liebevoller Vatermord

Dass mit der Tradition ist so eine heikle Sache. Ein Jahr nachdem der gebürtige Berliner Fischer-Fels sein Amt angetreten hatte, unterhielt er sich mit der Fachzeitschrift „Theater heute“. Heraus kam das „Vatermörder-Interview“, wie es Volker Ludwig getauft hat. Längst bedauert Fischer-Fels seine flapsige Bemerkung am Schluss, als er vom „liebevollsten Vatermord der jüngeren Theatergeschichte“ sprach. Er wollte Volker Ludwig nicht verletzen, betont er, sondern sich künstlerisch von seinem Vorgänger abgrenzen. Das ging offensichtlich schief.

Man kann die empfindliche Reaktion von Volker Ludwig nachvollziehen. Das Grips ist sein Kind. Er hat das emanzipatorische Kindertheater gegründet in seiner Zeit, als für junge Menschen im Westen fast ausschließlich Märchen auf dem Spielplan standen. Ein Theater, dass junge Zuschauer ernst nimmt und ihnen Mut machen will, das ist die Lebensleistung von Volker Ludwig. Dafür ist er in den ersten Jahren teilweise angefeindet – das Ensemble durfte zeitweise in CDU-regierten Bezirken nicht auftreten und auch die Berliner Morgenpost hat das Grips etliche Jahre nicht gerade wohlwollend behandelt –, und später vielfach ausgezeichnet worden. Volker Ludwig, der am vergangenen Freitag 77 Jahre alt wurde, zählt zu den prägenden Theatermachern des vergangenen Jahrhunderts.

Schwierige Suche

Das Loslassen aber fällt ihm schwer. Lange hat er überlegt, wie er den Generationswechsel an seinem Haus, das eine GmbH und ein Privattheater ist, gestalten soll. Er hat ausgiebig nach einem Nachfolger gesucht – und schließlich Stefan Fischer-Fels gefunden. Die beiden kannten sich schon, von 1993 bis 2003 war Fischer-Fels Dramaturg und Theaterpädagoge am Grips. Dann wechselte er nach nach NRW, übernahm die künstlerische Leitung des Jungen Schauspielhauses Düsseldorf. 2011 holte ihn Ludwig zurück.

Fischer-Fels trinkt noch eine Limo im Garten der Akademie. Der gelernte Fußballtrainer, der Schauspiel, Psychologie und Erziehungswissenschaften studiert hat, wusste natürlich, was ihn erwartet. Dass beim Grips ein Gremium, in dem Schauspieler, Dramaturgen, Theaterpädagogen und der künstlerische Leiter sitzen, über Projekte und Spielpläne entscheidet. Ein Mitbestimmungs-Modell, das die Ausnahme an deutschen Theatern ist – und das Fischer-Fels „auch weiterhin behalten will“, wie er sagt.

Das Beispiel Schaubühne

Volker Ludwig wollte mit der Verpflichtung den Übergang einleiten, aber die Aufsicht behalten. Er behielt ein Büro im Grips, blieb der Geschäftsführer, derjenige, der die GmbH-Anteile hält. Fast parallel dazu hat die Schaubühne, ebenfalls ein Privattheater, vorgemacht, wie so ein Wechsel funktionieren kann. Jürgen Schitthelm, einer der Gründer, hat lange mit sich gerungen und den 50. Geburtstag der Bühne abgewartet, bevor er sein Direktorenamt und Büro aufgab. Er hat Gesellschafteranteile behalten, sich aber komplett aus dem operativen Geschäft zurückgezogen und die Verantwortung an Jüngere abgegeben. Es war für ihn kein leichter, aber für das Haus ein zukunftsweisender Schritt.

Der Laden läuft gut

Volker Ludwig erinnert in diesen Tagen ein bisschen an Shakespeares König Lear, der nicht weiß, wem er sein Erbe anvertrauen kann. Ein Grundproblem von Familienbetrieben, die vor einem Übergang stehen. Dabei könnte sich Ludwig eigentlich entspannt zurücklehnen und aufs Schreiben neuer Stücke konzentrieren. Denn der Laden läuft gut, die Auslastung pendelt um die 90-Prozent-Marke.

Anders als bei anderen Wechseln wie zuletzt am Maxim Gorki Theater, die mit einem radikalen Bruch und künstlerischen Neuanfang einhergehen, kann man die drei Grips-Jahre unter Fischer-Fels am ehesten als freundliche Übernahme umschreiben. Er hat die Grips-Idee nicht verraten, sondern fürs 21. Jahrhundert fit gemacht. Man geht neugierig ins Grips, weil die Umsetzung der Stoffe überrascht.

Armin Petras schreibt ein Kinderstück

Fischer-Fels hat das Repertoire gepflegt und vergleichsweise behutsam erneuert, um eigene Akzente zu setzen. Er hat neue Regiehandschriften präsentiert. Filmregisseure verpflichtet wie Anno Saul oder Sönke Wortmann, der am Grips sein Theaterdebüt gab und dem Haus mit „Frau Müller muss weg“ einen Renner bescherte. Die junge, auch an anderen Häusern begehrte Mina Salehpour hat ihr Berlin-Debüt am Grips gegeben, ebenso wie Schauspieler Robert Neumann, eine Regie-Entdeckung aus dem eigenen Ensemble.

Fischer-Fels hat Autoren wie Lutz Hübner zurückgewonnen und neue wie Armin Petras interessiert. Der Dramatiker und Regisseur schreibt sein erstes Kinderstück fürs Grips, in „Der Berliner Kreidekreis“ geht es darum, was das Kind empfindet, wenn Erwachsene an ihm zerren – bei Brecht ist das kein Thema, da dreht sich im „Kaukasischen Kreidekreis“ alles um die Großen. Und auch Volker Ludwig, den Fischer-Fels für einen der wenigen Gegenwartsautoren-Autoren hält, die sich richtig gut in die Psyche von Kindern hineinversetzen können, schreibt für die kommende Saison eine Neufassung seines Klassikers „Ein Fest bei Papadakis“ – mit diesem Stück wurde vor 40 Jahren die Spielstätte am Hansaplatz eröffnet.

Volker Ludwig hat wahrscheinlich den besten Nachfolger für sein Haus gefunden. Aber er tut sich schwer mit dieser Erkenntnis. Zaudert wie der alte König Lear.