Die Waldbühne gehört zu den stimmungsvollsten und geschichtsträchtigsten Freilichtbühnen Deutschlands. Von den Nazis in einer Ausbuchtung der Murellenschlucht im Zuge der Neubauten für die Olympischen Spiele errichtet, fanden dort 1936 mehrere Aufführungen statt, darunter die Oper „Herakles“ und das „Frankenburger Würfelspiel“, außerdem war die Bühne Austragungsort der olympischen Wettbewerbe im Geräteturnen. In der Nachkriegszeit wurde die Waldbühne als Freiluftkino, aber auch für Boxwettkämpfe und seit 1961 vor allem für Rockkonzerte genutzt. Legendär der Auftritt der Rolling Stones 1965 (siehe unten). Anlässlich der neuen Saison, die heute Abend mit einem Konzert von Neil Young startet, erinnern sich die Morgenpost-Redakteure an ihre persönlichen Waldbühnen-Erlebnisse.
Als ich mich verirrte
Es war dieses Achtzigerjahre-Berlin vor der Wende, in das man aus Westdeutschland mit Pan-Am-Maschinen flog und in dem man sich über alles wundern musste, zumal als Siebenjähriger. Seltsam war, dass mein erwachsener Begleiter Kalle eine Deutschlandfahne mit in die Waldbühne nahm, aber eine komische mit Ährenkranz und Hammer und Zirkel, was er irgendwie lustig fand oder provokant, ich weiß nicht mehr. Seltsam war auch, dass nicht nur mit Gianna Nanini eine Frau auftrat, die einen heiseren Mann zu imitieren schien, sondern danach mit Romy Haag eine weitere Frau, von der mir Kalle strahlend versicherte, sie habe einen Penis. Seltsam war aber vor allem, dass ich stolz allein aufs Klo ging, danach aber nicht mehr zurück zu Kalle fand, obwohl ich mir den Weg doch anhand einer am Boden herumliegenden Coladose gemerkt hatte. Ne volle halbe Stunde hat er nach mir gespürt, aber dennoch hat sich Kalle ganz köstlich amüsiert. Felix Müller
Liebe, tatsächlich
Sie stand am Eingang – und trotz der Menschenmengen, die an uns vorbeiflutete, trafen sich für einen Moment unsere Blicke. Ich war aus Süddeutschland nach Berlin gekommen, nur für dieses Konzert: Joan Baez und Bettina Wegner in der Waldbühne. Anfang der Achtziger, open air, 20.000 Menschen, so was passierte bei uns zu Hause nicht. Und dann war da diese Frau: lange, schwarze Haare, schmal und irgendwie großstadt-cool. Sie konnte die selbst gedrehte Zigarette so lässig rauchen. Aber als wir uns anguckten, war ihr Blick freundlich. Nur, ich traute mich nicht. Auch später nicht, als wir uns – ich glaube es war bei: „We shall overcome“ – wieder sahen. Während des gesamten Konzertes dachte ich darüber nach, warum ich nicht den Mut aufbringen konnte, sie anzusprechen. Was auf der Bühne passierte, glitt an mir vorbei. Verdammt, war ich schüchtern damals. Jan Draeger
Publikumsbeschimpfung
Würde das Wetter mitspielen? Es regnete Bindfäden, auf dem Hinweg fanden wir noch einen zweiten Regenschirm. Wir waren pünktlich, das dachten wir. Doch die Aufführung von Sasha Waltz choreografischer Oper „Dido & Aeneas“ im August 2011 begann eine Stunde zu spät. Und das im Regen. Opernsängerin Annette Dasch versuchte ein Warm-up in der nass-kalten Waldbühne und forderte das Publikum zum Singen auf. Das hatte jedoch überhaupt keine Lust dazu, selbsttätig für die Unterhaltung zu sorgen. Als Frau Dasch dann für das Radialsystem, das sein fünfjähriges Bestehen auch noch bei dieser Gelegenheit feiern wollte, ein Geburtstagsständchen anstimmte, natürlich wollte sie das wieder nicht allein singen, buhte das Publikum. Nun zeigte sich die Dasch als wahre Diva, sie beschimpfte die Anwesenden: „Die sind ja selbst Schuld, wenn sie nicht lesen können, welche Uhrzeit auf dem Ticket steht.“ Nur damit lag sie falsch, der Uhrzeit auf dem Ticket zufolge, hätte der Regen die Oper versenkt. Frau Dasch erntete Spott und noch mehr Buhs. Als die Aufführung begann, stoppte der Regen. Den Schirm haben wir noch. Diana Zinkler
Diva mit Hund
Ob Barbra Streisand, wenn sie demnächst in der O2-World auftritt, ebenso hemmungslos Liebeserklärungen zur Bühne hinaufgerufen werden wie vor sechs Jahren in der Waldbühne? „Danke“ oder „Ich liebe euch auch“ hauchte die große Diva damals ins Mikrofon. An diesem Sommerabend habe ich viel gelernt über das amerikanische Showbusiness, über Divenkult und Kitsch, aber auch über Charme und Ehrlichkeit, die auch die Altersfalten nicht versteckt, sondern mit allem gelassen kokettiert. Die reisende Streisand suggeriert im globalen Chaos ein Stück heile Welt. Und womit? Mit hohem Family-Faktor. Sohn Jason winkte zwischendurch aus der ersten Reihe in die Kamera und Ehemann James Brolin gratulierte zum anstehenden Hochzeitstag. Am Ende durfte sogar der Hund mit auf die Bühne. Tausende jubelten – wer ihren Hund ausgebuht hätte, wäre verprügelt worden. Eine merkwürdige Erkenntnis. Volker Blech
Eine Liebe fürs Leben
Es war mein erster Sommer in Berlin, in die Waldbühne durfte man noch Picknickkörbe mitbringen. Nur hatte ich an diesem 6. August 1988 noch keine Ahnung, wie früh man da sein muss. So konnten wir unsere Campingdecke nur weit weit hinten aufschlagen. Claudio Abbado dirigierte, damals noch nicht die Philharmoniker, sondern das Mahler Jugendorchester. Gespielt wurde Mahlers Dritte. Und nie werde ich vergessen, wie das Abendrot beim Scherzando das Amphitheater und uns in ein güldenes Licht tauchte. Dann, beim Misterioso, erklang Jessye Normans göttliche Stimme. Wir hörten sie nur. Zwischen all den schwarzbefrackten Musikern war sie in der Dämmerung nicht zu sehen: Sie hatte sich ebenfalls schwarz gekleidet. Aber ihre Stimme war die Nacht. Selbst die Mücken trauten sich nicht mehr zu surren. An diesem Abend begann eine Liebe fürs Leben mit diesem Ort. Die Mückenstiche trugen wir noch ein paar Tage tapfer als Souvenirs. Peter Zander
Sie feierten und sie tobten
1965. Ich bin 15, und die Rolling Stones kommen nach Berlin. Meine Freunde und ich sind schon den ganzen Tag auf den Beinen. Am Wittenbergplatz passen wir das Auto der Stones ab, als es gerade dem vorausfahrenden Auto auffährt. Brian Jones trinkt gerade aus einer Bierflasche und verletzt sich die Lippe. Dem Chauffeur haut er die Flasche auf die Mütze. Ich stecke den Kopf durch das Fenster, will etwas Bedeutendes sagen, kann aber nur blöd grinsen und stammeln: „Hallo Brian, hallo Keith, hallo Mick!“ Dann fährt das Auto mit einem Ruck an, und ich muss den Kopf schnell zurückziehen.
Den ganzen lieben, langen Nachmittag hindurch gibt‘s„ Special Guests“: Vorgruppen, Lokalgrößen wie die „Black Stars“ oder die „Teen Beats Berlin“. Erst als es dunkel wird, kommen die Stones. Wie lange sie spielen, was sie spielen, ob sie überhaupt spielen, weiß ich nicht. Man hört nichts. Erstens hat die Band keine PA, sondern nur ihre Bühnenverstärker, und zweitens schreit, kreischt, brüllt alles, Jungen wie Mädchen. Dann verschwinden die Stones, nach etwa 20 Minuten. Ein kollektiver Schrei der Enttäuschung und Empörung, des Verlassenseins und der Wut geht durch die Waldbühne. Eine Polizeikette rückt an. Alles flüchtet über die Bänke nach oben. Dabei gehen einige zu Bruch. Zuerst ist das Zufall, dann achten wir darauf, gezielt und gemeinsam zu springen. Die Waldbühne wird an diesem Abend vollständig zerstört. Alan Posener
Erst Fußball, dann Reggae
Was er vor seinem Konzert gemacht hat? Fußball gespielt im Backstage-Bereich, was sonst. Kicken war schließlich Bob Marleys Passion. Im Juni 1980 schwebte eine dicke, süßlich duftende Ganja-Wolke über der Waldbühne und Reggae-Gigant Marley bracht mit seinen „Positive Vibrations“ gut 18.000 Besucher in dem damals ziemlich maroden Gemäuer in Bewegung. Noch immer waren die Spuren der Verwüstung, die die Besucher des Stones-Konzertes 15 Jahre zuvor angerichtet hatten, gegenwärtig. Einer im Publikum war Peter Schwenkow. Der Konzertveranstalter genoss die Atmosphäre und hatte eine Idee. Ein Jahr später war er der Pächter, ließ die Waldbühne renovieren und machte sie zu einer der begehrtesten Open-Air-Spielstätten Europas. Peter E. Müller



