Konzert in Berlin

Jack White könnte mit seiner Gitarre Drachen töten

Der letzte Gitarrengott, Erneuerer des Blues, gewiefter Label-Boss und genialer Produzent: All das bewies Jack White beim Konzert in Berlin.

Foto: DPA

„Keine Fotos. Keine Videoaufnahmen. Keine Tonaufnahmen. Genießt die Show. Dankeschön“, steht an den Eingängen des Tempodroms in Berlin. Der Künstler ist einer, der alles unter Kontrolle haben will. Jede Sekunde. Ein ganzes Konzert lang. Er ist ein verdammter Perfektionist. Jedes Kratzen und Schaben muss genau so durch die links und rechts der Bühne hängenden Lautsprechertürme kommen, wie er es sich erdacht hat. Und der Musiker nebst Begleitband muss zu jedem Moment genau so aussehen, wie er es will. Jack White ist ganz schön krass und ziemlich gut in dem, was er da tut. Selbst die Songs, die vor dem eigentlichen Auftritt aus den Boxen rauschen, und sie rauschen und knistern alle, wie von alten Schallplatten, sind wahrscheinlich penibel ausgewählt.

Der farbige Orgelspieler betritt die Bühne. Sein Sakko leuchtet im blauen Scheinwerferlicht. Am rechten Bühnenrand drückt er die fünf Töne von Bob Segers „2 + 2 = ?“ in sein Instrument. Fünf Tasten nacheinander, mehr braucht es nicht um einen Hit zu spielen. Die Töne bleiben. Der Orgelspieler verlässt die Bühne. Zwei Minuten später füllen Schreie die Halle. Jack White beginnt seine große Solo-Show.

Da steht also dieser bleiche Mann mit dem seltsam lockigen Mittelscheitel in einem schwarzen Cowboyhemd, das um die Schultern weiß gefärbt ist und schlägt ein primitives Punk-Lied in die Saiten. Hoch und runter zwischen zwei Akkorden und dann auf einen dritten. Dazu ein Schlagzeug, das nach Krieg klingt, und ein ausverkauftes Tempodrom springt und tobt und brüllt zu „Black Math“, einem Song der White Stripes. Kein schlechter Anfang.

Jack White, die eine Hälfte der White Stripes, der Band, die Optik und Sound zum größten Trademark des Neuzeit-Pops verschmelzen lies, hat den Stein der Weisen entdeckt. Mit den White Stripes und seinem minimalistischen Krach-Garagen-Rock wurde er berühmt. „Seven Nation Army“ war erst eine großspuriger Underground-Rock-Hit, dann entdeckten es die Fußballfans für sich und schließlich wurde das „da, da, da, da, da, da, da“ zu einer Welt-Hymne des Bier ausatmenden Feier-Mobs. White spielte mit Alicia Keys einen Bond-Soundtrack ein, er verhalf der Rockabilly-Ikone Wanda Jackson als Produzent zu einem Alters-Comeback. In seinen Nebenbands The Dead Weather und The Raconteurs mischen großen Namen wie Alison Mosshart (The Kills) und Brendan Benson mit. Jack White unterhält seit 2001 sein eigenes Label mit Sitz in Nashville, Tennessee. Und jetzt, nach dem Ende der White Stripes, macht er's eben auch allein.

Dabei scheint es zwischen „Blunderbuss“, der Soloplatte, und dem Rest des White-Werks keine großen Unterschiede zu geben. Zu jeder Stelle hört man den Blues und den Country der alten Herren durch, die White so bewundert. Hank Williams zum Beispiel. Nur spielt er das alles millionenfach lauter und unendlich verzerrt, dass es in den Ohren weh tut.

White spielt die gefährlichste Gitarre der Welt

Bei „Sixteen Saltines“ einem typischen White-Song, aber von der neuen Platte, jault die Stimme, wie ein getroffener Kojote. Alles beim alten also. Harte Akkorde, „ah, ah, ah“ - Gekreische, dazu „Lipstick, eyelash, broke mirror, broken home“, schroffe, amerikanische Poesie, das Leben einer gescheiterten Frauenexistenz in einer Zeile schildernd, fräst, kratzt und schießt die Musik durch die Konzerthalle. White spielt die gefährlichste Gitarre der Welt. Wenn er wollte, könnte er mit seinem Spiel Drachen töten oder Länder erobern, so druckvoll ist es. Bei den Soloeinlagen, und gefühlt kommt in jedem Song eine, gibt der Gitarrist den lebensmüden Schlangenbeschwörer. Es kracht so laut, er scheint jeden Moment die Kontrolle zu verlieren, Fiepen, Surren, Quietschen, und doch reiht er die Töne am Ende wieder melodisch ein.

Seine Begleitband – Schlagzeug, Bass, Slide-Guitar, Orgel, zweite Gitarre – verkommt trotz schicker Anzüge zu fast unsichtbaren Gefährten, die eben ihren Dienst verrichten. Der blaue Lichtkegel fokussiert stets den blassen Maestro, der einen meterhohen Schatten auf den Bühnenvorhang im Hintergrund wirft.

Und der unterhält vortrefflich mit dem Rumpel-Schunkel „Hotel Yorba“ (White Stripes), dem schönsten Händchenhaltelied „We're Going To Be Friends“ (auch White Stripes) oder dem großen Hit seiner Raconteurs „Steady As She Goes“. Es scheint so, als wären alle nur da, um genau diese Songs zu hören. Um zu ihnen im halbironischen Engtanz zu schwanken, der sich in Wahrheit aber doch unironisch gut anfühlt.

Dazwischen sitzt White am Klavier. 3/4-Takt, „Blunderbuss“, der titelgebende Song des Soloalbums. Nett, „der kann ja auch Klavier spielen“, sagt einer in Jeans-Jacke zu seinem Freund mit Kette am Portemonnaie. Dahinter tanzt eine Frau mit Pullover und Jacke um die Hüfte vor ihrem Sohn.

Nach eineinhalb Stunden kommt nochmal der Bob-Seger-Trick zum Einsatz. Fünf Töne. Hier verteilt auf sieben Noten. „Da, da, da, da, da, da, da“, das letzte „da“ ein bisschen länger. Ein Hit. „Seven Nation Army“. Leere Bierbecher im Pfandwert von zwanzig Euro fliegen in die Luft. White spielt es ganz schief, bestimmt extra, Kontrolle und so. Und übrig bleibt ein lautes Fiepen in den Ohren, das irgendwie ziemlich gut klingt und eine Weile da sein wird.