Es regnet sich ein. Es gießt. Der trist graue Himmel schüttet sich aus, als hätte er genau auf diesen Abend gewartet. Aber mal ehrlich: Wer braucht schon ein Lou-Reed-Konzert bei strahlendem Sonnenschein? Diese morbiden, schwermütigen, sinistren Texte, diese düstere Musik mit ihren unheildräuenden repetitiven Strukturen – sie ziehen die Rotz und Wasser heulenden Wolken ja geradezu an. Allerdings: Ein bisschen trockener hätte es schon sein können. Sagen zumindest die skeptischen Blicke des Publikums mit Schirm und Regencape in der am Mittwochabend mit rund 3000 Besuchern gefüllten Zitadelle Spandau.

Unter dem Motto „From VU to Lulu“ hat Lou Reed sein aktuelles Tourneeprogramm zusammengestellt. Und der 70 Jahre alte Grenzgänger zwischen Rock und Avantgarde schlägt tatsächlich den großen Bogen von seinen frühen Velvet-Underground-Klassikern über die von ihm in der Vergangenheit nicht immer geliebten Hits bis zu seinem neuesten Kind „Lulu“, einer Kollaboration mit der Metal-Band Metallica.

Für eine Robert-Wilson-Inszenierung von Frank Wedekinds Drama „Lulu“ am Berliner Ensemble hatte Lou Reed die Bühnenmusik komponiert. Die hat er gemeinsam mit Metallica neu eingespielt und damit für einen Aufschrei der Entrüstung gesorgt. Sowohl bei der Reed-Fraktion als auch bei den Metallica-Hardcore-Fans. Es ist dennoch ein interessantes Experiment geworden, bei dem sich die mürrische Erzählerstimme des New Yorkers mit den treibenden Gitarrenriffs der Kalifornier vereint.

Die Musiker sind in bester Spiellaune

Der Kies vor der Bühne knirscht und schmatzt unter unruhigen Schritten, als Lou Reed das Konzert mit „Brandenburg Gate“, dem ersten Stück des „Lulu“-Albums, eröffnet. Die ersten Zeilen singt er noch allein zur akustischen Gitarre. Dann steigt die Band ein und legt einen metallenen Soundteppich aus. Die feuchte Luft vibriert.

Kein Farbtupfer stört das Bühnenbild. Das ist komplett schwarz ausgelegt. Auch die Musiker tragen alle Schwarz. Und sind in bester Spiellaune. Wie es scheint, wächst die Band im Laufe der Tournee. War zum Tourstart noch ein Quartett angekündigt, stärken Lou Reed in Berlin sieben Musiker den Rücken. Und Allison Weiss, die einen Teil des Vorprogramms bestritten hat, wurde kurzerhand als Chorsängerin integriert.

Diese Band schafft es, die stilistisch höchst unterschiedlichen Songs zu einem homogenen Klangbild zu formen. Fast jedenfalls. Denn als es mit „The View“ ein weiteres neues Stück gibt, bauen sich mächtige, schleppende Black-Sabbath-Riffs auf. Kaum einen hätte es gewundert, wenn plötzlich Ozzy Osbourne aufgetaucht wäre. Doch als Lou Reed „I want to see your suicide, I want to see you give it up” ins Mikrofon stößt, relativiert sich das Ganze schnell wieder.

Bis dahin hat er bereits tief in die Hitkiste gegriffen. Mit einem 10-minütigen „Heroin” und einem geradezu ausgelassenen „I’m Waiting For The Man”, beide vom 1967 erschienenen Velvet-Underground-Debütalbum. Das mit der Warhol-Banane. Beim poppigen Rock-’n’-Roll-Song „Senslessly Cruel“ (1976) kommt die Truppe fast in Partystimmung. Lou Reeds langjähriger Schlagzeuger Tony „Thunder“ Smith hält die Maschine gemeinsam mit Rob Wassermann, von Hause aus Jazzbassist, auf Trab. Dazu kommen die Gitarristen Aram Bajakian, der den anderen Teil des Vorprogramms bestritt, und Tony Diodore, der auch einige große Auftritt an der elektrischen Violine hat. Keyboarder Kevin Hearn, Saxofonist Ulrich Krieger und der für Elektronik zuständige Sarth Calhoun komplettieren die Crew dieser musikalischen Zeitreise, die mehr und mehr an Fahrt gewinnt.

Lou Reed bleibt relativ stoisch an seinem Platz

Lou Reed bleibt, die Gitarre geschultert, relativ stoisch und wortkarg an seinem Platz am Mikrophon. Nur bei den neuen Stücken entfährt ihm ein „This is from Lulu“. Er wirkt für seine Verhältnisse gut gelaunt. Er ist für seine Verhältnisse gut bei Stimme. Er breitet als Dank für den Applaus immer wieder lächelnd die Arme aus. Mit der „Street Hassle“-Trilogie (1978) und dem schmerzensreich shantyhaften „Cremation – Ashes To Ashes“ (1992) gibt es einen folkbetonten Zwischenteil und wie ein Geschenk an Berlin wirkt die bewegende, fordernde Ballade „Sad Song“ von seinem 1973 erschienenen Konzeptalbum „Berlin“.

Der Regen hat fast aufgehört. Langsam kriecht eine feuchte Kühle die Beine hoch. Auf dem Gelände haben sich kleine Seen gebildet. Doch bei „Walk On The Wild Side“ vom 72er-„Transformer“-Album, diesmal nicht ganz so gelangweilt gespielt wie sonst, denkt hier keiner mehr an das Wetter. Dafür wird dezent mitgesungen. „Doo do doo do doo do do doo do doo....”

Lou Reed steht wie ein Monolith in der Brandung des Popgeschäfts. Er hat sich im Laufe seiner mehr als 45-jährigen Karriere nie verbogen, ist keine Kompromisse eingegangen, hat stets das gemacht, was er für das Richtige hielt. Auch wenn es mal ein Flop war. Und er musste auch in frühen Jahren nie einen genrebedingt betont jugendlichen Übermut an den Tag legen. Wie auch, bei Texten um Drogen und Transvestiten, um Verfall und Verlust, um Trauer und Tod. Und so kann er, wie die anderen beiden großen Song-Weisen Dylan und Cohen, sein Werk in Würde verwalten – und wie mit „Lulu“ sogar Neues schaffen.

„Junior Dad“, das letzte Stück des „Lulu“-Albums, steht auch am Ende dieses Abends. Ein aufbrausendes Stück, das sich zu schlichten Zeilen vom Untergehen der Sonne und vom Aufgehen des Mondes zurückzieht und in Dunkelheit ausblendet. Und dann wird er doch noch gesprächig, stellt seine Musiker vor und sagt: „Danke, dass ihr bei diesem Wetter zu uns gekommen seid.“ Für diesen Applaus gibt es noch zwei Zugaben. Neben dem Velvet-Popsong „Beginning To See The Light“ von 1969 natürlich das Jahrhundert-Riff, den Klassiker schlechthin: „Sweet Jane“.