Um das gleich mal klarzustellen: Til Schweiger hat den „Tatort“ nicht nötig, und der „Tatort“ hat Til Schweiger nicht nötig. Wie entspannt die beiden aufeinander zugegangen sind, merkt man dem Ergebnis am kommenden Sonntag an: Dieser Event-Tatort“ mit Til Schweiger ist gut. Richtig gut, möchte man fast sagen, gäbe es da nicht ein paar Einschränkungen – und würde man sich trauen, einen Til-Schweiger-Action-Krimi richtig gut zu finden.
Schließlich herrscht zwischen Schweiger und der Filmkritik die Übereinkunft, sich gegenseitig doof zu finden. Filmkritiker werfen Schweiger vor, immer nur dieselbe glatte Konfektionsware abzuliefern, und mit derselben beleidigten Regelmäßigkeit wirft Schweiger der Filmkritik vor, am Publikum vorbei nur „Kunst-Sch...“ zu loben. Das aber ist die Folge „Willkommen in Hamburg“ ganz sicher nicht.
Til Schweiger ist Nick Tschiller, der Neue beim LKA Hamburg. Vorher war er beim SEK Frankfurt, und von dort hat er eine gnadenlose Entschlossenheit und das passende Werkzeug mitgebracht, um Kriminellen ohne viel Federlesens das Handwerk zu legen. Besonders organisierten Kriminellen wie dem mächtigen Astan-Clan, mit dem die Polizei einen Kiezfrieden geschlossen hat, sodass die Astans in aller Ruhe Hamburgs männliche Oberschicht mit frischen Mädchen aus dem Ostblock versorgen können.
Zu Beginn steht Tschiller in einer Wohnung, wo die Mädchen versteckt werden, und gibt ihnen ein Telefon, mit dem sie ihn rufen können. „Und wenn die uns totschlagen?“, fragt eine. „Dann schlag ich sie tot.“ Dann wird Tschiller von Zuhältern überrascht und von Tereza (Nicole Mercedes Müller), einem der Mädchen, verraten. Inzwischen sind zwei Minuten „Tatort“ vergangen. Nach drei Minuten gibt es die erste Schießerei, nach zehn sind drei Mitglieder des Clans tot, und Tschiller wird seine Notwehr der Staatsanwältin gegenüber rechtfertigen müssen, der zwar Tschillers Hintern gefällt, nicht aber die Tatsache, dass er jeweils gleich mehrere tödliche Schüsse auf seine Gegner abgefeuert hat.
Das erste Wort ist „Fuck“
„Was haben Sie dabei gefühlt?“, will sie wissen. „Angst und Verwirrung“, antwortet Tschiller, weil er weiß, dass bei internen Ermittlungen ein derart aufgewühlter Gemütszustand als Entschuldigung akzeptiert wird. Zum Zeichen seiner Aufgewühltheit zuckt seine linke Augenbraue ein wenig – und mit diesem ironischen Zucken erobert sich „Willkommen in Hamburg“ seinen rechtmäßigen Platz im „Tatort“-Kosmos. Der Film kehrt nicht wirklich zu alten Wurzeln zurück, und er erfindet die Serie auch nicht neu. Aber Christoph Darnstädts Drehbuch schlägt aus alten Wurzeln frisches Grün und erinnert daran, dass ein Krimi auch dann spannend sein kann, wenn es einfach nur um die Klärung des Falles geht und nicht noch um das Lösen von Problemen im Privatleben der Ermittler.
Nick Tschillers erstes Wort ist „Fuck“ – eine aufschlussreiche Reverenz an einen berühmten „Tatort“-Kollegen. In den ersten drei Minuten der Folge „Duisburg-Ruhrort“ (1981) rief ein schmuddeliger Horst Schimanski „Scheiße“ und flog ein Fernseher aus dem ersten Stock eines schmuddeligen Wohnhauses – und damit wurde so deutlich wie symbolisch mit elf Jahren „Tatort“ aufgeräumt. Mit dieser Aufräum-Attitüde geht auch der Tschiller- „Tatort“ ans Werk.
Tschillers Ich-gegen-das-verbohrte-Establishment-Einzelgängertum ist mitunter vielleicht in typischer Schweiger-Filmheldenmanier etwas dick aufgetragen (auch wenn Regisseur Christian Alvart seinen Star gut im Griff hat). Als Krimi aber spendet er jenen Trost, den amerikanische Krimis mit David-gegen-Goliath-Plot bieten, wenn der Einzelne endlich einmal einem mächtigen kriminellen Netzwerk empfindlichen Schaden zufügt, während die Welt in der künstlerisch anspruchsvollen Milieustudie zumeist auf so komplizierte Weise schlecht ist, dass die in ihre Schranken verwiesenen Ermittler sich ihren Frust entweder von der Seele quatschen oder sich kurz vor dem Abspann melancholisch betrinken müssen.
Die Rolle steht im gut
„Willkommen in Hamburg“ wird so zum Befreiungsschlag des „Tatorts“ gegen den „Tatort“ mit den Mitteln des „Tatorts“. Eine Verschnaufpause gewissermaßen, die sich die „heilige Kuh“ (Schweiger) des deutschen Fernsehens gönnt. Die inzwischen übliche Redseligkeit und emotionale Überfrachtung werden mit demonstrativer Action, wortkargem Sarkasmus und stoischem Pragmatismus gekontert.
Mit Schimanski hielt aber auch der Personality-„Tatort“ Einzug in die Serie: Schimanski durfte ein Held mit eigener Geschichte sein. Die Entwicklung läuft inzwischen aus dem Ruder – hier aber steht die Biografie des Kommissars wieder ganz im Dienst des Plots: Bei seinen Ermittlungen im Menschenhändlermilieu trifft Tschiller auf einen alten Freund beim SEK, der vor zwei Jahren plötzlich untertauchte. Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Max Brenner (Mark Waschke) und Tschiller gehört zu den stärksten Momenten der Geschichte.
Wenig Ecken und Kanten
Einem Schweiger werden die Fälle selbstverständlich auf den Leib geschrieben. Tschiller ist also alleinerziehender Vater, das Publikum liebt seinen Schweiger schließlich seit „Keinohrhasen“ und „Kokowääh“ als harten Kerl, der sich vom Kind erweichen lässt, egal, ob es die pubertierende Tochter oder die aufmüpfige Prostituierte Tereza ist. (Und ja, Tschillers Kind Lenny ist in Wirklichkeit mal wieder Schweigers eigenes Kind, Luna.)
Viele Ecken und Kanten hat Schweigers Figur nicht – wenn man ihm das aber vorwirft, hinkt man Schweigers Urteilskraft hinterher: Seine Großmäuligkeit lässt leicht übersehen, dass der Mann ein Vollprofi ist, der genau weiß, was er will – nämlich Action und Erfolg –, und genau weiß, was er kann. Die schrägen Kommissare, das „können doch andere besser“, hat er ohne Bosheit gesagt. Und sich Fahri Yardim als Partner Yalcin Gümer an die Seite geholt - einen hyperaktiven Sidekick, der dem Star auch als verletzter Bulle im Krankenhausbett noch locker die Show stiehlt, schon, weil er für zwei quasselt.
Wäre Schweiger/Tschiller „der“ neue Hamburg-Kommissar, könnte man sich fragen, wie lange diese Figur trägt. Aber Schweiger soll einen „Tatort“ pro Jahr drehen. Der eigentliche Neue ist Wotan Wilke Möhring, der als Thorsten Falke ab April in Hamburg ermittelt. Er hat hier einen Gastauftritt. Den Worten, mit denen er Tschiller begrüßt, können wir uns nur anschließen: „Du hast den Kiezfrieden gestört. Geil.“
ARD, Sonntag, 20.15 Uhr




