Die je zehn Oscar-Nominierungen für „American Hustle“ und „Gravity“ zeigen einmal mehr, dass man sich auf pure Zahlen nicht verlassen, sondern sie interpretieren muss. Denn, gemessen an der Stimmung in Hollywood, werden weder die Geschichte eines Trickbetrügers noch die Weltraumodyssee den höchsten Titel der Kinowelt gewinnen.
Die Wetten stehen weiterhin auf „The Wolf of Wall Street“ (fünf Nominierungen) und vor allem auf „12 Years a Slave“ (neun), denn sie repräsentieren aktuelle Diskurse: den über die Zukunft des Kapitalismus und den über die immer noch nicht überwundenen Folgen der Sklaverei. Auch lohnt immer ein Blick auf die Kategorien, in denen die Nominierungen erfolgten. Nur das halbe Dutzend der großen Kategorien zählt wirklich - Bester Film, Regie, weibliche und männliche Hauptrolle, Drehbuch und vielleicht noch Kamera – und da sind „Wolf“ und „Slave“ fast überall vertreten.
Faszination und Wahsinn
Seit die Zahl der Nominierten für den besten Film vor vier Jahren auf neun erweitert wurde, hatte man sich schon öfter gefragt, ob es überhaupt so viele gute Filme gab, um diese Plätze zu füllen. Dieses Problem hatte die Akademie 2013 nicht, jeder der Auserwählten hat etwas Besonderes. „American Hustle“ ist eine sehr spezielle Mischung von Komödie und Tragödie, „Captain Phillips“ eine Tour-de-Force von Tom Hanks und „Dallas Buyers Club“ rückt die fast schon vergessene Aids-Seuche wieder ins Blickfeld.
„Gravity“ ist einer der wenigen Filme, die 3D sinnvoll einsetzen, „Her“ beleuchtet hellsichtig das Verhältnis zwischen Mensch und Computer, „Nebraska“ dekonstruiert den Amerikanischen Traum. „Philomena“ behandelt rührend das Thema von Zwangsadoptionen, „12 Years a Slave“ macht endgültig Schluss mit den weichgespülten Darstellungen der Sklaverei, und „The Wolf of Wall Street“ zeigt Faszination und Wahnsinn des schnellen Börsengeldes.
Ein 77-Jähriger sticht einen 77-Jährigen aus
Konsequenterweise sind David O. Russell („Hustle“), Alfonso Cuarón („Gravity“), Alexander Payne („Nebraska“), Steve McQueen („Slave“) und Martin Scorsese („Wolf“) als beste Regisseure nominiert. Auch in den anderen Kategorien gibt es wenige Überraschungen. Bei den Männern machen Christian Bale („Hustle“), Leonardo DiCaprio („Wolf“), Chiwetel Ejiofor („Slave“), Matthew McConaughey („Dallas“) und Bruce Dern („Nebraska“) das Rennen unter sich aus. Bemerkenswert ist die Wahl von McConaughey, der endlich den Sprung vom schönen Gesicht zum guten Schauspieler geschafft zu haben scheint, und die des 77-jährigen Bruce Dern, der einen anderen 77-jährigen verdrängt hat: Robert Redford, dessen große Altersrolle in „All is lost“ vollkommen unbemerkt bleibt.
Keine Überraschungen bei den Schauspielern
Auch bei den Frauen ging alles nach Papierform. Klar gesetzt waren Judi Dench („Philomena“), Cate Blanchett (in „Blue Jasmine“ von Woody Allen, der eine Drehbuch-Nominierung bekam) und die unvermeidliche Meryl Streep („August: Osage County“, ihre 17. Nominierung); auch erwartbar waren Amy Adams („Hustle“) und Sandra Bullock („Gravity“). Doch erstaunlich ist, dass Emma Thompson als „Mary Poppins“-Erfinderin in „Saving Mr. Banks“ übersehen wurde.
Im Gegensatz zu den letzten, schwachen Hollywood-Jahren, als schon mal völlig fremde Filme nominiert wurden und auch gewannen, wird die Verleihung am 2. März wieder ein Familienfest der US-Filmindustrie. Unter den wenigen Ausländern, die sich Hoffnung machen dürfen, sind der Japaner Hayao Miyauzaki mit seinem Trickfilm „The Wind Rises“, der Somali Barkhad Abdi (als Piratenchef in „Captain Phillips“) und die Kenianerin Lupita Nyong'o in „Slave“. Interessanterweise sind alle fünf nominierten Kameramänner Nicht-Amerikaner.
Daniel Brühls famoser Niki Lauda blieb unberücksichtigt, wie auch der gesamte „Rush“, dem schon jetzt der Preis des ungerechterweise übersehenen Film des Jahres gehört. Der deutsche Oscar-Kandidat „Zwei Leben“ kann sich gratulieren, dass er es wenigstens in die Vorauswahl geschafft hat; den besten fremdsprachigen Film werden Belgien („Broken Circle Breakdown“) und Italien („La grande bellezza“) unter sich ausmachen.
Hanns-Georg Rodek



