Hugh Laurie

Dr. House gibt eine Sprechstunde anderer Art

Hugh Laurie kennt man als vicodinsüchtigen Wunderheiler in der TV-Serie "Dr. House". Auch dort sitzt er ab und zu am Keyboard. Jetzt gab der Schauspieler in der Berliner Passionskirche ein Konzert - und auch hier war Dr. House nicht weit entfernt.

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Hugh Laurie singt vom „Swanee River“. Dr. Gregory House, als den man Laurie aus dem Serienleben kennt, beklagt die Sklaverei im alten Volkslied aus Amerika. Das haben andere aus Film und Fernsehen vorher schon gewagt: Fred Feuerstein schmetterte „Swanee River“, in „King's Speech“ linderte der Song das Stottern Georgs IV. Blues wurde als heilende Musik erfunden, gegen Kummer und Gebrechen aller Art. In der Passionskirche, einem Berliner Gotteshaus, beugt sich Hugh Laurie über den Konzertflügel wie über einen schwierigen Fall. In Greifnähe ein Weizenbier und eine Band aus Fachkräften, die er vertrauensvoll zu Rate zieht.

Wenn Schauspieler als Sänger oder Musiker aus ihren Rollen treten, lüften sie wie griechische Tragöden ihre Masken. Man sieht Woody Allen ernsthaft musizieren, aber immer auch den Stadtneurotiker. Clint Eastwood, Kevin Costner und Tim Robbins sitzen am Klavier oder singen zur Gitarre, und ihre Figuren spielen mit. Hugh Laurie, der am heutigen Sonnabend übrigens bei "Wetten, dass..?" zu Gast ist, tänzelt durch die Kirche, und es scheint ihm schwerzufallen, nicht zu hinken wie der Nephrologe aus der Fernsehklinik. Dr. House sitzt in der Serie regelmäßig an den Keyboards und vergisst darüber seinen Überdruss am Arztberuf. Hugh Laurie wirkt mit in der Band From TV, einem Ensemble von Kollegen, das gelegentlich zu wohltätigen Zwecken auftritt. Und als engagierter Pianist und Sänger überrascht er nun mit seinem ersten Album. „Let Them Talk“ verrät, welche Musik der 51-Jährige im Herzen hütet: den Blues und die archaische Musik aus New Orleans, aus Kneipe, Sumpf und Feld.

Die Platte ist vor Ort entstanden. Im Latrobe's, dem Geisterhaus des Blues im Latin Quarter, stellte Laurie seine Interpretationen vor und trank sich Mut an für die kleine Reise um die Welt als Bühnensänger. „Let Them Talk“, der Albumtitel, ist einem der urwüchsigen Songs entlehnt, aber er kokettiert auch mit den Schauspielkünsten, die vonnöten sind, um Blues zu singen. „Blues kann man nicht darstellen“, sagt er. „Es geht um Ehrlichkeit, nicht um Effekte.“ Hugh Laurie greift dabei zurück auf eine eigene Urerfahrung: Während einer Autofahrt als Kind wurde er von Willie Dixons „I Can't Quit You Baby“ aus dem Radio so sehr überwältigt, dass sein Körper mit erstarrten Nackenhaaren reagierte. Seither hörte, spielte, sang er heimlich Blues.

Jetzt sitzt er öffentlich an „Swanee River“ und glühende Frauen tanzen im Gestühl zu Stücken, zu denen sonst Männer Bier trinken. Er gräbt nicht nur in der Musikgeschichte. Seine Interpretationen speisen sich auch aus persönlichen Geschichten: Er erzählt vom lustlosen Klavierschüler aus Oxford, der sich mit den Lehrerinnen überwarf, die ihn mit klassischen Etüden quälten. Eine Kränkung, die den Arztsohn in den Blues trieb. Man sah ihn Grimassen schneiden in der Serie „Blackadder“ und in Musikvideos von Annie Lennox und Kate Bush. Seit sieben Jahren sieht man ihn in „Dr. House“, als vicodinsüchtigen Wunderheiler.

Alles Mürrische fällt von ihm ab, wenn ihn der Blues ergreift. Während Dr. House seine Patienten grundsätzlich für Lügner hält und sie erbarmungslosen Diagnosen aussetzt, tritt Laurie seinem Publikum zuvorkommend entgegen wie ein Chefarzt aus der Schwarzwaldklinik. Er küsst tanzende Besucherinnen, verbeugt sich bis zum Boden. Restlos ernst nimmt er dabei nur seine Lieder. Laurie klagt zur Kirchendecke und zum leeren Himmel. Dann befällt ihn ein verzweifeltes Gelächter: Wo er musiziert, ist Dr. House nie weit.