Ausstellung

Die Olympischen Spiele sind jetzt in Berlin

Im Gropius-Bau beschäftigt sich die Ausstellung „Mythos Olympia“ mit den Ursprüngen der Spiele - 500 Exponate kommen aus Griechenland.

Foto: DPA

Kentauren – halb Mann, halb Pferd – vertragen einfach nichts. So wenig wie Jolly Jumper, der treue Gaul von Lucky Luke, übrigens wie die Figuren des griechischen Mythos des Sprechens mächtig. Wenn ihm jemand statt Wasser Whiskey in den Trog tat, sagte er jedenfalls immer „Hicks!“ und guckte ganz komisch.

Eine ähnliche Comicszene, freilich dreidimensional und in Lebensgröße, bildet einen Höhepunkt der neuen Ausstellung „Mythos Olympia“ im Martin-Gropius-Bau, die bis Anfang Januar nächsten Jahres zu sehen sein wird. Im großen Lichthof – der passenderweise an ein griechisches Atrium erinnert, wie sie auch an dem alten Kultplatz, wo die allvierjährlichen Spiele ihren Anfang nahmen, zahlreich ausgegraben wurden – stehen die beiden Giebel des olympischen Zeus-Tempels, des zentralen Heiligtums der Anlage im westlichen Peloponnes, mit dessen Bau 471 vor Christus begonnen wurde. Die Figuren, die sich zu einer großen Szene wie zu einem 3D-Comic-Tableau vereinen, sind freilich Abgüsse der Originale aus dem Archäologischen Museum von Olympia. Das tut ihnen aber, ganz buchstäblich, keinen Abbruch.

Gewalt und Schönheit

Wie bei den alten Griechen üblich, erzählen sie eine derbe Geschichte: Die Kentauren waren zu einer Hochzeit bei dem Stamm der Lapiten eingeladen, kannten aber keinen Alkohol – was sie nicht hinderte, ihm begeistert zuzusprechen. Schließlich vergaßen sie ihre guten Sitten und schickten sich an, die anwesenden Frauen zu vergewaltigen. Was deren Männer wiederum nicht gut aufnahmen.

Die Grobheit der Geschichte, aufgehoben und besänftigt in den geschmeidigen Formen der Statuen, erzählt viel über die Spiele, deren zentrales Heiligtum sie bekränzten. Hier wie dort ging es um Deeskalation, um die Sublimierung der Gewalt in Schönheit. Nur ein einziges Mal in der über 1000-jährigen Geschichte der antiken Olympischen Spielen, die zwischen 900 und 500 vor Christus begannen und zumindest bis ins fünfte Jahrhundert nach Christus andauerten, kam es zu einem kriegerischen Zwischenfall. Die einzelnen Stadtstaaten der Griechen durften, solange die Spiele dauerten, sich zwar weiter befehden, mussten aber eine Abordnung ihrer besten Sportler – vermutlich identisch mit ihren besten Soldaten – zu den Zeus geweihten Spielen schicken. Erst nach Elis, wo sie einen Monat lang trainierten, und anschließend, in einem langen Prozessionsmarsch in Begleitung der Familien und Vertretern der Polis, ins rund 40 Kilometer entfernte Olympia. Nur einmal, im Jahre 364, kam es im Heiligtum von Elis zum offenen Kampf, als ausgerechnet die Arkadier, denen wir heute nur noch arkadische Idyllen zutrauen, meinten, Elis gewissermaßen als Trainings-Kultort beerben zu können.

Das erzählt, einen Tag vor Beginn der Berliner Ausstellung, Hans-Joachim Gehrke, emeritierter Professor für Alte Geschichte und ehemaliger Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts, dessen Athener Zweigstelle die deutschen Grabungen in Griechenland seit 1874 koordiniert. Gehrke ist außerdem Mit-Herausgeber des prächtigen Katalogs dieser ersten groß angelegten Ausstellung über Olympia, die je in Deutschland zu sehen war. Kuratiert hat sie Gehrkes junge Kollegin Susanne Bocher.

Die Antiken-Begeisterung der Renaissance rückte Olympia, das nie ganz vergessen, aber doch unbeachtet in einem Winkel der kollektiven Erinnerung schlummerte, ursprünglich in den Fokus der sich ausbildenden Wissenschaften. Es dauerte bis 1829, bis die Franzosen, noch während des griechischen Unabhängigkeitskrieges, eine erste Expedition aussandten. Danach kamen die Engländer, in Gestalt der sogenannten „Society of Dilettanti“ – der Dilettantengesellschaft. Der Platz war recht schnell identifiziert; die ersten Besucher sahen ein Tal voller Geröll. Nur die Spitze des Zeustempels ragte daraus hervor.

Bald danach kamen die Deutschen, die sich exklusive Grabungsrechte ausbedangen, wobei sie der griechischen Regierung ein Vorkaufsrecht auf alle Funde einräumten. Der Vertrag von 1874, in wunderschöner Handschrift und mit glänzenden Siegeln, liegt in einer Vitrine. Er stammt aus den Tresoren des Auswärtigen Amts, denn er ist ein sogenannter „aktiver“ Vertrag, das heißt, er ist bis heute gültig und legitimiert allein den deutschen Besitz vieler Grabungsfunde.

Eine beeindruckende Reihe von Männerstatuen zeigt, wie die Bewegung und das Muskelspiel aus den Wettkämpfen in die Kunst kamen. Die ältesten Funde zeigen statische Körper mit wenig individualistischen Gesichtszügen. Bereits wenige Jahrhunderte später waren die antiken Bildhauer in der Lage, einen Diskuswerfer in der Ausholbewegung realistisch darzustellen. Eine Leistung, die etwa von der modernen Malerei 2000 Jahre später noch einmal vollbracht werden musste.

Disziplinen bis heute unverändert

Trotz ihres kultischen, religiösen Charakters haben die antiken Spiele von Olympia, denen auf ihrem Höhepunkt bis zu 50.000 Menschen beiwohnten, den modernen Sport begründet. Viele Disziplinen der modernen Leichtathletik sind bis heute nahezu unverändert geblieben. Auf die Wettbewerbe in der Pferderennbahn, das Reiten und das Wagenrennen, folgte der Fünfkampf, bestehend aus Diskuswurf, Weitsprung, Speerwurf, Kurzstreckenlauf und Ringen.

Kurz vor der Eröffnung im Gropius-Bau schaute noch ein griechischer Hockeyspieler vorbei. Er warf einen Blick auf eine große Vase, die seine Kollegen von vor 2500 Jahren zeigt. Er kommentierte lakonisch – auch ein Wort, das seinen Ursprung in Griechenland hat: „Wir halten den Schläger immer noch so.“

Martin-Gropius-Bau, berlin, Niederkirchnerstr. 7. Öffnungszeiten Mi-Mo 10-19 Uhr. Bis 7. Januar 2013

Schätze des Zeus

Die Leihgaben: In der Ausstellung „Mythos Olympia“ sind im Martin-Gropius-Bau mehr als 500 wertvollste Leihgaben aus den großen Museen des Landes zu sehen. Zusammen mit weiteren kostbaren Objekten aus dem Louvre, dem Vatikan und Berliner Museen erzählen sie auf unvergleichliche Weise von der Geschichte der Olympischen Spiele im alten Hellas und ihren Auswirkungen bis heute.

Die Politik: Die Schirmherrschaft haben Bundespräsident Joachim Gauck und der griechische Präsident Karolos Papoulias übernommen.

Der Ort: Das antike Olympia wurde etwa 1000 vor Christus in der Landschaft Elis für den höchsten Gott der griechischen Mythologie, Zeus, gegründet. Die Blüte des Ortes dauerte rund 1500 Jahre.