Tanzszene

Schmitz will Choreografin Sasha Waltz in Berlin halten

Sasha Waltz sucht schon nach einem neuen Standort für ihre Tanz-Compagnie. Kulturstaatssekretär André Schmitz will sie an Berlin binden.

Erst Vladimir Malakhov, jetzt Sasha Waltz: Es rumort in der Beletage der Berliner Tanzszene. Nachdem Ende vergangener Woche der Chef des Staatsballetts seinen Abtritt im Sommer 2014 verkündet hatte, droht jetzt die renommierte Choreografin mit dem Rückzug ihrer Compagnie aus Berlin. Waltz habe „Kontakt mit nationalen und internationalen Partnern aufgenommen, um einen neuen Standort für eine solide und langfristig tragfähige Situation für ihre Arbeit zu finden“, teilte die Compagnie gestern mit.

Eine harsche Reaktion. Am Montagabend hatten sich Vertreter der Compagnie, darunter Sasha Waltz und Jochen Sandig, mit Kulturstaatssekretär André Schmitz (SPD) in dessen Büro an der Brunnenstraße getroffen. Und waren nach zwei Stunden mit einem aus ihrer Sicht völlig unbefriedigendem Ergebnis auseinandergegangen. Die knapp einseitige Pressemitteilung, an der offenbar bis zur Veröffentlichung gestern Mittag formuliert wurde, liest sich wie eine Mischung aus Frust und Trotz, Vorwurf und Bewerbung.

Keine Perspektive

Es sei deutlich geworden, dass der Berliner Senat keine Perspektive zur Lösung der strukturellen Probleme des Ensembles biete, hieß es in dem Statement. Die Compagnie habe eine untragbare Belastungsgrenze erreicht. Die Hälfte des Etats von jährlich vier Millionen Euro müsse das Ensemble unter großem finanziellen Risiko und ohne festem Spielort selbst erwirtschaften. In einem ersten Schritt werde Sasha Waltz & Guests die Aktivitäten in Berlin den finanziellen Bedingungen anpassen und sie nicht mehr über Koproduktionen und Gastspiele außerhalb der Stadt finanzieren.

In einer ersten Reaktion tat Schmitz das, was Kulturpolitiker tun, wenn sie hinterher nicht als die dastehen wollen, die eine großartige Künstlerin vertrieben haben: Also deeskalieren und weiterhin Verhandlungsbereitschaft signalisieren. Klaus Wowereit, der als Regierender Bürgermeister auch für die Kultur zuständig ist, hatte das im Falle des abwanderungswilligen Intendanten des Maxim Gorki Theaters nicht gemacht und wurde in Theaterkreisen prompt zum Buhmann. Armin Petras wechselt in diesem Sommer nach Stuttgart.

Schmitz will verhandeln

Schmitz will diese Rolle unbedingt vermeiden. In seiner deutlich kürzeren Antwort-Mitteilung lobte er die Verdienste der Compagnie um den zeitgenössischen Tanz und betonte, dass die Kulturverwaltung „das aufrichtige Interesse“ habe, „diese Erfolgsgeschichte fortzuschreiben“. Deshalb habe das Land die Truppe „in den zurückliegenden Jahren mit Zuwendungen in Höhe von insgesamt 1,85 Millionen Euro jährlich unterstützt und ist selbstverständlich bereit, diese Förderung auch in Zukunft fortzusetzen“.

Gleichzeitig erteilte Schmitz den Forderungen nach mehr Geld eine Absage: „Substanzielle Mehrforderungen sind allerdings im Kontext der finanziellen Situation des Haushaltsnotlagelandes Berlin und anstehender schwieriger Haushaltsberatungen für den Kulturbereich zu sehen. Gleichwohl ist die Senatskulturverwaltung an einer konstruktiven Lösung interessiert mit dem Ziel, Sasha Waltz in Berlin zu halten.“

Zu der zweiten Förderung, einem festen Spielort, schweigt Schmitz. Wohl auch, weil er aus Erfahrung weiß, dass dies mit weiteren Kosten verbunden ist. Beispiele gibt es dafür einige. Dann wird aus einer kleinen Off-Gruppe ganz schnell ein große Produktionsstätte wie der Fall des Musiktheaters Atze in den vergangenen Jahren gezeigt hat. Die bespielen mittlerweile einen großen Saal im Wedding – mit entsprechenden Zuwendungen, die dann im Off-Theater-Bereich gebunden sind und anderen Gruppen nicht mehr zur Verfügung stehen.

Interesse am Staatsballett

Möglicherweise hat Sasha Waltz, die sich gestern gegenüber der Morgenpost nicht persönlich äußern wollte, hoch gepokert – und verloren. Zwar dementierte die Pressesprecherin, dass es einen Zusammenhang mit Malakhovs Rückzug gibt. Aber die Überlegungen zum zeitgenössischen Tanz, die in der Mitteilung darin gipfeln, dass jetzt der „richtige Moment wäre, die Neuausrichtung des Balletts zu beginnen“, legen das nahe.

Das Repertoire des Staatsballetts unter Malakhovs Leitung gilt unter Kritikern als etwas angestaubt. Eine Erneuerin wie Sasha Waltz könnte frischen Wind reinbringen. Reizvoll wären die Rahmenbedingungen allemal: Einen gesicherten Etat, die vertraglich zugesicherte Bespielung der drei Berliner Opernhäuser und ein vielfaches der Tänzerstellen im Vergleich zu ihrer Compagnie.

Premiere in St. Petersburg

Vielleicht schwebte Sasha Waltz auch eine Art Andocken ans Staatsballett vor, aber auch das ist eine Spekulation. Aber Jochen Sandig, der gut vernetzte und ideenreiche Kulturmanager, der die Sophiensäle, das Radialsystem V und die Tanzcompagnie mitgründete und auch entsprechende GmbH-Anteile hält und mit Sasha Waltz liiert ist, wird Schmitz etliche Vorschläge gemacht haben.

Mit der Staatsoper arbeitet die Compagnie häufiger zusammen, erst an diesem Wochenende stand dort erneut die Produktion „Matsukaze“ auf dem Spielplan. In den nächsten Tagen beginnen dann die Proben für eine Koproduktion mit einem Pariser und dem St. Petersburger Mariinsky Theater, „Sacre“ soll Mitte Mai in Russland uraufgeführt und anschließend in Paris gezeigt werden.

Den Wunsch nach einem festen Haus konnte die Compagnie, die Anfang der 90er Jahre in den Sophiensälen auftrat und für Furore sorgte, 1999 an der Schaubühne realisieren. Aber das Modell, Tanz und Schauspiel gleichberechtigt an einem Haus zu etablieren, scheiterte, 2004 zog die Compagnie sich zurück und Sasha Waltz und Jochen Sandig verließen die künstlerische Leitung der Schaubühne. Es war ein unschöner Abgang mit vielen Missstimmungen. Seitdem gibt es Diskussionen um den Etat der Compagnie und die Verortung. Eine Lösung, danach sieht es momentan aus, liegt in weiter Ferne.