„Die Beobachter“

Thadeusz‘ Talkrunde ist das Wunder von Berlin

In Jörg Thadeusz‘ neuer Talkrunde „Die Beobachter“ findet all das, was an anderen Sendungen dieser Art nervt, nicht statt. Thadeusz zeigt, wie kurzweiliges und schlaues Fernsehen geht.

Foto: Marc Tirl / dpa

Irgendwann, so gegen Mitte der Sendung, spricht Mely Kiyak dem Zuschauer wohl aus dem Herzen. „Ich bin hin- und hergerissen“, sagt sie, bei jedem der Beiträge ihrer Kollegen denke sie sich, diesen Punkt sehe sie auch so. Obwohl es sich halt dabei um Argument und Gegenargument handelt.

Es ist eine schöne Übung in Relativismus, die sich da Jörg Thadeusz ausgedacht hat. Einmal im Monat setzt sich der Moderator mit vier weiteren Journalisten an einen Holztisch. „Die Beobachter“ heißt die Sendung auf dem RBB am Dienstagabend, und dabei sind Claudius Seidl („Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“), Elisabeth Niejahr („Zeit“), Hajo Schumacher (Morgenpost) und eben auch Mely Kiyak, Kolumnistin der „Frankfurter Rundschau“. „Wir versprechen ihnen 60 Minuten Fernsehen“, sagt Jörg Thadeusz zum Auftakt der ersten Sendung, was jetzt kein so riesiges Versprechen ist und nach diesen 60 Minuten stellt man leicht verwundert fest: Ach, so kann Fernsehen auch sein – schlau, kurzweilig.

All das, was einen schon immer an diesen Talkrunden genervt hat, findet hier nicht statt: Keiner versucht Recht zu behalten, man tauscht nicht lediglich nur Positionen aus, sondern man redet tatsächlich miteinander, in dem jeder auf den anderen eingeht, kurzum eine Talkshow, in der ein wirkliches Gespräch stattfindet. Das Wunder von Berlin.

Was tun mit Putin?

Jörg Thadeusz beginnt die Sendung so, wie er das aus Seminaren und vielleicht auch Therapiegruppen kennt, nämlich mit der eigenen Vorstellung. Er sei der Jörg, sagt er, und möchte gern „Spiegel“-Chefredakteur werden, weil er charismatisch ist und gut aussieht. Dann rollt er den Ball weiter zum nächsten. In dem Zusammenhang erfährt man von Hajo Schumacher, dass er zwei Söhne hat und die ja schließlich auch ernährt werden müssten. Deshalb sei er hier heute Abend.

Was tun mit Putin, ist das erste große Thema. Nachdem sich die Runde darauf geeinigt hat, dass der russische Präsident „ein übler Autokrat“ ist, fragt man sich, ob Kanzlerin Merkel angemessen reagiert hat, als sie die Untersuchungen der beiden deutschen Stiftungen bei einer Pressekonferenz kritisiert hatte. Elisabeth Niejahr fand sie „straight und ein bisschen langweilig“, wie sie nun einmal so sei; Claudius Seidl hingegen wollte keine „Temperatur- und Charmenote“ verteilen. Denn immerhin äußere sie sich zu den Menschenrechten, was bei ihren Vorgängern eher so unter Folklore abgehandelt wurde.

In 30 Sekunden, so kündigt Jörg Thadeusz die nächste Runde an, solle man mindestens 12 Begriffe nennen, die den Journalisten zu Maggie Thatcher einfallen. Das geht recht flott, von Handtasche, kulturelle Blüte, Sex Pistols, Deregulierung, Finanzkrise und Privatisierung und weitere Begriffe fallen. Kulturelle Blüte, erklärt Claudius Seidl mit handelsüblicher Dialektik, weil der Widerstand gegen die frühere britische Premierministerin zu einer enormen produktiven Kraft führte. Er finde Maggie Thatcher toll, sagt er dann noch und Hajo Schumacher ist ein wenig ratlos: „Dein Frauenbild macht mir Angst.“ Der leicht hinterhältige Versuch von Jörg Thadeusz, ob Maggie Thatcher denn ein Rollenvorbild für Frauen sein könnte, scheitert jedoch; eine Frau die von allen gehasst werde, befindet Elisabeth Nierjahr, könne ja wohl kein Vorbild sein.

Nächstes Mal kein Messen mit Dortmund

Zum Schluss geht es dann doch ein wenig durcheinander. Die in diesen Tagen bekannt gewordenen Dateien von sehr reichen Menschen, die ihr Geld auf sehr kleine Inseln verfrachtet haben, sind das Thema, und die Runde entscheidet sich nicht so richtig, ob sie jetzt über Millionäre oder Steuergerechtigkeit debattieren möchte oder darüber, dass Steuernzahlen eigentlich eine echt prima Sache ist. Letztere Position vertritt vehement Mely Kiyak. So richtig anschließen mag sich ihr aber keiner.

Am Ende dann sind noch „60 Sekunden Ruhm“ zu verteilen, einer der Journalisten muss einen Begriff erklären. Hajo Schumacher protestiert noch leicht („das war aber nicht abgesprochen“), aber dann setzt er sich auf eine Bank, der Begriff heißt „Schleswig-Holstein“, und man denkt sich selbst: „Oh Gott, was kann man zu so einem Landstrich schon sagen.“ Aber Hajo Schumacher erzählt über den Ministerpräsidenten Torsten Albig, leitet weiter gedanklich zu Uwe Barschel, ist in wenigen Sprüngen bei Heide Simonis, und er macht in diesem Moment nicht den Eindruck, als ob er nicht noch zehn Minuten alles Wissenswertes über das unterschätzte Schleswig-Holstein erzählen könnte. Dann ist aber Schluss, Fortsetzung ist am 7. Mai, Dortmund spielt nicht.