Berliner Ausstellung

"Arte Postale" - Wie Beuys ein Holzbrikett verschickte

Wer sagt denn, dass Postkarten unmodern sind? Die tolle Schau „Arte Postale“ in der Akademie der Künste zeigt, dass die alten Botschaften auf Papier noch ewig leben.

Foto: © Dieter Roth Estate Courtesy Hauser & Wirth / Edition Staeck, Heidelberg/ VG Bild-Kunst, Bonn 2013/ Eric Tschernow

Der Beginn der Künstlerfreundschaft nahm seinen Lauf mit einer Postkarte. Wie der Postbote reagierte, wissen wir nicht. Die Karte, die Joseph Beuys an Klaus Staeck nach Heidelberg verschickte, war klobig wie ein Brikett, ganze 3,5 Zentimeter breit – und aus Holz. Frankiert im Jahr 1968, mit einer zwei-DM-Marke.

Beuys schickte mehrere an Staeck, "Lieber Klaus", so fingen sie an, und dann folgten ein oder zwei lakonische Sätze wie "Bonnefanten sind prima" oder einfach "Putensuppe mißlungen". Da entwickelte sich eine kleine, feine, ironische Konversationen über die Kunst und das Leben, die vielleicht nicht für jeden gleich Sinn macht. Für Staeck und Beuys aber schon.

Die Deutsche Post beanstandete die Versendung irgendwann, die Maße stimmten halt nicht. Aus dem Holzklotz wurde im Versand simpel ein Päckchen. Das war die Geburt der Kunstpostkarte und der Anfang einer langen Künstlerfreundschaft. Für Beuys war dieser fliegende "Botschafter" interessant, weil er damit seine Ideen verbreiten konnte.

Wer kennt sie nicht, die typischen Beuys-Sprüche: "Jeder Mensch ist ein Künstler" oder "Wer nicht denkt, fliegt raus". In den 1980er Jahren gehörten sie quasi zum Bildungskanon jedes politisch interessierten jungen Menschen. Manche von ihnen hüten die Karten heute noch in verbeulten Kisten wie einen Schatz.

Übrigens: Beuys und Staeck haben zusammen 80 Karten ediert. Staeck heute einen riesigen Fundus von ausgefallener Post mit anderen Künstlern, wilde Nachrichten und lustige Kritzeleien. Aufbewahrt in Hunderten "Kisten, Kasten, Kästen" wie er sagt, "nicht geordnet". Was er von seiner Sammlung nun in der Akademie der Künste zeigt, sei nur "ein absoluter Bruchteil".

Mal ehrlich, wer schreibt in digitalen Zeiten noch Karten? Schade eigentlich, das zeigt die wunderbar fantasievolle Ausstellung mit dem klingenden Titel "Arte Postale". Ein wildes , anarchisches Sammelsurium von gemalter, gestempelter und geklebter Mail Art, jedes auf seine Art ein kleines Kunstwerk.

Postkartenliebhaber Staeck

Mal private Liebesbriefchen, mal politische Statements, mal Ausstellungseinladungen, wie die vom feixenden Jonathan Meese an Staeck. Seit einiger Zeit übermitteln sie sich gegenseitig Botschaften. Da wäre zudem Post von Keith Haring, Andy Warhol, Bernhard Heisig, Hanne Darboven und Sarah Kirsch. Einige Vitrinen bergen wertvolle AdK-Archiv-Schätze mit teilweise sehr farbigen collagierten Botschaften von Lyonel Feininger, Hans Scharoun und Max Pechstein, der seine Zeilen mit hübschen Druckmotiven versah. Als künstlerisches Medium entdeckt wurde die Karte von den Fluxus-Künstlern in den 50er und 60er Jahren – auf der Suche nach einem erweiterten Kunstbegriffes.

Klaus Staeck ist ein absoluter Postkartenliebhaber. Bei dem Thema gerät der Präsident der Akademie emotional richtig in den Ausnahmezustand, wie er gewitzt bestätigt. Das muss man erklären: Er betreibt seit Jahrzenten eine Edition.

Manche nennen ihn deshalb despektierlich den "Postkartenonkel", um ihn als "Künstler zurückzusetzen". Staeck möchte gar ein "Jahr der Postkarte" ausrufen, schließlich ist er ein "recht lebendiges analoges Wesen", das vom Schreiben, Malen, den "wunderbaren Momenten der Kommunikation" und der "Materialisierung der Karte" schwärmt.

Akademie der Künste, Pariser Platz. Di-Sa 11-19 Uhr. Bis 8. Dezember. Katalog: 20 Euro.

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