Kunstprojekt

Kreuzberger Kirche wird zur gigantischen Galerie

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Gabriela Walde

Foto: © JÖRG KRAUTHÖFER

Das Vorhaben mutet ziemlich spektakulär an. Johann König baut die Kirche St. Agnes zu einer Mega-Galerie mit Campus um.

Eigentlich ist der Mann nicht gläubig, und er betet schon gar nicht. Doch die letzten Monate schickte er schon so manches Stoßgebet gen Himmel, gesteht er. Johann König ist gerade dabei, eines der spektakulärsten und größten Kunstprojekte in Berlin auf die Beine zu stellen. Der Galerist baut das Kreuzberger Gotteshaus St. Agnes um in eine gigantische Galerie mit Campus. Das ist das Schöne an Berlin, hier kann vieles alles werden. Noch gibt es Freiräume, auch wenn sie definitiv weniger werden.

Riesenskulptur ohne Beichtstuhl

Den Beichtstuhl von St. Agnes hat die katholische Kirche längst abgeholt, die Orgel auch. Seit 2004 ist der Pfarrer endgültig raus aus dem Bau des Brutalismus, - so heißt dieser Architekturstil aus Sichtbeton und Spritzputz wirklich. Zu wenige Mitglieder. Und um ehrlich zu sein wirkt dieser karge Betonklotz mit dem mächtigen Würfelturm und weitgehend fensterloser Fassade für Kirchengänger wohl auch nicht gerade wie ein heimeliger Hort der Andacht. Eher wie ein trotziger Wehrturm. Hier assoziiert man unweigerlich Christoph Schlingensiefs „Kirche der Angst“. Wabernder Weihrauch-Duft? Kaum vorstellbar. Doch selbst Beton-Hasser werden schnell zugeben, dass das leere Schiff in seinem klassischen Zuschnitt aussieht wie eine puristische, suggestive Riesenskulptur von verblüffender Erhabenheit. 15 Meter hoch, über dem Altar sogar 20 Meter! Länge: 35 Meter, Breite: 12 Meter. Wo gibt es sonst noch solche imposanten Räume für die Kunst? Zur Berlin Art Week wird König den Bau einige Tage für die Galeriegemeinde öffnen. „Die Kirche ist das Kunstwerk“, sagt er.

Nächsten Herbst wird dann hoffentlich alles fertig sein für den endgültigen Einzug seiner Künstler. Mit einer Gruppenschau will er aufmachen – zum Thema Stadt. König zieht einen Architektur-Katalog aus einer knautschigen Plastiktüte, die er beim Rundgang mit sich herumträgt wie ein kleines Heiligtum. Für ihn ist der Bildband so etwas wie eine Bibel: Werner Düttmann hat St. Agnes in den Sechzigern gebaut, bis 1966 war der Architekt auch Senatsbaudirektor. Und wer interessiert ist an der Berliner Nachkriegsmoderne, der weiß, dass Düttmann auch das Brücke-Museum, die Hansabibliothek und die Akademie der Künste entworfen hat. Der erstaunlich lauschige Innenhof in der Alexandrinenstraße erinnert irgendwie an den Hof am Hansaplatz.

Kunst löst Religion ab

Nun ist die Alexandrinenstraße nicht gerade der Hot Spot der Kulturszene, Altbauten gibt es hier wenige, alles zerbombt im Krieg, viele mehrgeschossige Sozialbauten, aber erstaunlich viel Grün drum herum, ein winziges Café namens Mahlzeit. Doch immerhin ist die Berlinische Galerie gefühlte drei Straßen weiter, auch das Jüdische Museum ist in Laufnähe. König hat das Grundstück für 99 Jahre vom Erzbistum gepachtet. Zum Paket gehört neben der Kirche ein ziemlich heruntergekommenes, denkmalgeschütztes Ensemble aus Gemeindesälen und Pfarrhaus. Das will vermietet sein. Künstler-Residenz-Wohnungen wird es geben. Ein Modelabel zieht ein, verrät König, und ein Architekturmagazin wird den ehemaligen Gemeindesaal übernehmen. Ein öffentliches Forum für Architekturdebatten soll hier entstehen.

Am Ende stellt sich der in Köln geborene Galerist eine Art lebendiges Kulturzentrum vor. Der Name St. Agnes bleibt. Ohnehin, findet er, löst die Kunst gerade die Religion ab. König stammt aus einer Künstlerfamilie. Kunst ist dann halt heilig. „Alle suchen etwas. Man ist alleine in einer Galerie, konzentriert sich auf etwas, aber in der Regel sind noch andere Leute da. Man hat ein ähnliches Erlebnis. Und so ist es in der Kirche ja auch.“

König, Sohn des langjährigen bekannten Kölner Museumschefs Kaspar König, sieht sein Projekt durchaus gesellschaftspolitisch, von elitärer Abschottung keine Rede. „Wir wollen in der Gegend funktionieren. Wir sind kein fremdes Ufo in Kreuzberg, das hier landet. Wir arbeiten an einem niedrigschwelligen Vermittlungsprogramm, wollen für Familien sonntags öffnen.“ Der Ausländeranteil in diesem Teil Kreuzbergs beträgt 60 bis 70 Prozent, schätzt er. Und dann schiebt er eine Antwort schnell nach, er kennt offenbar die ewige Frage nach dem Monetären. „Die großen Deals machen wir woanders!“ Gemeint sind die erfolgreichen Messen von Miami und Basel. König hat seine lukrative Stammgalerie in der Dessauer Straße, die will er voraussichtlich beibehalten. Doch Kreuzberg ist für ihn Zukunft. „Alle werden hier rüberwandern“. Er jedenfalls wird sich eine Wohnung im Areal an der Alexandrinenstraße 118-121 ausbauen. Er liebt coolen Sichtbeton - auch in Privaträumen. Um dies zu demonstrieren, fährt er fast zärtlich mit der rechten Hand über eine dieser Wände und erklärt wie schön er die Maserung findet, die das Holzmuster der Schalung abbildet. Sein ungeborenes Kind, erzählt er weiter, hätte er auch schon an der nahen Waldorfschule angemeldet.

Kunst ist eine Form der Religion

Größenwahnsinnig? „Ja, das ist es wohl“, sagt der 31-Jährige. Er lacht dabei gar nicht. Der Kirchenraum wird allein an die 800 Quadratmeter Ausstellungsfläche haben. Die Kita, die zum Areal gehört, hat 845 Quadratmeter Garten, zur Kirche gehören ebenfalls 950 Quadratmeter Grün. Drei Millionen wird der Junggalerist in den Bau investieren. Dazu gehört Risikobereitschaft. Fürs Projekt hat er extra eine Immobiliengesellschaft gegründet, die auch die Vermietungen abwickelt. Anfragen, sagt er, gäbe es genügend. Jetzt müssen erst noch einmal die Denkmalschützer und Handwerker ihre Arbeit im Kirchenschiff tun. Und Johann König wird wohl noch so einige Stoßgebete gen Himmel schicken.

St. Agnes, Alexandrinenstraße 118-121. Kreuzberg. Open House, 12. September: 11-12 Uhr Podiumsdiskussion, 12-20 Uhr Besichtigung, Times Bar & Grill Party mit Your Body und DJ Sweat