O2 World

Barbra Streisands Show lässt Berliner alles vergessen

Es war kein Konzert, sondern eine interaktive Show, die Barbra Streisand in der O2 World den Berlinern bot. Sie präsentierte sich als lebendiger superlativ und gemütliche Vorleseleady zugleich.

Sie ist ja so selten da. Das erste Mal in Europa, um ein Konzert zu spielen, war sie 1994. London damals. Dann nochmal Berliner Waldbühne 2007. Sechs Jahre nach ihrem letzten Deutschland-Konzert kehrt Barbra Streisand nach Berlin zurück. Mit 71 Jahren, einem Orchester von sechzig Musikern, dem Jazz-Trompeter Chris Botti und ihrem Sohn Jason Gould, sowie ihrer Halbschwester Roslyn Kind trat sie Sonnabendabend in der O2 World auf.

Natürlich ist das Fotografieren verboten. „Junger Mann“, adressiert der Ordner den etwa 50 Jahre alten Konzertbesucher, „dit löschen se aber janz schnell“. Das Konzert hat noch nicht mal angefangen. Alles, was die Kamera zum jetzigen Zeitpunk einfangen konnte, sind Streisands Stuhl vorne in der Mitte, um die sechzig Hocker für die Musiker und ein Blick auf die Brooklyn-Bridge, die gleich vier Mal an ebenso vielen Leinwände über den Zuschauern zu sehen ist. Am 24. April 1942 wurde Streisand in Brooklyin geboren.

Zwölftausend sind gekommen. Schick gemacht haben sich viele. Die Abendgesellschaft trägt Kostüm, Kleid oder Anzug. Natürlich sind auch einige leger gekleidet. Aber wahrscheinlich hat die O2-World noch nie ein solch sorgfältig zurechtgemachtes Publikum gesehen.

Standing Ovations bevor sie auf der Bühne ist

Bloß, dass es sich bei diesem Abend nicht um ein Konzert, sondern um eine Art interaktive Streisand-Show handelt, das hätte vorher kommuniziert werden sollen. Trotzdem gibt es Standing Ovations, auch wenn nur ein Video gezeigt wird und dazu „You'll never know“, der erste Song, den sie jemals aufgenommen hat, vom Orchester gespielt wird. Wir sehen die dreizehnjährige Barbra. Bei jedem Bild wird der Applaus größer. Und endlich, es dauert noch eine Weile, inzwischen spielen die Musiker ein Stück aus dem Musical „Funny Girl“, dann steht sie da oben. Eine goldene Sphinx, eine alterslose Schönheit. Ihre Haut ist fast so golden, wie ihr Kleid.

„On a clear day“, der allererste Song mit ihrer Live-Stimme erklingt. Was für eine Stimme. Warm, ganz nah, dringlich schmeichelnd mit Kraft. Wir hören sanfte Streicher, die ein Flimmern formen. Die Flöten setzen ein. Streisand führt die Zuschauer in einen herrlich klingenden Märchenwald. Die Blätter wehen im sanften Dur der Streicher. Vom Teleprompter über den Köpfen der Fans, liest sie den Text ab. Und wirklich. Was für eine Musik ihr der Komponist Burton Lane geschrieben hat!

Nur Elvis ist erfolgreicher

Barbra Streisand ist der absolute, lebendige Superlativ. Zehn Grammys, zwei Oscars, fünf Emmys, zwölf Golden Globes. Sängerin, Schauspielerin, Filmproduzentin, Regisseurin. 145 Millionen weltweit verkaufte Alben. Nur Elvis ist immer noch erfolgreicher. Selbst die Beatles und die Stones kommen nach ihr.

Und wie früh das bei ihr begonnen hat. Mit dreizehn nimmt sie in New York City am 29. Dezember 1955 oben erwähntes „You'll Never Know“ auf. Man findet die Aufnahme noch im Internet. Schüchtern, noch nicht ganz fertig klingt ihre Stimme da, aber schon strahlend rein, wie ein Sonnenaufgang, der einen schönen Sommertag verheißt.

Zehn Tage vor ihrem 27 Geburtstag bekommt sie 1969 den Oscar für ihre Hauptrolle in der Musical-Verfilmung „Funny Girl“. „Hallo, mein Hübscher“, sind die ersten Worte, als sie den Preis entgegen nimmt. Gleichzeitig sorgt sie an diesem Abend für den einzigen Skandal ihres Lebens. Streisand trägt an diesem Abend einen durchsichtigen, glitzernden Hosenanzug. Den dunklen BH kann jeder erkennen.

Jede Ansage wird abgelesen

Streisand ist die gemütliche Vorlese-Lady. Jede Zwischenansage wird abgelesen. „Hallo Berlin“ steht also oben im Teleprompter. Aber das ist ja nicht weiter schlimm. Udo Lindenberg macht das auch so.

Jeder Regung, jeder Song, jede Note wird aufgesogen. „Bewitched, Bothered and Bewildered“ – ein Broadway-Klassiker, genauso wie das für sie von den Bee Gees geschriebene „Woman in Love“. 1980 hatten die ihr mal eine Platte geschrieben. „Guilty“ hieß die. „Woman in Love“ hielt sich jedenfalls drei Wochen auf Platz 1 der amerikanischen Billboard Charts. Das war vor dreiunddreißg Jahren.

Antworten auf Fragen aus dem Publikum

Wie sie da oben steht, dann wieder sitzt, mit ihrem Sohn Jason Gould „How deep is the ocean“ singt. „How much do I love you? How deep is the ocean? How high is the sky?“, fragen Mutter und Sohn einander. Das ist kitschig, ganz schlimm sogar. Süßer als rosafarbene Marshmallows, aber das ist Streisand. Das ist toll. Komisch nur, dass sogar ihr auf der Bühne geführtes Gespräch über den Teleprompter läuft. Als könnten beide nicht alleine reden.

Aus einer Box werden inzwischen Fragen aus dem Publikum vorgelesen. Streisand hat sich während einer Solodarbietung ihres Sohnes umgezogen. Sie liest jetzt also mit Brille von Zetteln. Laura aus Wien will wissen, wie es Omar Sharif geht. „Gut. Er ist ein hervorragender Bridge-Spieler“, meint Streisand. Wirklich. Es kommen Fragen aus Durban in Südafrika, aus Polen. Ob Sie auf diesem Schwulen-Festival in Berlin war, will einer wissen. „Nein, ich dachte ich treff' euch alle hier“, kontert sie. Und entweder diese Fragen waren vorbereitet, oder aber, sie ist wirklich in Höchstform. Kurz vor der Pause jetzt ein Medley aus Stücken aus dem Musical „Gypsy“. Sie tanzt, sie swingt, sie dreht sich. Babra hat Quelle der Jugend gefunden

Musik, die alles vergessen lässt

Diva, wurde zu ihr gesagt. Aber wie sie so durch einen Strohhalm schlürfend Tee trinkt, da fühlt man sich ihr nah wie nie zuvor. „Here’s To Life“ im roten Kleid. Streisand singt Musik, die alles auf Federkissen bettet, die für zweieinhalb Stunden vergessen lässt, dass in zwei Wochen wieder die Miete überwiesen werden muss. Bei einem Streisand-Konzert fühlt sich jeder wie ein Schmetterling in einem Disney-Film. Da verzeiht man ihr, dass sie sich beim Ablesen der Songtexte dann und wann verheddert.

Fünfhundertirgendwas kostet die Karten in der teuersten Kategorie. Aufgeregt haben sich einige. Aber jetzt mal ehrlich, da kommt eine 71-jährige Frau, eine der größten Sängerinnen der Welt mit einem Riesen-Orchester, das sollte einem schon was wert sein. Wenn man bedenkt, dass eine Eintrittskarte für die Staatsoper mit rund zweihundertfünfzig Euro bezuschusst wird, das teuerste Ticket in der regulären Spielzeit hundertsechzig Euro kostet, dann darf Barbra auch fünfhundert verlangen. Außerdem – so lange noch Menschen zu ihren Konzerten kommen, gibt es kein zu teuer.

Aus Bottis Trompete dringen bald die letzten Töne des Abends. Ein trauriger aber majestätischer Wind erfüllt Berlin. „Make Our Garden Grow“ aus dem Bernstein-Musical „Candide“. Nico Müllers Bariton erklingt. Der Sänger von Adoro singt zusammen mit Streisand und im Hintergrund steht der Chor des Junges Ensemble Berlin. Männer küssen und umarmen einander. Ehepaare reiben ihre Nasen aneinander. Mit ihrer Schwester Roslyn Kind singt Streisand „Smile“ aus dem Chaplin-Film „Modern Times“. Und wirklich „You’ll find that life is still worthwile / If you just smile“.