Pop

Kleine Reise mit Adel Tawil durch den Berliner Westen

Zusammen mit Annette Humpe verkaufte Adel Tawil Millionen an Platten und Downloads. Jetzt veröffentlicht er mit 35 Jahren sein erstes Soloalbum „Lieder“. Der Morgenpost zeigte er sein Berlin.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Mit 18 Jahren war er ein Produkt und hatte den Künstlernamen Kane. Es waren die ersten erfolgreichen Gehversuche in der Boyband „The Boyz“, die international und als deutsche Gangster-Variante der Backstreet Boys vermarktet werden sollte. „One Minute“ war ihr Hit. The Boyz wurden von ihren Managern abgezockt. Danach kam der Fall und er schlief in seinem Proberaum, und wollte den Eltern nichts erzählen.

Und dann kam Annette Humpe. Zusammen mit ihr gründete Adel Tawil 2003 die Band Ich + Ich. Der Junge aus Siemensstadt, die Eltern Einwanderer aus Ägypten und Tunesien, wurde zum deutschen Volkssänger. Ich + Ich verkauften Millionen an Platten. Die ganze Nation war auf einmal vom selben Stern. Von München bis Hamburg, von Görlitz bis Düsseldorf, diese gefühligen Popsongs mit der Bernsteinstimme Tawils sang jeder nach. Jetzt veröffentlicht er mit 35 Jahren seine erste Soloplatte. Sie heißt „Lieder“.

Erinnerung an die Mutter

Wir wollen mit ihm durch sein Berlin reisen. Drei Stationen hat er sich ausgesucht. Das Schloss Charlottenburg, den Lietzensee und das Restaurant „Jules Vernes“ an der Schlüterstraße. Adel Tawil ist für immer West-Berlin. Er umarmt sofort, mit Auf-den-Rücken-Klopfen natürlich. Mann, riecht der gut. Süße, warme Butter, wie früher beim Plätzchenbacken. Und diese Augen. Braun sind sie. Ganz tief, so dass man direkt reinspringen will. Seine Schuhe sind grün. Wir stehen vor dem Schloss Charlottenburg, man ist ja viel zu selten an solchen Orten, weil man meint, dass die Sehenswürdigkeiten der eigenen Stadt gar nicht sehenswert sind, weil sie ja eh da sind. Aber das ist schon verrückt, auf der Weltausstellung 1904 in St. Louis, Missouri, Amerika, wurde zum Beispiel der mittlere Teil des Schlosses nachgebaut, mit Turm sogar. Er wurde dann ganz pragmatisch als deutsches Restaurant genutzt.

Am 9. September 2011 hat Adel Tawil seine Frau Jasmin geheiratet – im Schloss. Mit 13 Jahren auf den Wiesen seine ersten Zigaretten geraucht. „Eine Dunhill, die ich von meinem Vater geklaut habe“, erzählt Tawil, während wir linksseitig hinter das Schloss gehen. Natürlich war ihm schlecht danach. Nördlich des königlichen Baus liegt so ein großer angelegter Garten, der so aussieht wie eine Miniatur des Champ de Mars aus Paris. Ein längliches Kreuz aus Rasen ist das. In der Mitte ist ein Brunnen. Das Wasser ist abgelassen.

Von Rage Against The Machine bis zum Wallfahrtslied

Die CD „Lieder“ erzählt in über 20 Songs, woher Adel Tawil kommt, warum er so ist, wie er ist. Er zitiert textlich alles, was ihm musikalisch wichtig ist. Rage Against The Machine, Prince, David Bowie, Depeche Mode, Jimi Hendrix, Bob Dylan, Grönemeyer, Cypress Hill, Rio Reiser, Nirvana aber auch das Wallfahrtslied „Maria durch ein Dornwald ging“. Und wir erfahren anhand unserer drei Stationen, woher Adel Tawil stammt.

Als Adel Tawil vor dem Brunnen steht, erinnert er sich an seine Mutter. Die kam aus Tunesien als junge Frau nach Berlin, um für Siemens zu arbeiten. Mit ihr ist er hier immer spazieren gegangen. Und er sagt seinem Fahrer, der auch so etwas wie ein Bodyguard ist und Saki heißt, dass der unbedingt die Jasmin anrufen soll, weil die noch ein Bild von ihm und seiner Mutter vor diesem Brunnen hat. Im Sommer war er darin sogar schwimmen.

Erste Band mit drei koreanischen Freunden

Tawils Kindheit war unschuldig schön. Sein Vater Salah wanderte aus Ägypten nach Berlin aus. Fing als Tellerwäscher und Kellner an, später eröffnete er sein eigenes Restaurant an der Osloer Straße. Nach der Schule ging er dort hin, aß einen Teller Nudeln, machte die Hausaufgaben und half dann mit im Betrieb. Er spielte auf den von Siemens angelegten Spielplätzen, Parks und Sportanlagen. In Haselhorst gründete er später mit drei koreanischen Freunden seine erste Band.

Ein Mal haben wir das Schloss jetzt umrundet. Eine junge Schweizerin will ein Foto mit Adel. Kein Problem. Lächeln. Es ist unglaublich, wie sehr sich Adel Tawil darüber freut. Das ist wahrscheinlich das 20.000ste Foto, das er mit einer wildfremden Person gemacht hat. Aber ihn freut das. In dem schweren, schwarzen Automobil made in Stuttgart rollen wir wie Staatsgäste zum Lietzensee. Die Schlosstraße immer gerade runter. Im Rückspiegel ist das Schloss zu erkennen.

Zwei Asche-Songs

Der Rapper Casper hat gerade eine neue Platte veröffentlicht und einer der Songs darauf heißt „Im Ascheregen“. Und Tawil hat auf seinem Solo-Debüt den „Aschenflug“. Die Berliner Sido und Prinz Pi haben auch Strophen dazu beigetragen. Schon lustig, oder? Also, dass zwei Rap-Songs aus Berlin eine düstere Endzeit-Metapher benutzen. Tawils Song ist schon seit zwei Jahren fertig. Und er will wirklich niemandem etwas unterstellen, aber den Casper habe er gefragt, ob er auf „Aschenflug“ mitmachen wollte und die Band Kraftklub sollte eigentlich die Musik spielen. Daraus wurde dann aber nichts. Und jetzt gibt es eben zwei Asche-Songs.

An der Kantstraße rechts abbiegen. Von der großen Kaskade, die 1912 von Erwin Bart und Heinrich Seeling angelegt wurde, schauen wir auf ein gelbes Hochhaus. „Mit dem See verbinde ich meine Zeit von Ich +Ich“. Auf der anderen Seite des Sees haben sie immer Kaffee getrunken. „Wir wollten ja ursprünglich zusammen für andere komponieren. Hier haben wir uns dann wie beste Freunde gefühlt, die irgendwann merken, dass sie verliebt sind. Sag mal, kannst Du Dir das vorstellen, wir beide, habe ich Annette gefragt. Und sie meinte, ja warum nicht. Und ich dachte daran, dass ich eine Boyband hatte, und dass die Annette mich deswegen auslachen würden. Und dann haben wir's doch gemacht. Das war Schicksal.“

Kirchenlieder in der Schule

Am anderen Ufer schwingen die Zweige einer Trauerweide im Herbstwind. Über den See schauen, einfach mal nichts sagen. Feuchte Luft einatmen. Ein See in der Stadt, ganz klar, ganz ruhig, ganz unwirklich. So quasi-religiös. In Frankreich wäre an solch einem See im 17. Jahrhundert an einem nebligen Herbsttag bestimmt einem Waisenkind die Mutter Maria erschienen. Und Adel lacht bei dem Gedanken und wir kommen noch mal auf „Maria durch ein Dornwald ging“.

„Das Lied habe ich in der dritten Klasse als Solist gesungen.“ Tawil wächst muslimisch auf, aber er geht auf die katholische Hermann-Löns-Grundschule. Er war dann das erste Mal in dieser Kirche in Siemensstadt und als den Jesus am Kreuz sah, wurde ihm ganz schlecht und schließlich schwarz vor Augen. „Ich dachte, da hängt ein richtiger Toter.“ Und zusammen singen wir dann „Maria durch ein Dornwald ging,/ Kyrie eleison.“ Saki, der Fahrer, muss schmunzeln, er denkt bestimmt, jetzt drehen die total durch. Deswegen besteht er darauf, dass wir jetzt ins „Jules Vernes“ fahren.

Von der Boyband zum Volkssänger

Hassan, der Chef begrüßt Adel und auch uns. Saki, dieser Riesen-Kerl, er hat auch schon Tokio Hotel beschützt und die Gruppe Echt, als es Morddrohungen gegen die gab, bestellt die Getränke für uns. „Haben Sie eine heiße Schokolade mit Sahne für mich?“, fügt er hinzu, „Da würde ich mich sehr drüber freuen.“ Großartig.

Hassan ist auch Ägypter, wie Adels Vater. An der Wand hängen Bilder von ägyptischen Schauspielern aus den 60er Jahren. Auf der Karte steht Flammkuchen, Forelle, Kalbshaxe, Stubenkükenterrine. Im Sommer saß Tawil hier häufig draußen. Das ist sein Kiez. Wenn er da saß und die Sonne kam raus, dann war das wie Urlaub für ihn. Ägypten war damals so frei, sagt Adel jetzt und schaut auf die Bilder. Die Röcke waren viel kürzer als heute in Berlin, meint er. Sein Vater wollte Schauspieler werden, dessen Vater war aber dagegen. Adel konnte Musiker werden, weil sein Vater wollte, dass sich sein Sohn verwirklichen kann.

Adel Tawil ist seinem Vater unglaublich dankbar dafür. Ohne Salah Tawil hätte es diese Geschichte nicht gegeben. Die Geschichten vom Kind afrikanischer Einwanderer, das so West-Berlin ist, wie West-Berlin nur sein kann, für das das Schloss Charlottenburg das Schönste von der ganzen Welt ist, das es von der Boyband zu einem Volkssänger im besten Sinne geschafft hat. Davon singt Adel Tawil diesen Herbst auf „Lieder“.