Prag heißt die Band, die Schauspielerin Nora Tschirner mit ihrem alten Schulfreund aus Pankow, Erik Lautenschläger, und dem aus Bremen nach Berlin gezogenen Tom Krimi 2011 gegründet hat. Im Januar dieses Jahres veröffentlichten sie ihr Plattendebüt „Premiere“. Gerade ist die Akustik-EP „Matinée“ erschienen und sie spielen wieder in kleinen Clubs Konzerte.
Vor einem Monat lief ja dieser Film „Finsterworld“ an. Und der Drehbuchautor Christian Kracht und seine Frau, die Regisseurin Frauke Finsterwalder, die zeigten Deutschland als ein von Neurosen zerfressenes, depressives Land zwischen Konzentrationslagerführungen, Fußpflegern und Tierkostümfetischisten. Und jetzt denken viele, das sei wirklich so. Jedenfalls gehen Musiker in aller Regel auf Tour. Prag zum Beispiel spielten im Sommer in über fünfzehn deutschen Städten und in Österreich. Wer, wenn nicht unsere kleine Band aus Berlin, die über das Netz der Autobahnen von Tübingen nach Schwäbisch Hall, von Lübeck nach Dresden bis nach Krefeld gereist, könnte ein besseres Bild unserer Nation zeichnen, fragt man sich.
„Wir hatten warme, kuschelige Abende“
Unter ihrer Wollmütze öffnet Nora Tschirner jetzt die Augen. Sie trägt so eine Art Matrosenjacke mit weißem Stoff an der Knopfleiste. Sie hat gerade ein Kind bekommen, aber darüber will sie nicht reden. Und sie meint, dass dieses Bild von „Finsterworld“ schon sehr nah dran sei. „Wir haben aber kein Fußpflegerdeutschland gesehen. Wir hatten warme, kuschelige Abende. Wir sahen aber auch das abwartende, zurückgelehnte, armverschränkte Deutschland.“ Jeden Abend in den Konzertsäle. Vor hundert Leuten, vor weniger oder mehr. Das ist eine Bewährungsprobe, auch wenn man Nora Tschirner heißt. Auch dann muss man im Konzertsaal bestehen.
Im Konzertsaal spielt es eigentlich keine Rolle mehr, wer man ist, woher man kommt. Dann zählt nur der Abend. Und doch ist es bei Prag anders. Erik Lautenschläger und Tom Krimi machen ja nicht zum ersten Mal Musik. Erik hat noch die Band Erik & Me, Tom Krimi Stereo de Luxe. „Früher hat uns nie jemand im Backstage belagert, was jetzt eben passiert.“, sagt Erik. Und er und Tom Krimi, sie schauen sich an. Die zwei Bärte, Krimi durch seine Brille. Man weiß jetzt nicht, ob denen das ganz recht ist. Mit den Belagerungen. Im Sinne von, das ist ja ein Kompliment, das Interesse. Oder das ist ihnen doch zu viel.
Die Aufmerksamkeit ist zunächst viel größer mit so einer wie Nora Tschirner. Mit einer, die jeder aus Filmen wie „Soloalbum“, „Keinohrhasen“ oder noch von ganz früher aus MTV kennt. Aber andererseits denken dann die Musiknerds, ach das ist die Band einer Schauspielerin, das kann ja gar nicht ehrlich sein. „Wir sind die kleine Indie-Band, aber es ist eben auch eine berühmte Volksschauspielerin mit dabei“, sagt Tom Krimi, „so begegnen wir auch Deutschland. Die Leute wissen teilweise gar nicht, wie sie uns damit begegnen sollen.“ Da erwarten dann die Barmenschen in den Clubs irgendwelches Getue, oder eine Arroganz, die gar nicht da ist. Prag sind eine ganz normale Band, so wie jede andere.
Prags Musik klingt grenzen- und zeitlos. Lyrisch, klassisch, akustisch
Prag sind eine Zwei-Generationen-Band. Da sind Lautenschläger und Tschirner. Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger in Ost-Berlin geboren. Und da ist Tom Krimi, inzwischen ist er 48 und eben Bremer. Prags Musik klingt so grenzen- und zeitlos. Lyrisch, klassisch, akustisch. Wohl prononcierte Vokale und Silben, aus einer Zeit, in der man noch sauber sang. Sie klingen nach einer Zeit, in der Franz Kafka zwischen Prag und Berlin den Zug nahm, und damals schon seinem Freund Max Brod schrieb, wie viele vegetarische Restaurants Berlin doch zu bieten hat. Kafka wohnte damals am Anhalter Bahnhof.
Aber zurück zur Zwei-Generationen-Band, zu den jüngeren Ostlern und dem älteren Westler. Verläuft da irgendwo noch eine Grenze in Deutschland, mag man sich heute fragen? Und Erik, Tom und Nora schauen einen nicht so an, als habe man eine besonders dumme Frage gestellt, sie runzeln nicht mit der Stirn, sie verlassen nicht den Raum. Nora Tschirner sagt einfach: „Es gibt die Nougatlinie.“ Wenn sie also an irgendeiner Raststätte aussteigen in Deutschland, dann funktioniert die Standortbestimmung am besten mit Nougat. Denn Schichtnougat gibt es nur im alten Osten, sagt Nora Tschirner.
Tom meint, dass weniger die Herkunft als das Alter eine Rolle spielen. Die Ostfreunde, er nennt sie echt so, in seinem Alter, die seien so ganz anders als Erik und Nora. „Das liegt an der NVA“, schaltet sich Erik ein. „Wenn Du in der Armee warst, trinkst Du mehr, Du isst mehr Fleisch. Die sind einmal im Leben gebrochen worden.“ Erik war vierzehn als die Mauer fiel, und er ist dankbar, dass er nicht mehr zur NVA musste. Freunde, die fünf, sechs Jahre älter sind, die wurden eingezogen. Die wurden gebrochen.
Bei Prag gibt es keine Feindseligkeit, bei Prag ist die Welt in Ordnung
Prag dichten Stücke, die so weit von einem Bruch entfernt sind. Und wenn, dann ist das eine wohlfühlige Melancholie, so wie in einem guten Schwarz-Weiß-Film, bei dem man weinen muss, der aber so weich gezeichnet ist, dass er das Übel nie direkt zeigt, sondern metaphysisch umkreist. „Nur die Vögel singen, wenn die Sonne brennt/ Warum hat denen kein Mensch erklärt, wie man so nen Morgen verpennt“, singt Tom Krimi und Tschirners Gitarre spielt den schönsten Spaghetti-Western-Hall dazu. Bei Prag gibt es keine Feindseligkeit, keine sieben Todsünden. Bei Prag ist die Welt in Ordnung.
Wie für Tschirnern an Raststätten. Wenn sie dort ein Schnitzel bestellt, ist sie zufrieden. Und Klopse natürlich. „Egal, wo man hinkommt, an Raststätten sprechen alle so lustig.“ „Sie sprechen raststättisch“, ergänzt Krimi. Die Raststätte ist der vielleicht ehrlichste Ort überhaupt, an dem noch echte Menschen arbeiten, mit Dialekt sogar. Die Frauen und Männer an den Kassen, hinter den Suppenschüsseln, an den großen Bratwurstpfannen, sind keine gecasteten Menschen wie in jeder Boutique in Berlin, sie sind wahrhaftig.
Wahrscheinlich führt auch das die Leute in die Konzertsäle, wenn Prag spielen. Vielleicht interessieren sie sich erst für Tschirner. Am Ende aber wollen sie nur rein in diese warme, sepiagefärbte Welt ohne Knacks. In den problemlosen Raum mit Poesie. Zwei Stunden bei einem Konzert, die nicht bezahlte Monatsmiete vergessen und dann irgendwie doch das Geld zusammen kriegen.
Man muss reisen, um ein echtes Land zu sehen. Am besten mit Freunden, am besten einen Monat lang. Mit Musik. Aus dem Fenster schauen, mal auf das Nougat achten, wieder Kafka lesen.




