Hinkt der Mann etwa, der da pünktlich 20 Uhr wie der Chefarzt zur Visite auf die Bühne kommt? Hugh Laurie muss noch kräftig daran arbeiten, den mächtigen Schatten des tablettensüchtigen Dr. Gregory House abzuschütteln. Acht Jahre spielte der britische Schauspieler in der US-Erfolgs-Serie „House“ den gehbehinderten Nephrologen mit den schlechten Umgangsformen und den stupenden diagnostischen Fähigkeiten. Nun ist die Serie Geschichte, und der 53-Jährige hat die Zeit und inzwischen auch die nötige Popularität, eine lebenslange Passion auszuleben: Er singt den Blues.
Natürlich hinkt er nicht, als er am Sonnabend die mit Stehlampen, Teppichen und dicken Vorhängen dekorierte Wohnzimmerbühne des ausverkauften Berliner Tempodroms betritt. Und schnell weggewischt ist auch die Bürde des Serienhelden, als er dem Publikum mit einem Whiskey zuprostet und zu einer musikalischen Tour-de-force durch die amerikanische Bluesvergangenheit einlädt. „Mellow Down Easy“, der Willie-Dixon-Song, der durch Bluesharp-Spieler Little Walter populär wurde, öffnet die Tür in das neue Zuhause von Hugh Laurie.
Hugh Laurie ging an die Quelle
Laurie ist bekennender Fan. Als kleiner Junge hat er im Auto seines Bruders zum ersten Mal einen Willie Dixon-Song gehört. Und war für Beat und Pop endgültig verloren. Er hörte den alten schwarzen Männern von den amerikanischen Baumwollfeldern, aus den Kneipen von New Orleans und Chicago zu und ließ allenfalls die Rolling Stones gelten. Weil die ihre Musik ja schließlich auch aus dem Blues saugten. Er spielte zu Hause die Blues-Klassiker am Klavier und auf der Gitarre, während er als Comedian („A Bit of Fry And Laurie“, „Blackadder“) und Schauspieler („Peter’s Friends“, „Sinn und Sinnlichkeit“) Karriere machte.
Im Jahr 2011 ging Hugh Laurie an die Quelle, nach New Orleans. Dort entstand sein Debüt-Album „Let Them Talk“, das er kurz darauf mit kleiner Besetzung in der Passionskirche in Berlin live vorgestellt hatte. Er steckt in einer Zwickmühle. Und er weiß das. Noch ein Schauspieler, der sich plötzlich als Musiker selbst verwirklichen muss. Wie Kevin Costner, wie Tim Robbins, wie Jeff Bridges. Er wischt das einfach weg wie seine „House“-Vergangenheit und spielt für die, die ihn hören wollen. Und das ist eine ganze Menge.
Er plaudert viel im Verlauf des Abends
Die Show ist gereift. Laurie spielt den Blues-Pianeur aus der zwielichtigen Rotlichtbar mit Lässigkeit und Hingabe. „Sprechen Sie deutsch?“, fragt er mit einem Lächeln auf Deutsch. „Sorry, but I don’t.“ Aber, so rät er, falls der Sitznachbar Englisch spreche, könne der ja übersetzen. Denn Laurie plaudert viel im Verlauf des Abends, spricht von Louis Armstrong und Dr. John, von Leadbelly und Jelly Roll Morton, deren Stücke er spielt. Aber auch von der kindlichen Qual mit seiner Klavierlehrerin in Oxford, die ihn ausgerechnet „Swanee River“ nicht üben lassen wollte. Natürlich ist es jetzt das Herzstück des Programms.
Er ist ein veritabler Pianist und Sänger, aber kokettiert mit seinem musikalischen Unvermögen. „Die Band ist der Rolls Royce“, sagt er. „Ich bin nur die Kühlerfigur.“ Gemeinsam graben sie sich durch die amerikanische und inzwischen auch britische Musikgeschichte. Der Gitarrist Kevin Breit ist dabei, den man vor ein paar Jahren schon mit seinem eigenen Quartett beim JazzFest Berlin erleben konnte. Bassist David Piltch und der phänomenale Schlagzeuger Jay Bellerose sind ein eingespieltes Rhythmusgespann. Keyboarder Patrick Warren bedient wahlweise Orgel, Harmonium oder Akkordeon. Saxofonist Vincent Henry überzeugt auch an Klarinette und vor allem mit der heulenden Bluesharp. Komplettiert wird die Band von Chorsängerin Sister Jean McClain, die beim Traditional „John Henry“ ihren großen Auftritt hat.
Dieses Programm geht ganz weit zurück an die Wurzeln der populären Musik. Mit Gospelsongs wie Mahalia Jacksons „Battle Of Jericho“, mit Louis Armstrongs „St. James Infirmary”, Countrysongs wie Jimmie Rodgers’ „Waiting For The Train” oder New-Orleans-Krachern wie „Tipitina” von Professor Longhair. Irgendwann schafft es ein weiblicher Fan mitten in einem Song, auf die Bühne zu gelangen. Ein wenig hilflos stehen die Frau und Hugh Laurie am Mikrofon, tuscheln sich etwas zu, bis ein Mitarbeiter sie hinter die Bühne komplimentiert. Und die Show geht weiter.
Ein glückliches Publikum dankt es ihm
Laurie und seine Copper Bottom Band bemühen sich um einen originalgetreuen Sound, den sie aber immer wieder mit solistischen Finessen aufbrechen. Und inzwischen finden sich auch Songs im Repertoire, die sich der britischen Rhythm-’n’-Blues-Vergangenheit bedienen. So gibt es mit John Hendricks‘ „Yeh Yeh“ ein Stück, das Georgie Fame populär gemacht hat und als Zugaben widmen sich die Musiker „Changes“ von Alan Price und „Tanqueray“, dem wohl jüngsten Stück des Abends von der britischen Bluesrock-Band Dr. Feelgood.
Die Copper Bottom Band bleibt freilich eine Cover-Band, wenn auch eine von höchsten musikalischen Gnaden. Und Hugh Laurie ist ein musikalischer Connaisseur, der sein Publikum dazu einlädt, mit ihm gemeinsam seiner Lieblingsmusik zu huldigen. Nur spielt er die eben nicht einfach auf dem Plattenspieler vor, sondern selbst mit eingeschworenen Musiker-Kumpels auf der Konzertbühne. Darauf musste er jahrzehntelang warten. Nach dem Erfolg von „Dr. House“ ist ihm ein großes Publikum sicher. Hugh Laurie macht seine Sache gut. Ein glückliches Publikum dankt es ihm.



