Literatur

Berliner reden „immerzu, vom Frühstück bis in die Nacht“

Mit zwölf besucht Hanns-Josef Ortheil Berlin. Jetzt hat er sein Reisetagebuch veröffentlicht. Es ist eine erstaunlich genaue Beschreibung seiner Bewohner – und keine leichte Fahrt für seinen Vater.

Foto: Peter von Felbert

In mancher Hinsicht ist Hanns-Josef ein recht normaler Junge. Er mag Fußball (Köln-Fan, nun ja), findet es sterbenslangweilig, Kleidung zu kaufen und kann mit einem Spaziergang über den Kurfürstendamm überhaupt nichts anfangen. Dieser sei „überhaupt nichts für Jungs in meinem Alter. Er ist eher etwas für ältere Menschen, die bereits am Stock gehen und laufend stehen bleiben. Ideal ist er für Bummler, die den ganzen Tag lang nicht weiter als zwanzig Meter gehen“.

Als Hanns-Josef Ortheil dies schrieb, ist er zwölf Jahre alt. Er reist im Frühjahr 1964 mit seinem Vater für einige Tage nach Berlin und schreibt im gleichen Jahr sein Reisetagebuch auf Basis der Notizen, die er während seines Berlin-Aufenthaltes gemacht hat. Hanns-Josef Ortheil hat zu Notizen ein inniges Verhältnis. Seit er sieben Jahre alt ist, schreibt er alles auf, was er sieht, macht, denkt. Er habe „das größte private Archiv einer je lebenden Person“, hatte er in einem Interview der „Welt“ gesagt. Eine Entwicklung, deren Problematik er sich bewusst ist, „absurde Züge“ würde dieses Notieren und Aufbewahren annehmen, sagt er selbst.

Reise in der Vergangenheit

Aber er kann nicht anders. Denn Hanns-Josef Ortheil war kein normaler Junge. Er ist der fünfte Sohn seiner Eltern. Die vier Brüder sterben vor seiner Geburt, zwei vor dem Zweiten Weltkrieg, zwei nach Kriegsende. Seine Mutter schweigt daheim, und er schweigt zurück. Erst mit sieben Jahren spricht er zum ersten Mal. In „Die Erfindung des Lebens“ hat er 2009 über seine Kindheit geschrieben, mit knapp 400.000 verkauften Exemplaren ein beachtlicher Bestseller. Im Jahr darauf erschien „Die Moselreise“, nun also die Reise nach Berlin, wieder nur mit seinem Vater.

Der Vater hat einst in Berlin gelebt, hier hat er seine Frau geheiratet, hier ist er in den Krieg eingezogen worden, hier kam das erste Kind auf die Welt und starb bei der Geburt. Für den Vater ist es auch eine Reise in die Vergangenheit, und dass diese Bahnreise nach Berlin nicht leicht wird, wird bereits nach der Zugeinfahrt klar. Dort wartet Reinhold auf sie, ein alter Freund des Vaters, ein Freund aus Berliner Zeiten. Dieser umarmte den Vater „sehr sehr lange, und ich sah, dass der Mann sehr heftig weinte, und ich konnte nicht mehr hinschauen, so heftig weinte der große, erwachsene Mann. Die Menschen schauten den Mann und Papa auch alle an und waren plötzlich ganz ruhig, und es kam mir so vor, als würden nun alle zu weinen beginnen“.

Das Verhältnis zwischen Reinhold und Hanns-Josef wird während des Aufenthalts gespannt bleiben. Reinhold weiß nicht viel über Zwölfjährige und unterschätzt Hanns-Josef latent, was bei Heranwachsenden seit jeher ganz schlecht ankommt. Hanns-Josef findet Reinhold wiederum immer eine Spur zu laut. Zu lautes Reden, zu lautes Lachen, zu großsprecherisches Denken. Gerade die Berlin-Fixierung von Reinhold, insofern ein recht typischer Berliner, empfindet Hanns-Josef als ziemlich albern. „Reinhold fährt los und fährt irgendwie stolz, als gehörte die Stadt ihm oder als hätte er einige der Häuser in der Umgebung gebaut oder bewohnt.“ Hanns-Josef erfährt von Reinhold, und auch das kommt bekannt vor, dass jeder Mensch, der nach Berlin kommt, automatisch Berliner sei.

„Insulaner haben immer mehr Zeit als Nicht-Insulaner, das ist klar“

Die Einwohner haben zwar ein paar Macken, merkt Hanns-Josef, aber es ist keine ernsthafte darunter. Zum Beispiel dieser ständige Drang reden zu müssen. „Immerzu, ohne Unterbrechung, vom Frühstück bis in die Nacht“ würden sich die Menschen hier unterhalten „und wahrscheinlich noch im Schlaf“. Auffällig sei auch die ausgedehnte Mahlzeit am Morgen. In Köln hat die Familie stets kurz gefrühstückt, in Berlin nun sei das ganz anders: „Die Berliner haben viel mehr Zeit als zum Beispiel die Kölner. Sie frühstücken mindestens eine Stunde, und jede Unterhaltung dauert ebenfalls mindestens eine Stunde. Die Berliner haben aber mehr Zeit, weil sie auf einer Insel leben und nicht leicht weg können. Insulaner haben immer mehr Zeit als Nicht-Insulaner, das ist klar. Das Insulaner-Sein ist eben etwas Besonderes, und die Berliner sind gern etwas Besonderes.“

Auch nach Ost-Berlin fahren Vater und Sohn, zwei Mal sogar. Bei der ersten Einreise beweist der Vater einigen Mut, als er, genervt von der DDR-Agitation, den ostdeutschen Reiseführer anherrscht und darauf hinweist, dass sie eine Stadtrundfahrt „und keinen Kurs in Demagogie gebucht“ hätten. Hanns-Josef bewundert zwar den Mut seines Vaters, ist aber dennoch verängstigt ob des Militarismus im Osten. Bei der zweiten Fahrt schaut sich Hanns-Josef Ost-Berlin mutiger, genauer an. Alles sei „farblos und blass, als hätte man über die Farbe drübergewaschen“. Schon wenige Jahre nach der Teilung waren die Unterschiede zwischen Ost und West offenbar so auffällig. „Alles sehr anders als im Westen und ein wenig wie in Zeitlupe oder wie ein Traum ohne Farben. Die Menschen waren viel ruhiger, und sie gingen auch langsamer und so, als hätten sie eigentlich kein dringendes Ziel.“

„Ich habe noch nie ein solches Stück ohne jede Stimmung gesehen“

Während all dieser Tage sind nicht eine Sekunde lang zwischen Vater und Sohn Spannungen zu spüren. Sie sind miteinander verbunden, in gegenseitiger Rücksichtnahme, Aufmerksamkeit, Empathie. Hanns-Josef spürt, wenn es seinem Vater kurzzeitig schlecht geht und das Grauen der Vergangenheit dem Vater zu nahe rückt. Dann fragt er vorsichtig, nach langem Zögern oder unterlässt es ganz. Der Vater wiederum ist ein Vorbild. Er ist gebildet, selbstironisch, ein Menschenfreund. Man beneidet Hanns-Josef Ortheil nicht eine Sekunde um seine Kindheit, aber seinen Vater, den hätte man schon gern gehabt. Er führt ihn in die Philharmonie, Herbert von Karajan dirigiert an dem Abend und ins Theater. „Draußen vor der Tür“ schauen sie sich an, was Hanns-Josef nicht sonderlich zusagt: „Ich habe noch nie ein solches Stück ohne jede Stimmung gesehen.“

Vor kulturellen Enttäuschungen kann er Hanns-Josef nicht bewahren, aber er übernimmt, um mit Flaubert zu sprechen, „die Erziehung des Herzens“. Sein Vater lache, „weil er die halbe Welt seltsam und vielleicht auch etwas lächerlich findet“, notiert Hanns-Josef, „dabei ist Papa aber nicht überheblich, denn er findet sich auch selbst sehr seltsam und seine Sätze und Ideen oft sehr zum Lachen.“ Durch diese Übungen in Selbstdistanz und die reiche Palette an bildungsbürgerlichem Wissen bekommt der Junge ein Lebensfundament, an dem viele Menschen noch als Erwachsene vergebens basteln.

Die Distanz bewahren

Wenn er über die unabänderliche Traurigkeit berichtet, erzielt der beiläufige Ton Ortheils die maximale Wirkung. So erfährt er über die Haushaltsbücher seiner Mutter, wie schrecklich sie sich während der Berliner Zeit gefühlt hat, nachdem ihr Mann in den Krieg musste. „Mama war von da an viel allein in Berlin. In den Haushaltsbüchern dieser Zeit stand immer wieder ‚allein‘, ‚sehr allein‘ oder auch ‚warum immer allein‘“. Später lesen wir bei Ortheil: „Immer häufiger schrieb sie nicht nur ‚sehr allein‘, sondern auch ‚geweint‘ oder ‚sehr geweint‘“.

Erstmals auf dieser Reise erfährt Hanns-Josef Ortheil, dass sein zweitältester Bruder, nicht einmal drei Jahre alt, 1945 gestorben ist. „Er ist beim Einmarsch der Amerikaner durch eine Granate vom deutschen Soldaten in den Kopf getroffen worden,“ sagt der Vater. Hanns-Josef Ortheil, der Überlebende der fünf Jungs, konnte nicht vergessen, er konnte nicht verdrängen. Also musste er die Ereignisse festhalten. Das Schreiben ist und war für ihn die Methode, um sich zu erinnern und gleichzeitig Distanz zu wahren. So kann er überleben.

Hanns-Josef Ortheil liest am 28.5., um 19 Uhr in der Ingeborg-Drewitz-Bibliothek, Grunewaldstraße 3, Steglitz. Karten: 7 Euro