Berliner Morgenpost: Der Echo basiert im Gegensatz zum Grammy fast ausschließlich auf Plattenverkäufen. Kann man die Preise überhaupt vergleichen?
Dieter Gorny: Es ist ein konzeptioneller anderer Ansatz. Das ist beim Echo aber auch der Reiz – weil man da sieht, welche Musik den Menschen gefällt. Es ist ein sehr ehrlicher Preis.
Sie haben in der Vergangenheit immer wieder betont, dass Musik einen immateriellen Wert hat, der auch geschätzt werden muss. Warum münzt man das nicht auf den Echo und lässt eine Jury entscheiden?
Das stimmt schon – auf der einen Seite produzieren wir Kultur und Inhalte für die Menschen. Aber es gibt eine deutliche Wechselwirkung zwischen der Attraktivität eines künstlerischen Produkts und der Akzeptanz dieser Leistung. Es gibt immer ein Spannungsfeld zwischen Quote und Anspruch. Jetzt können Sie sagen, ich finde den Echo deswegen langweilig. Aber ich sage nein – er zeigt was spannend und toll war.
Vor kurzem sagten Sie, der deutsche Musikmarkt sei wieder erfolgreich – etwa Frei.Wild. Die sind wegen der vielen Plattenverkäufe nominiert gewesen. Frei.Wild spielt 2010 auf der WM-Fanmeile, ist 2011 für den Echo nominiert – und nichts passiert. Aber 2013 knallt es. Wie ist das zu erklären?
Das was da passiert ist, hat ja nichts damit zu tun, dass sich die Band geändert hat, sondern das hier eine gesellschaftliche Debatte entstanden ist, der man nicht ausweichen kann. Diese Debatte wollten wir nicht auf dem Rücken des Echo führen. Wir leben in einer Zeit, in der die Toleranzgrenzen enger werden, das ist mein Eindruck. Und dann entstehen sehr schnell Bewegungen, die der Realität nicht mehr entsprechen. Diese Debatte muss geführt werden. Aber nicht genau an dem Tag, an dem der Echo verliehen wird.
Die NPD hat angekündigt am Tag des Echos eine Mahnwache abzuhalten. Für die Veranstalter ist das doch der Super-Gau. Wie wollen Sie darauf reagieren?
Ich kann nicht auf etwas reagieren, von dem ich nicht weiß, ob es de facto stattfindet. Wir leben in einer Zeit der Medien – und ich werde jetzt mal altklug: Es zählt nicht das, was ist, sondern das, was zu sein scheint. Und das, was zu sein scheint, ist sicherlich auch durch die digitale Entwicklung etwas, das im ungeheuer empörendem Maße ganz schnell zu Riesenwellen hochdreht. Das liegt auch daran, dass Bewegungen in sozialen Netzwerken schnell eine gesamtgesellschaftliche Relevanz bekommen. Darauf stürzen sich viele lustvoll, obwohl sie mit der Realität oft wenig zu tun haben.
Sie haben es sich in der Diskussion ziemlich leicht gemacht, indem Sie über Nacht die Nominierungskriterien geändert haben.
Ganz so einfach, wie Sie das beschreiben, ist es ja nicht. Warten Sie mal ab, was ich dazu in der Eröffnungsrede beim Echo sagen werde.
Das können Sie mir doch jetzt schon sagen.
Jetzt kann ich das noch nicht. Aber es macht sich hier keiner leicht. Das zeigt doch schon Ihre Frage. Egal, was Sie tun, Sie tun das falsche. Hier war es das richtige, um die Veranstaltung zu schützen.
Die Deutsche Phono-Akademie istAusrichter des Echo. Eine ihrer Aufgaben ist es, Talente zu finden und fördern. Drei von den fünf Nominierten in der Kategorie „Newcomer national“ entstammen Casting-Shows. Die wurden bereits von anderen gefunden. Neue Talente werden so nicht gefördert.
Der Einwand ist nur teilweise berechtigt, denn auch im Newcomer-Bereich präsentiert der Echo bereits Erfolgreiches. Abseits des Echos kümmern wir uns intensiv um Talente, auch zusammen mit dem Kulturminister im Rahmen der Initiative Musik. Und das sehr erfolgreich – das ist ebenso relevant, wie die Künstler beim Echo auf die Bühne zu stellen.
Das glaube ich nicht. Vor einem Millionenpublikum auftreten – das dürfte vielen Talenten gefallen.
Um einen Künstler bekannt zu machen, braucht es viel Aufbauarbeit. Man muss fairerweise sagen, dass die Musikindustrie immer noch sehr viel Geld in neue Künstler investiert.





