„Unsere Mütter, unsere Väter“

„Unsere Mütter, unsere Väter“ - Berliner Zeitzeugen erzählen

An diesem Sonntag startet der ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“. Wie Berliner Kinder den Zweiten Weltkrieg und die endlosen Bombennächte erlebt haben, erzählen drei Zeitzeugen.

Jürgen Meyer-Wilmes erlebte den zigtausendfachen Tod bei der Schlacht um die Seelower Höhen. Inge Viete überlebte die Bombennächte von Prenzlauer Berg. Und Gertrud Trochte hörte als Kind davon, wie der jüdische Arbeitgeber ihres Vaters außer Landes gejagt wurde. Jürgen Meyer-Wilmes ist 1926 geboren, die beiden Frauen im Jahr 1930. Die drei kennen sich nicht, doch waren sie alle Berliner Kinder, als der Krieg begann. Als er endete, waren sie viel zu früh erwachsen geworden. Heute eint sie die Bereitschaft, ihre Erinnerungen zu teilen. Denn lange wird das nicht mehr möglich sein, das wissen sie selbst, aus erster Hand zu erfahren, wie sich Krieg und Terror anfühlten, in den Jahren zwischen 1933 und 1945.

Für Inge Viete kündigte sich das, was geschehen sollte, schon früh an. Inge Viete wächst bei ihren Großeltern auf, die ein Hutmachergeschäft an der Prenzlauer Allee haben. Zwar hätten sie als Kinder mit den Erwachsenen anfangs auch „an der Straße gestanden und Adolf Hitler zugewinkt“, sagt sie. Doch seit 1933 die Nationalsozialisten an der Macht sind, machen die Erwachsenen sich Sorgen. Eines Morgens sind alle jüdischen Geschäfte zerstört und geplündert, „auch vor dem Geschäft meines Großvaters steht ein Schild: ,Jude raus!‘“ Zwar ist der Großvater nicht jüdisch, „er sah nur so aus mit seinen dunklen Haaren und dem Bart.“ Doch das Gefühl der Verfolgung bleibt. Auch, weil die Familie ein Geheimnis hütet: „Meine jüdische Tante lebte versteckt in Karow, während ihr Sohn, mein Cousin, weiter zur Schule ging.“

Inge Viete ist neun, als der Krieg ausbricht. Für sie ist die Erinnerung bis heute verbunden mit dem Fliegeralarm – und damit, wie sie wieder und wieder um ihr Leben rannte. „Unser Haus hatte keinen Keller, also rannten wir bis zum U-Bahnhof Senefelder Platz oder sogar Alexanderplatz.“

Zur Schule geht sie nur sieben Jahre, im Sommer 1943 werden die Berliner Schulen wegen der Bomben geschlossen. Sie bleibt und arbeitet nebenbei im großväterlichen Betrieb. Wenn die anderen Kinder im Hof spielen, sitzt sie in der Werkstatt und trennt Strohhüte auf. „Aus dem Stroh machte die Modistin neue Hüte.“ Sie flickt die Laufmaschen in den Seidenstrümpfen ihrer Tante mit Haaren, backt Käsetorte, solange es noch Lebensmittel gibt. Und steht beim Wasserholen an der Straße in der Schlange an, als in der Nähe eine Bombe fällt. „Neben mir wurde ein Junge getroffen, den ich kannte“, sagt sie, und schildert dann jenes Bild, das sie bis heute verfolgt. „Ihm wurde ein Teil des Kopfes weggerissen.“ Sie schweigt, holt Atem, sagt: „Das vergisst man nie“, und springt dann in Gedanken ein Lebenskapitel weiter. „Mit 17 hatte ich ausgelernt, mit 19 geheiratet, mit 21 war ich Meisterin – und hatte bereits mein zweites Kind.“ Der Stolz und die Eile eines „dennoch“ gelebten Lebens.

Wie wichtig ist Erinnerung? Inge Viete ist heute „fast 83 Jahre alt“, wie sie sagt, und lebt bis heute in Prenzlauer Berg. In der Wohnung, in der sie nach dem Krieg mit ihrem Mann ihre Kinder großzog. Die Straßen sind dieselben, in denen sie als Kinder Völkerball spielten, Schlittschuh liefen – und in denen sie in der Nacht standen, als der Prenzlauer Berg abbrannte.

Heute erinnert an diese Zeiten fast nichts mehr. Außer einem winzigen Museum, das die letzten verbliebenen Senioren aus Prenzlauer Berg aufgebaut haben, darunter auch Inge Viete. Im ersten Stock ihres Seniorentreffs „Herbstlaube“ an der Dunckerstraße77 haben sie eine Gründerzeitwohnung originalgetreu eingerichtet. Mit einem Bett wie jenem, das Inge Viete mit ihrer Großmutter teilte, mit einer guten Stube und einer Küche mit „Kochmaschine“, jenem Kohleofen, auf dem einst gekocht wurde. Sogar der Geruch erinnert an einst. Doch die letzten Zeitzeugen von Prenzlauer Berg werden ihren Erinnerungsort möglicherweise überleben. Weil dem Bezirk das Geld fehlt, droht der „Herbstlaube“ das Aus.

Der Krieg beginnt im Kinderbett

Für Gertrud Troche begann der Krieg an ihrem Kinderbett. Am Morgen des 1. September 1939, so erinnert sie sich, weckte die Mutter sie mit den Worten: „Ab heute ist Krieg.“ Und Gertrud begann zu weinen. „Für mich bedeutete Krieg Trauer und Verlust, meine Mutter hatte ihren Bruder im Ersten Weltkrieg verloren. Sie sprach viel von ihm, sie hatte sehr an ihm gehangen.“

Gertrud Troche war als Vierjährige mit den Eltern aus Nürnberg nach Reinickendorf gezogen. Der Vater war angestellt bei dem bekannten Textilkaufmann Karl Joel, der seinen Betrieb 1934 von Nürnberg nach Berlin verlegte, weil er wegen seiner jüdischen Herkunft in Franken zunehmend diffamiert worden war. Doch die Hoffnung auf mehr Freiheit in Berlin trog. Gertrud Troche erinnert sich an die zynische Schlagzeile, mit der der Arbeitgeber ihres Vaters aus dem Land gejagt wurde: „In der Zeitung stand: Der Jude Joel hat seine Schulden bezahlt und darf ausreisen.“ Neuer Name des Versandhauses: Neckermann. Den neuen Chef traf Gertrud Troche als Kind auch persönlich. „Er kam zu einer Weihnachtsfeier für uns Kinder, deren Väter im Krieg waren“, erinnert sie sich, „und er erschien dort in Nazi-Uniform.“

Auch in Reinickendorf bestimmt bald der Fliegeralarm den Alltag. Die Troches wohnen in der „Weißen Stadt“, in einem modernen Mietshaus mit Zentralheizung, warmem Wasser und einem Waschhaus mit Waschmaschinen, Schleudern und Heißmangel. Doch nach und nach zerbersten die Fenster, Wasser, Heizung und Strom fallen aus. Gegen Kriegsende geht Gertrud Troche wie alle Kinder auf Holzsuche. Und wie viele schreibt sie täglich an den Vater, der seit 1941 zur Wehrmacht eingezogen und seit 1943 in Russland gefangen war.

Die Gestapo klopft an die Tür

Mutter und Tochter müssen allein klarkommen. „Wir bauten auf der Veranda einen primitiven Ofen aus Backsteinen und einem Stück Vogelbauer als Rost“, erinnert sich Gertrud Troche. Und noch etwas ist ihr in Erinnerung geblieben – die gedrückte Stimmung. „Eines Tages stand unser Postbote an der Tür, in der Hand einen geöffneten Brief, den er uns vorlas.“ In dem Brief schrieb jemand, er sei gut angekommen. „Kennen Sie den Absender? Ich muss Sie das fragen“, wollte der Bote von Gertrud Troches Mutter wissen. „Doch der Postbote schüttelte, während er fragte, die ganze Zeit den Kopf.“ Schließlich verneinte die Mutter. „Als wir oben aus dem Fenster schauten, sahen wir zwei Männer, die mit dem Postboten davongingen – es waren Leute von der Gestapo.“

Gertrud Troche sagt: Sie erinnere sich an Freunde und Kollegen der Eltern, die jüdischen Glaubens waren. „Sie verschwanden nach und nach alle, man hat nie wieder etwas von ihnen gehört.“ Als 1943 der Schulunterricht eingestellt wird, zieht sie mit einer Schulfreundin nach Templin, wo sie unter der Woche zur Schule gehen. An den Wochenenden fahren sie mit dem Zug nach Berlin, über Oranienburg, vorbei am Konzentrationslager Sachsenhausen. „Wir sahen dort Häftlinge in gestreiften Anzügen“, erinnert sie sich. Doch was dort wirklich geschah, erfahren sie erst sehr viel später. Die Eltern, sagt Gertrud Troche, hätten über jene Zeit praktisch nie gesprochen. Als der Vater 1948 aus der russischen Gefangenschaft zurückkehrt, erkennt sie ihn fast nicht wieder. „Er war krank und kaputt.“ Und er schweigt.

Erst ihr Sohn beginnt, Fragen zu stellen. „Er und seine Freunde waren oft bei uns“, sagt sie. Vor allem eine Frage habe die jungen Leute beschäftigt: „Wie konnte das alles geschehen, unter aller Augen?“ Gertrud Troche lebt heute in einer Senioren-WG in Charlottenburg. Mit ihren Freunden und Mitbewohnern, sagt sie, bewegen sie diese Fragen bis heute. „Als wir neulich in der Zeitung lasen, wo es in Deutschland überall KZs gab, kamen die Erinnerungen wieder hoch.“

Das Wort Krieg weckt Neugier

Jürgen Meyer-Wilmes wurde von der Schulbank weg wider Willen Soldat. Seine vier älteren Brüder sind schon eingezogen, einer bereits gefallen, als er selbst ab 1943 zum Luftwaffenhelfer ausgebildet wird. Anfangs habe das Wort Krieg bei den Jungen auch Neugier geweckt, sagt er. Und Ehrgeiz. „Tapferkeit und Ehre, die Heimat verteidigen, solche Appelle stachelten einen an. Wir wollten ja auch Ehre haben.“

Doch seine Erziehung, die offen und katholisch geprägt ist, bewahrt ihn vor allzu großer Nähe zu den Nationalsozialisten. Der Vater ist Apotheker, die Mutter wird ebenfalls studieren – gleichzeitig acht Kinder großziehen. „Wir waren fünf Brüder und drei Schwestern“, Meyer-Wilmes lacht. Er ist der jüngste der Jungen. „Als katholische Schüler waren wir Außenseiter, bekamen oft schlechte Noten“, erinnert er sich. Mitgliedsausweise der Hitlerjugend müssen sich die Brüder trotzdem beschaffen, der Vater braucht sie, als er sich als Apotheker um eine eigene Apotheke in Berlin bewirbt.

Noch während seiner Ausbildung zum Luftwaffenhelfer erfährt er, was Krieg wirklich bedeutet. Im November 1943 fallen Brandbomben auf Charlottenburg, wo die Familie an der Augsburger Straße lebt. Zwei Brüder und er, zufällig auf Urlaub, helfen beim Löschen. Und starren in die Fenster gegenüber. „Kostbare Öfen, Flügel, Möbel und Teppiche stürzten Stock für Stock tiefer durch das brennende Haus.“ Die Bewohner überlebten im Keller. „Doch am nächsten Morgen hatten sie nur noch ihr Leben.“ Danach, sagt Jürgen Meyer-Wilmes, habe er beschlossen, sein Herz im Leben nie an Dinge zu hängen.

Durch Zufall östlich von Berlin gerettet

Er wird zunächst beim Scheinwerferregiment Diedersdorf, dann bei der Artillerie in Neuruppin eingesetzt, wenig später an vorderster Front. Mit 18 Jahren erlebte er die Schlacht um die Seelower Höhen östlich von Berlin, jenes Gemetzel, bei dem mehr als 100.000 Soldaten unterschiedlicher Nationen fielen. Er sah, hörte, roch, wie Menschen sterben. Erlebte im Kessel von Halbe, was Kapitulation heißt.

Zuletzt lag er verletzt und zu Tode erschöpft im Straßengraben, „ich hatte mit dem Leben abgeschlossen.“ Gerettet hat ihn ein bitterer Zufall. „Ein Fahrzeug mit Verwundeten hielt neben mir an, um einen Toten abzuladen – und nahm mich dafür mit.“

Jürgen Meyer-Wilmes ist Apotheker geworden wie sein Vater. Für die Ausstellung in der Gedenkstätte Seelower Höhen hat er nach der Wende seine Geschichte aufgeschrieben und auf Band gesprochen. Es ist ein Aufsatz vom Sterben und Töten geworden, erschütternder als alles, was Fernsehfilme zeigen können.

„Unsere Mütter, unsere Väter“ – Diskutieren Sie mit!

„Unsere Mütter, unsere Väter“ läuft am 17., 18. und 20. März jeweils um 20.15 Uhr im ZDF