„Tatort“-Debüt

Til Schweiger braucht Liebe und stört den Kiezfrieden

Til Schweiger ist ein Phänomen. Sein „Tatort“-Debüt heute Abend werden zwölf Millionen Menschen sehen. Doch das ist ihm nicht genug. Er will vom Volk geliebt werden und vom Feuilleton.

Foto: NDR/Marion von der Mehden

Als der deutsche Verteidigungsminister Thomas de Maizière gerade seine längst in der Mitte der Gesellschaft angekommenen Soldaten zu Bescheidenheit mahnen und in den eher stillen, öffentlichkeitsfernen Dienst preußischer Pflichterfüllung nehmen wollte, machte er sich damit selbst außerhalb von Heer und Marine nicht unbedingt viele Freunde. Die in Afghanistan und anderswo zur Verteidigung des Vaterlands dienenden Männer und Frauen hätten einen zwar verständlichen, aber übertriebenen Wunsch nach Wertschätzung, war es ihm übel aufgestoßen. Und dass sie vielleicht süchtig nach Anerkennung seien, sagte er noch. Einen ehemaligen Zeitsoldaten konnte de Maizière da eigentlich nicht im Sinn gehabt haben, dabei verkörpert er in geradezu archetypischer Weise, was dem Minister an seiner Armee missfiel. Jo Zenker hieß der Zeitsoldat in der „Lindenstraße“, gut zwanzig Jahre ist das her. Til Schweiger heißt er in der wahren Wirklichkeit.

Und kaum hatte de Maizière sein Interview autorisiert, da meldete sich schon Schweiger im Vorfeld seines ersten „Tatorts“ zu Wort. Er hatte in seinem jüngsten Kinofilm „Schutzengel“, den er, begleitet von einem geradezu guttenbergschen Medienrummel, am Hindukusch präsentiert hatte, gerade als ehemaliger Afghanistan-Kämpfer tapfer gegen das Böse geballert. Und er legte nun mal wieder nahezu in Permanenz Zeugnis einer geradezu grotesken Gier nach Wertschätzung ab. „Um hierzulande Anerkennung zu finden“, sagte der immerhin erfolgreichste deutsche Filmemacher der vergangenen zehn Jahre, „muss man sterben oder zurücktreten.“

Keine Liebe vom Feuilleton

Die Anerkennung der Millionen von Zuschauern, die seine Komödien zu Abonnementssiegern der Jahreskinokartencharts machen, ist ihm nicht genug. Schweiger, der „abgebrochene“ Medizinstudent, der grundsympathische ewige Rebell gegen das linksliberale Bildungsbürgergehabe seiner Elterngeneration und gegen körperlose politische Korrektheit, gegen wolkenkuckucksheimerische Intellektualität, beherrscht die Klaviatur des Unterhaltungsfilms zwar wie kein Zweiter in Deutschland, er will – wie die Bundeswehr in de Maizières Augen – jedoch das Unmögliche: Er will vom Volk geliebt werden und vom Feuilleton.

Statt sich, wie es einer erfolgreichen deutschen Eiche ziemt, vollkommen immun dagegen zu zeigen, wer sich an seiner Borke kratzt, lässt sich Schweiger nur allzu leicht in jeden Schützengraben wider die Hochkultur locken, stilisiert sich selbst zum Opfer von Intellektuellen. Und beleidigt mit seiner Fokussierung auf die Anerkennung aus dem prinzipiell so massen- und volksfernen wie kritischen deutschen Feuilleton genau jene Massen, die zu Hunderttausenden in „Kokowääh“ und „Keinohrhasen“ gehen und über Scherze lachen, die dem gemeinen deutschen Kritiker aus Verzweiflung Locken aus der Glatze treiben.

Angst „auf die Fresse zu kriegen“

Trotz Millionenpublikum, trotz Lebenswerkpreisen für sein „unvergessliches Œuvre“, trotz Querdenkerpreis, hat er immer noch das Gefühl, in der öffentlichen Wahrnehmung, die er mit der medialen Wahrnehmung verwechselt, nicht stattzufinden und weil er zu viel Erfolg hat, „auf die Fresse zu kriegen“. Was zur Folge hat, dass Schweiger sich im klitzekleinen Ausschnitt der bundesdeutschen Öffentlichkeit, der Feuilleton heißt, in Permanenz kleiner macht, als er eigentlich ist. „Und ich behaupte“, hat er sich gelobt, wenn ihn schon sonst vermeintlich keiner lobt, „dass ich sehr gute Filme mache.“ Außerdem hätten Umfragen ergeben, gab der Herr der 25 Millionen Kinogänger zu Protokoll, „dass sich die Mehrzahl der Zuschauer auf den ,Tatort‘ mit Til Schweiger freut.“ Ach was. Fabelhaft. Als er, das angeblich ewige Feuilletonopfer, jetzt ausgerechnet vom „Kritiker“ Georg Diez, dem nach seiner fatalen Kritik des jüngsten Romans von Christian Kracht zu Recht erledigten Kritikeropfer des vergangenen Jahres, für diesen „Tatort“ gefeiert und in eine Art feuilletonistische Notgemeinschaft gezwungen wurde, begann Schweigers Kritikerkrieg tragisch zu werden.

Immer wieder ist man versucht, ihm beim Porträt- und Interviewlesen begütigend „ruhig, Brauner, ganz ruhig“ brabbelnd über das Haar zu streichen. Ihn an die Worte seiner Mutter zu erinnern, die er gern zitiert, dass er doch, bevor er den Mund aufmacht, erst durchatmen und nachdenken solle. Zum Beispiel darüber, dass Kritiker keinen einzigen „Keinohrküken“-Kunden vom Gang ins Kino abgehalten haben.

Kiezfrieden mit anderen „Tatort“-Kommissaren gestört

Natürlich hatte Schweiger recht, als er sich in Interviews vor seinem deutlich teurer als der „Tatort“-Durchschnitt ausgefallenen Debüt immer wieder zu Bemerkungen hinreißen ließ, dass der „Tatort“ doch das Flaggschiff der ARD sei, ein Flaggschiff allerdings, für dessen Ausstattung man, um es flott auch für internationale Gewässer zu machen, ruhig mehr Gebührengeld ausgeben könne.

Den Kiezfrieden mit den anderen „Tatort“-Kommissaren, die ohnehin latent genervt auf Schweigers Engagement reagierten, als das in der ARD gefeiert wurde wie Pep Guardiolas Verpflichtung bei den Bayern in München, diesen Kiezfrieden hat er damit trotzdem gestört. Und er muss, er kann da nicht anders, und das macht sein „Tatort“-Debüt doch schwierig, immer noch mal eins draufsetzen. Dass dieser gestörte Kiezfriede als Begriff und Problem permanent über die Metaebenen von Tschillers erstem Fall galoppieren muss – anstrengend. Dass natürlich jenes „outdated“ fallen muss, mit dem Schweiger den vermeintlich verstaubten „Tatort“-Vorspann abgekanzelt hatte –, desgleichen.

Zu billig, zu angestrengt

Wie der Moment, als Wotan Wilke Möhring, Schweigers guter Kumpel, der im April sein „Tatort“-Debüt gibt, Tschiller mit der Bemerkung knufft: „Halt durch, Kollege.“ Dass Tschiller, dessen Geschichte eine Variation der Geschichte vom Coq-au-Vin-Meisterkoch und Patchworkvater Henry aus Schweigers Erfolgskomödie „Kokowääh“ ist, Hühnerbrühe kochen muss, zählt ebenso zu den billigen Ärgerlichkeiten wie schon die Tatsache, dass Tschiller überhaupt Tschiller heißt, nach dem Dichter, damit sich der Bildungsbürgerfilius Schweiger als bildungsferner Kommissar vollendet doof stellen kann, wird er nach der „Glocke“ gefragt.

Und natürlich nimmt der Showdown nicht aus purem Zufall in der nachtschwarzen Elbphilharmonie, der Bauruine hanseatischer Bildungsbürgerlichkeit seinen Anfang. Das ist alles zu angestrengt, das giert nach Anerkennung als Rebell, Widerständler, als Mann, der seinen geraden Weg noch auf der Schwelle zum Fünfzigsten demonstrieren muss, dafür aber kein Lob kriegt, sondern immer auf die Fresse.

Wir haben verstanden, und ein bisschen gestöhnt haben wir auch. Aber jetzt ist gut. Wir können durchatmen, nachdenken und entspannen. Ruhig, Brauner, ganz ruhig. Konzentrier dich auf den nächsten Fall. Du bist cool, du vernuschelter Bruno Ganz des Unterhaltungsheldenfilms. Vergiss das Feuilleton. Mach’s gut, Tschiller.