Ariadne und Arabella, Elektra und Salome, die schweigsame Frau, die Frau ohne Schatten und die ägyptische Helena, Daphne und Danae: In den meisten seiner Opern geben Frauen den Ton an. Selbst die wohl neben dem Baron Ochs auf Lerchenau berühmteste Männerfigur, der Octavian im „Rosenkavalier“, ist eine Hosenrolle für Mezzosopran. Doch sind die Heldinnen im musiktheatralischen Werk des Richard Strauss (1864-1949) meist alles andere als liebenswert. Eher raffiniert. Mitunter gebärden sich gar als Furie – bei Salome aus gekränktem Stolz, im Fall der Elektra aus Rachsucht.
Mit „Elektra“ haben Dirigent Christian Thielemann, Regisseurin Barbara Frey und eine grandiose Sängergilde mit Evelyn Herlitzius in der Titelpartie an der Semperoper Dresden eine fulminante Produktion hingelegt, die schon jetzt europaweit zu den Höhepunkten der aktuellen Spielzeit zählt. Die Premiere im Januar war zugleich der triumphale Auftakt des Richard-Strauss-Jahres. Am 11. Juni hätte der Tondichter, Dirigent und Theaterleiter, dessen Opern, Orchesterwerke und Lieder die Spielpläne der Opern- und Konzerthäuser bis heute mitprägen, seinen 150. Geburtstag gefeiert.
Ein Komponist an vielen Wirkungsstätten
Feierlichkeiten dieser Art, so wissen wir, ziehen sich meist über das ganze Jahr hin. Gerade wenn das Jubiläum in den Frühsommer fällt, wo sich viele Opern- und Konzerthäuser auf die Ferien vorbereiten. Und da der Künstler an vielen Orten tätig war, sollte Strauss auch in zahlreichen Städten gewürdigt werden. In München, seiner Geburtsstadt, in der er studierte, wo die ersten Werke des Komponisten aufgeführt wurden und wo als Kapellmeister an der Hofoper wirkte. In Meinungen, wo Hans von Bülow den jungen Strauss an den Hof holte.
Der Künstler arbeitete am Hoftheater Weimar, dirigierte viele Aufführungen bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth. Zehn Jahre, 1898 bis 1918, wirkte Richard Strauss als Erster königlich-preußischer Hofkapellmeister in Berlin., bevor er in die Leitung der Wiener Hofoper wechselte. Mit Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal konnte Strauss die 1920 die ersten Salzburger Festspiele verwirklichen. Und selbst Garmisch-Partenkirchen, wo der Komponist nach 1945 und seiner unglückseligen Verstrickung in die NS-Kulturpolitik seine letzten Lebensjahre verbrachte, hat Anlass, den Tonkünstler zu würdigen; tatsächlich findet dort jährlich im Juni ein Richard-Strauss-Festival statt.
In Dresden hat Strauss nie gelebt. Aber doch ist seine Verbindung zur sächsischen Metropole besonders eng. Neun seiner 15 Opern wurden hier uraufgeführt, unter den Generalmusikdirektoren Ernst von Schuch, Fritz Busch und Karl Böhm. Gerade von Schuch, der unter anderem die Uraufführungen von „Salome“ (1903), „Elektra“ (1909) und „Der Rosenkavalier“ (1911) dirigierte, ist es zu verdanken, dass Strauss in Dresden Musikgeschichte schrieb. Zum 100. Todestag des Hofkapellmeisters zeigt das Stadtmuseum Dresden bis 28. September eine Sonderausstellung über Ernst von Schuch und seine musisch begabte Familie.
Christian Thielemann würdigt den Tondichter
„Guntram“, dem selten gespielten Frühwerk aus dem Jahr 1894, hatte von Schuch ebenfalls zur Uraufführung verholfen. Im Februar führte die Semperoper die Oper dreimal konzertant auf. Am 7. Juni folgt in einer halbszenischen Aufführung unter freiem Himmel im großen Schlosshof des Residenzschlosses die Premiere des Singgedichts „Feuersnot“. Dessen Uraufführung begründete 1901 die Dresdner Strauss-Tradition. Ein Sonderkonzert mit der Sächsischen Staatskapelle gibt es am 11. Juni. auch bei „Klassik picknickt“ am 12. Juli vor der Gläserneren Manufaktur von Volkswagen feiert Christian Thielemann den Jubilar. Eine Ballett-Hommage an Strauss hat am 28. Juni Premiere.
Bei den „Richard-Strauss-Tagen“ im November ist der Tondichter dann noch einmal in großer Vielfalt zu erleben – mit der Opernpremiere seiner „Arabella“ und Renée Fleming in der Titelpartie, mit den Wiederaufnahmen von „Daphne“, „Capriccio“, „Elektra“ und „Der Rosenkavalier“, mit Liederabenden von Anja Harteros und Thomas Hampson und mit dem „Rosenkavalier“-Stummfilm, der 1926 an der Semperoper uraufgeführt wurde. Wer für diese hochkarätig besetzten Veranstaltungen Karten möchte, sollte sich beeilen.
Feierlichkeiten zwischen Leipzig und Berlin
Angesichts des üppigen Dresdner Programms erscheinen die Festivitäten andernorts fast sparsam. Die Leipziger Oper spielt bis zur Sommerpause „Elektra“ und „Die Frau ohne Schatten“, das Gewandhausorchester widmet Strauss im Juni einen zwölf Abende umfassenden Konzert-Zyklus. Die Wiener Philharmoniker gastieren am 24. Mai mit Lang Lang und Christoph Eschenbach im Gewandhaus, das Geburtstagskonzert am 11. Juni ist Riccardo Chailly und dem Gewandhausorchester vorbehalten. Das Nationaltheater Weimar bittet am 7. Juni zum großen Festkonzert, einen Tag zuvor lädt die Staatskapelle u.a. mit den Tondichtungen zu „Don Juan“ und „Also sprach Zarathustra“ zum Festkonzert in die Weimarhalle..
Die Berliner Universität der Künste stellt in ihren „Crescendo-Musikfestwochen“ (16. Mai – 7. Juni) Strauss in den Mittelpunkt. Die drei Opernhäuser der Hauptstadt geben sich als Gratulanten relativ zurückhaltend. Die Deutsche Oper bietet am 14. Oktober, während der Umbauphase des Hauses, „Ariadne auf Naxos“ konzertant in der Philharmonie, und nimmt im Dezember den „Rosenkavalier“, mit Elena Garanca in der Titelpartie, wieder auf.
Die Berliner Staatskapelle ehrt ihren ehemaligen Kapellmeister am 5. Juni im Schiller-Theater mit einem Konzertabend. Dazu gibt es am 28. Juni den „Rosenkavalier“-Stummfilm mit Orchesterbegleitung auf dem Naturpark-Südgelände in Schöneberg, eine Benefizveranstaltung für das Klimaprojekt „Zauberwald Berlin“. Dass Strauss einmal als Aushängeschild für den Umweltschutz fungieren würde, dafür hätte die sonst so reiche Fantasie des Tonkünstlers wohl kaum ausgereicht.




