Kunstförderung

Eine Klassenfahrt mit Baby und Urkunden

Der Senat hat sieben freie Projekträume ausgezeichnet. 30.000 Euro pro Sieger. Eine Bustour mit André Schmitz quer durch Berlin.

Foto: Amin Akhtar

Da steht der Mann mit strampelndem Baby im Tragetuch an der Brust. Eine blaublumige Kittelschürze "made in GDR" an, ein Bügeleisen in der Hand. Er bügelt keine Wäsche, sondern Papier auf einer Endlosrolle. Sieht bald aus wie historische Architekturzeichnungen, die er da glättet. Tinte könnte es sein, ist es aber nicht, sondern, nun ja, gemalt mit Muttermilch.

"Spendermilch, kann man kaufen, im Internet", erklärt der bügelnde Mann. Er vertritt Lisa Glauer, die Künstlerin, die es reizt "Weiß auf Weiß" zu bringen, die Milch karamellisiert, erst bei Wärmezufuhr wird sie sichtbar. Und ja, meint der Bügler, Lisa Glauer ginge es um Rollenbilder. Ob André Schmitz, Kulturstaatssekretär, diese Zeichnungen gefallen, wissen wir nicht. Er steht da, guckt auf das Bügeleisen und sagt nur: "Ungewöhnliche Methode", womit er ja recht hat.

Urkunde "wirkt irgendwie staatstragend"

Er ist an diesem Nachmittag in spezieller Mission unterwegs. Lisa Glauer stellt bei OKK (Organ kritischer Kunst) aus – so heißt der Projektraum in der Prinzenstraße 29, tiefster Wedding. Und die Macher des Okk bekommen von Schmitz nun eine ehrwürdige Urkunde überreicht.

Von außen sieht sie aus wie die beim Bundesverdienstkreuz, "wirkt irgendwie staatstragend", meint eine Künstlerin. Darin jedenfalls befindet sich der Gutschein für satte 30.000 Euro Preisgeld. Erstmals verleiht die Kulturverwaltung – über eine Jury – sieben selbstorganisierten Projekträumen insgesamt 210.000 Euro. Schmitz sieht sogar "noch Luft nach oben", was die Zukunft der Förderung betrifft. 93 Initiativen hatten sich beworben.

150 Initiativen, 30 im Wedding

Und nun sitzen alle, ein Trüppchen aus Kuratoren, Künstlern, Juroren und dem Team aus der Kulturverwaltung, in einem Bus und machen eine "Klassenfahrt" quer durch Berlin vom Wedding bis nach Prenzlauer Berg, um die Gewinner zu ehren, und einen vagen Überblick zu bekommen über die breitgefächerte und disparate Szene.

150 dieser Initiativen gibt es in der Stadt, allein 30 im Wedding, darunter auch das Art Laboratory Berlin, das auf die Verschränkung von Wissenschaft und Kunst setzt. Wie ihr Nachbar OKK hat Regina Rapp ihre Ladenwohnung bei der Wohnungsbaugesellschaft Degewo gemietet, beide zahlen nur die Betriebskosten. Ein Deal: die Künstler haben etwas davon, gleichzeitig wird der Kiez aufgewertet.

Institut für alles Mögliche, Mindpirates, Meinblau, Morgenvogel Real Estate, so schöne Namen haben die Projekträume zum Teil. Nur zum Trost: Selbst die Jurymitglieder kannten nur einen Bruchteil dieser Räume. Die freie Szene ist in den letzten Jahren unüberschaubar geworden, deshalb hat sich 2009 ein Netzwerk freier Berliner Projekträume gegründet. Das Geld ist knapp und gemeinsam ist man bekanntlich stärker.

Eine Art Feuerwehrtopf für kurzfristige Projekte

Und dann gibt es einen Vortrag vorne im Bus, was sich diese Initiative eigentlich vom Senat wünscht: eine kontinuierliche Strukturförderung und eine Art Feuerwehrtopf für kurzfristige Projekte. Bei dem Preis ist das Gute, dass er steuerfrei ist, und die Leute mit dem Geld machen können, was sie wollen.

"Schuhe kaufen", lacht André Schmitz. "In den Urlaub fahren!" ruft einer in der vorletzten Sitzreihe. "Künstler machen keinen", kontert jemand. Nina Pohl, die den Schinkelpavillon nahe der Staatsoper betreibt, kann jedenfalls erst mal die Miete zahlen, ihr ist der Hauptsponsor ausgefallen. Ähnlich geht es den elf Leuten von General Public an der Schönhauser Allee.

Der Vermieter wird modernisieren, die Miete also steigen, mit dem Geld wollen sie "einfach ihr Weitermachen sichern". "Das ganze System basiert auf Selbstausbeutung", sagt der General-Public-Sprecher.

Basisdemokratie und Kunstvermittlung

Im Gegensatz zu den Galerien sehen sich die Projekträume-Leute als "nicht marktorientiert", sondern als "interdisziplinär" an der Schnittstelle zwischen Ausstellungs- und Diskursraum. Das heißt: Hier hat sich eine ganz eigene künstlerische Praxis entwickelt, die gleichrangig auf Produktion, Basisdemokratie und Kunstvermittlung setzt.

Einer der Organisatoren sagt es noch anders: "Wir können Künstler auch kritisch befragen, wir müssen sie ja nicht promoten." Es erstaunt dann doch, dass viele dieser nicht kommerziell ausgerichteten Projekte, die entschieden auf ihre Freiheit pochen, eine gewisse Fördermentalität an den Tag legen.

Bei Savvy in Neukölln gibts Freejazz, mittendrin steht "der Chef" Bonaventure Soh Ndikung mit einem bunten Hut und verströmt einfach nur gute Laune. Er kümmert sich um afrikanische Kunst, um Kolonialgeschichte. Aber eigentlich sagt er, "machen wir ziemlich viel mit kochen". Die Leute aus dem Kiez kommen.

Informationen: www.projektraeume-berlin.net

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