Open-Air-Konzert

Rammstein überraschen mit Kraftklub in der Wuhlheide

Die Altmeister des härteren Konzeptrocks sind in der Berliner Wuhlheide in die Freiluft-Saison gestartet - und begeisterten mit ihrer berühmt-berüchtigten Bühnenshow. Eine Überraschung war die Vorband.

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Wenn Rammstein selbst diese junge Band Kraftklub als Vorgruppe ausgesucht hat, so heißt es jedenfalls, dann haben die Altmeister des Konzeptrocks mal wieder ihren Humor gezeigt. Der 20-jährige Sänger von Kraftklub jedenfalls fragt das Rammstein-Publikum zur Begrüßung: „Wer findet uns richtig Scheiße?“ Tausende Hände recken sich in der ausverkauften Wuhlheide. Dann singt Kraftklub „Zu jung“, das Lied, in dem sie sich so schön über die Generation ihrer Eltern aufregen, die eben so alt sind wie Mitglieder von Rammstein und die meisten ihrer Fans hier.

„Unsere Eltern kiffen mehr als wir / wie soll man rebellieren / egal wo wir hinkommen / unsere Eltern waren schon hier.“ Die Botschaft: Unsere Vorbilder werdet ihr nicht.

Ja, gegen was rebellieren, wenn Rammstein spielt? Die Besucher: Herren mit grauen Haaren und Bomberjacke. Oder schweigsame Musikkenner, die hier sind, weil sie Rammstein schon oft gesehen haben. Oder freundlichen Ehepaare, die hier sind, weil man Rammstein eben unbedingt mal gesehen haben muss. Die wenig willkommenen Jungs von Kraftklub jedenfalls verabschieden sich mit: „Wir sind deine neue Lieblingsband, die Lieblingsband deiner Lieblingsband.“

Anleihe an „The Wall“ von Pink Floyd

Zum offiziellen Start der Rammstein-Sommertour 2013 in der Berliner Wuhlheide darf man wohl vorsichtig fragen: Bringen es die Konzeptmeister von Rammstein eigentlich noch? Oder provozieren die jungen Wilden inzwischen viel mehr als sie? Die Show jedenfalls, die sie an diesem Abend in Berlin präsentieren, immerhin die Stadt, in der ihre Geschichte vor bald 20 Jahren begann, ist keine wirklich neue. Die Mauersteine hängen zu Beginn über der Bühne, eine Anleihe an „The Wall“ von Pink Floyd, jene 70er-Jahre-Show, die immer noch aufgeführt wird und so zur abgenudelten Rockoper verkommen ist.

Aber das hier ist Rammstein. Keine Reste-Band wie Pink Floyd. Die Steine der Mauern verwandeln sich gleich zu Anfang in blutdurchströmte Zellen, man schaut in eine lebende Bestie. Wenn Rammstein zitiert, dann immer mit eigenständiger Abartigkeit. Es reichen drei Takte des ersten Liedes, um Gedanken an abgenudelt oder Rockoper zu vertreiben. Die Powerchords, die schlauen Breaks, das Keyboard, das diese Klangwalze fliegen lässt: Es ist, als ob die Wuhlheide explodiert, dabei haben die Fachmusiker für Pyrotechnik die Lunten zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal angefasst.

„Ich tu dir weh“ ist der erste Song. Sänger Till Lindemann, mal wieder im rosa Pelz, singt die einst indizierten Zeilen: „Bisse, Tritte, harte Schläge, Nagel, Zange, stumpfe Säge / Wünsch dir was ich sag nicht nein / Und führ dir Nagetiere ein.“

Rammstein-Theater mit Plastikpenis

Die Masse ist begeistert. Sie erlebt das Rammstein-Theater, die Fahrt durch Sadismus, Porno, Einsamkeit, Inzest. Das Bühnenschauspiel, wenn auch inzwischen bekannt, bleibt wirkungsvoll. Der Keyboarder, ausgerechnet das schlankeste Bandmitglied, wird zum Kannibalen-Song „Mein Teil“ im Topf geröstet, zu „Bück dich“ von Sänger Lindemann mit einem prall gefüllten Plastikpenis erniedrigt, bis er wieder als Sklave auf das Laufband vor seinem Instrument zurück muss. Im hautengen Mensch-Machinen-Anzug, der Bezug zu Kraftwerk, der anderen deutsche Konzeptband.

Kraftwerk. Es ist ja noch nicht lange her, da brachen Hamburger Künstler mit dem Film „Fraktus“ ein Tabu: Sie machten sich über Kraftwerk lustig, dieser Übermarke für für alle ernsthaften Musikkenner. Nur Banausen hatten das bisher versucht, sich lustig zu machen, entsprechend wirkungslos blieb das. Schlauer Humor über Kraftwerk, das war neu.

Wird man sich ebenso bald auch über Rammstein lustig machen? Es sieht nicht danach aus. Spätestens, als sie eine ihrer Balladen „Ohne Dich“ nannten, haben sie alle Belustigungen schon vorweg genommen. Wer sie wirklich nicht mag, kann sie bloß ignorieren.

Rammstein kriegt sie alle

Am Abend in der Wuhlheide gibt es nur Fans. Rammstein kriegt sie alle. Als die ersten Instrumente zertrümmert sind, der erste Mensch angezündet, singt Lindemann: „Wir wollen, dass ihr uns vertraut / wir wollen, dass ihr uns alles glaubt.“ Fast alle der 15 000 Zuschauer heben auf Befehl ihre Hände. Der beschworene Wahn erreicht den Höhepunkt. Es ist das Rammstein-Geheimnis: Sie schaffen das Gesamtkunstwerk, um es im zweiten Schritt selbst zu dekonstruieren. Sie übertreiben so lange, bis der Wahn nahezu lustig und damit wieder harmlos wird. Rammstein sind beides gleichzeitig: Die Künstler und ihre Kritiker. Eine Full-Service-Agentur, die ihre Gäste rundum zufrieden macht.

Kürzlich mussten Rammstein ja eine Schlappe hinnehmen: Während Fußballer Mesut Özil mit mehr als 10 Millionen Freunden auf Facebook seine Spitzenposition in Deutschland ausgebaut hat, liegt Rammstein mit nur sieben Millionen Freunden nur auf dem zweiten Platz. Fußballer Özil begründete seinen Erfolg mit Authentizität: Er zeige ehrliche Einblicke in sein Leben. Authentizität. Darum ging es bei Rammstein nie, sondern immer nur um die Rolle, die sie spielen. Einblicke ins Privatleben geben diese nachdenklichen Musikkünstler nicht.

In der Zugabe kommt dann „Mein Herz brennt“, vorgetragen akustisch, mit Flügel und Gesang. Ein Hauch von Meat Loaf, Till Lindemann hat etwas zugelegt. Es ist aber auch eine Besinnung für die Besucher, zum Runterkommen. So wie dieser Poptrance-Song „Children“ von Robert Miles in den 90er Jahren, der die überdrehten Technokids nach einem Clubabend in die Stimmung für einen sicheren Heimweg versetzen sollte. Nur, dass hier kaum Kids im Publikum sitzen, sondern Herrschaften, aber das hat man inzwischen beinahe vergessen.

„Reise, Reise“ durch die Finsternis

Am Schluss, zu „Reise, Reise“, sitzt Lindemann dann wieder auf einem Riesenphallus und beschießt das Publikum mit so etwas wie künstlichem Schnee. So befruchtet, hat der Abend für das Publikum ein gutes Ende. Die Reise durch die Finsternis, die anschließende Belehrung, merkwürdigerweise macht so ein Rammstein-Konzert vor allem eines: Spaß.

Wer immer noch nicht genug hat, als die Bühne längst dunkel ist, denkt vielleicht noch einmal zurück an die wenig willkommene Band Kraftclub, die am Anfang gespielt hat. Die Jungs sind nämlich bestimmt noch lange wach.