Berliner Staatsoper

Intendant Flimm fühlt sich von Wowereit im Stich gelassen

Er wusste von nichts: Im Interview mit Morgenpost Online spricht Intendant Jürgen Flimm über die problematische Sanierung seiner Staatsoper.

Foto: M. Lengemann

Empört ist Jürgen Flimm, der Intendant an der Seite von Generalmusikdirektor Daniel Barenboim. Beide wurden von der Mitteilung überrascht, dass sich die Sanierung und damit die Wiedereröffnung ihrer Staatsoper Unter den Linden um ein weiteres Jahr auf 2015 verzögert. Gemeinsam mit dem Stardirigenten will Flimm an der festlichen Eröffnung am 3. Oktober 2014 festhalten.

Morgenpost Online: Es ist schon eine seltsame Geschichte: Alte, vermoderte Holzpfähle in 17 Metern Tiefe verzögern die Sanierung der Staatsoper. Ist ein Holzpfahl wirklich ein guter Schuldiger? Hätten die Bauplaner das alles nicht schon viel früher wissen müssen?

Jürgen Flimm: Nun ja, das muss ich ihnen schon glauben. Ich weiß, dass sie Probebohrungen gemacht haben. Ich habe Zeichnungen gesehen, aus denen hervorgeht, wie und wo sie gebohrt haben. Diese blöden Pfähle haben sie einfach nicht erwischt.

Morgenpost Online: Sie und Barenboim haben angekündigt, Sie werden die Verschiebung des Termins nicht akzeptieren und das Haus dennoch 2014 wiedereröffnen. Wie soll das möglich sein?

Jürgen Flimm: Im April haben Daniel und ich ein Gespräch mit Klaus Wowereit und Senatsbaudirektorin Frau Lüscher geführt. Unser Geschäftsführer Herr Unganz war auch dabei. In dem Gespräch sind wir eigentlich zu der Entscheidung gekommen, dass wir eine Teil-Bespielung durchführen werden. Wir haben uns darauf geeinigt, dass es eine Eröffnungspremiere im Haus Unter den Linden geben wird und dass dort dann noch eine Produktion folgen soll: die Uraufführung eines Werkes, das wir in Auftrag gegeben haben. Danach, so der Plan, würden wir wieder ins Schiller-Theater gehen, um ihnen Zeit zu geben, die Sache zu Ende zu bauen. Die können ja auch tagsüber weiterbauen, wenn wir abends spielen. Um Ostern herum wollten wir wieder zurückkommen und das sanierte Haus komplett übernehmen.

Morgenpost Online: Schon die Eröffnung der Hofoper 1742 verlief ähnlich abstrus. Der ungeduldige Friedrich II. ließ sein Vorzeigehaus einfach mit einer Oper eröffnen, danach wurde es wieder geschlossen und zu Ende gebaut.

Jürgen Flimm: Ja, genau so ein Modell schwebt uns vor. Das geht. Das habe ich als Intendant früher schon einmal in Hamburg gemacht.

Morgenpost Online: Wann haben Sie eigentlich erfahren, dass diese Holzpfähle aufgetaucht sind?

Jürgen Flimm: Das war ungefähr vor einem Monat. Daraufhin fand dieses Gespräch beim Regierenden statt, in dem Daniel und ich auch eindeutig erklärt haben, dass wir die Verschiebung des Eröffnungstermins nicht akzeptieren werden. Also haben wir unseren Vorschlag gemacht, den dann nochmals mit Herrn Wowereit besprochen – und er hat die Sache abgenickt. Jetzt plötzlich haben sie sich einfach wieder dagegen entschieden. Das ist schon ein Ding!

Morgenpost Online: Sie wurden von der Pressekonferenz überrascht?

Jürgen Flimm: Nein, einen Tag vorher rief mich plötzlich André Schmitz, der Kulturstaatssekretär an, und erzählte mir das.

Morgenpost Online: Frau Lüscher sagte in ihrer Pressekonferenz, dass sie bereits seit Anfang März von den Problemen wusste und eine Art task force eingerichtet hat.

Jürgen Flimm: Davon wusste und weiß ich rein gar nichts.

Morgenpost Online: Wie oft reden Sie denn mit der Senatsbaudirektorin?

Jürgen Flimm: Oh, öfter, als man denken könnte. Sie ist ja eine sehr nette Frau. Nur über diese wirklich wichtigen Dinge redet sie natürlich nicht so häufig mit mir. Das genau ist ja das Problem bei diesen Baudingen: Man kann sich auf nichts verlassen. Und mit seinem gesunden Menschenverstand geht man natürlich davon aus, dass, wenn jemand „jaja“ sagt, es wohl nicht in Wahrheit „neinnein“ heißen soll.

Morgenpost Online: Es ist in kürzester Zeit nun schon die zweite Verzögerungsbaustelle. Ist das vergleichbar mit dem Debakel um den neuen Flughafen?

Jürgen Flimm: Ich kann die Umstände, die den Flughafenbau verzögern, natürlich nicht wirklich beurteilen. Ich bin weder Architekt noch Baggerführer. Aber das Grundprinzip, erst laut zu verkünden: „dann und dann sind wir fertig!“ und es dann flugs wieder zurückzunehmen, das scheint mir doch vergleichbar. Und das kann ich wirklich nicht verstehen. Bei uns hieß es erst, 2013 sei alles fertig. Dann kam der Rückzieher „Ach nein, es dauert doch noch bis 2014, aber dann könnt ihr wirklich einziehen. Schließlich kommt die Nachricht: „Oh, Verzeihung, das wird leider doch nichts“. Wissen Sie, wir fühlen uns im Schiller-Theater sehr wohl, aber es hängt ein nicht zu unterschätzendes Planungsproblem daran, wenn man ständig wieder neu mit Leuten reden muss, die hinterher dann wieder alles umschmeißen müssen.

Morgenpost Online: Sie haben gesagt, jedes Jahr im Schiller-Theater bedeute einen Verlust. Inwiefern?

Jürgen Flimm: Man muss jetzt erst einmal festhalten, dass es kein Verlust im ästhetischen Sinne ist. Das Problem ist aber ein finanzielles. Der Saal ist viel kleiner und so können wir einfach nicht so viel einnehmen. Wir fahren jährlich ein Defizit von vier Millionen Euro ein. Das werden wir so nächstes Jahr nicht noch einmal schaffen. Deshalb hat der Staatssekretär entschieden, dass die nächsten vier Millionen im Parlament zusätzlich beantragt werden müssen. Wir hatten ja über die Jahre tolle Rücklagen gebildet, bis 2013 war alles gesichert. 2014 waren diese Rücklagen dann eben aufgebraucht, die waren nicht mehr im Plan. Und 2015 erst recht nicht. Auch daher kam unsere Überlegung, erst mal wieder rein zu gehen ins Haus Unter den Linden, um wenigstens mal ein paar gute Einnahmen zu haben, mit denen wir uns etatmäßig ein bisschen sanieren können.

Morgenpost Online: Was wollen Sie jetzt tun? Werden Sie versuchen, Druck auf die Politik auszuüben?

Jürgen Flimm: Ach nein, das habe ich noch nie gemacht, und das wäre ja auch jetzt wirklich unklug. Klaus Wowereit ist ja einer, mit dem man sehr gut reden kann. Wir wollen nach Pfingsten wieder ein Gespräch führen.

Morgenpost Online: Wie ist die Stimmung in Ihrem Team?

Jürgen Flimm: Ich kann nur sagen, dass wir alle sehr, sehr enttäuscht sind! Und dass die Verantwortlichen an Glaubwürdigkeit verloren haben. Wem kann man denn jetzt noch vertrauen in dieser Sache? Zweieinhalb Jahre vorher wissen die schon, dass sie nicht fertig werden! Dabei habe ich immer gesagt, sie sollen Prioritäten setzen. Für Probenzentrum und solche Dinge kann man immer irgendeine Lösung finden, aber wenn das Haus nicht fertig ist, sieht es finster aus. Und selbst, wenn sie die Bauverlängerung jetzt durchkriegen sollten und wir uns auf diese missliche Situation wieder neu einstellen würden, muss man doch nach den Erfahrungen der letzten Jahre davon ausgehen, dass es dann wieder so weitergehen wird: ein Jahr, dann noch ein Jahr und noch ein Jahr. Man muss sich das mal klarmachen: Durch die zweite Verlängerung der Sanierungsarbeiten erhöht sich der Bau nun von drei auf fünf Jahre. Das ist schon ziemlich erschreckend.