Auszeichnung

Stemann und Hinrichs beim Berliner Theatertreffen geehrt

Mit zwei Preisverleihungen geht das Berliner Theatertreffen zu Ende. Geehrt wurden ein junger Schauspieler und ein innovativer Regisseur.

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Der Schauspieler Fabian Hinrichs ist beim Theatertreffen in Berlin mit dem Alfred-Kerr-Darstellerpreis ausgezeichnet worden. Der mit 10.000 Euro dotierte 3sat-Preis für eine „herausragende künstlerische Leistung“ ging an Regisseur Nicolas Stemann für seine Inszenierung „Faust I + II“.

Das 49. Theatertreffen endet nach zweieinhalb Wochen am Montag mit einer Vorstellung von „Platonov“ von Anton Cechov.

Die Jury des 3sat-Preises erklärte, Stemanns achteinhalbstündige Arbeit sei selbst ein „Faustisches Ereignis, ein Grübeln und Ergründen, was dieses Drama im Innersten zusammenhält“. Der Regisseur eröffne „ungeahnte Perspektiven auf Goethes Text“ und setze Maßstäbe. In der Vergangenheit wurden unter anderem Birgit Minichmayr und Einar Schleef ausgezeichnet. Im vergangenen Jahr wurde der 2010 gestorbene Regisseur Christoph Schlingensief postum geehrt.

Die Jurorin des Kerr-Preises, Nina Hoss, erklärte, Hinrichs (Jahrgang 1976) spiele in „Kill your Darlings! Streets of Berladelphia“ von der Volksbühne Berlin „mit einer bemerkenswerten Leichtigkeit und Selbstsicherheit und bleibt dabei gänzlich uneitel“. Mit dem zum 18. Mal verliehenen Kerr-Preis wird seit 1991 die herausragende Leistung junger Schauspieler ausgezeichnet, die in einer der zum Theatertreffen eingeladenen Inszenierungen mitwirken. In den vergangenen Jahren ging die Ehrung unter anderen an August Diehl, Fritzi Haberlandt, Devid Striesow und Johanna Wokalek.

Hinrichs begeisterte als philosophierender und tobender Hauptakteur in René Polleschs Stück „Kill your Darlings!“. Bei den Aufführungen erhielt er Szenenapplaus. Begleitet wurde er lediglich von einer 15-köpfigen Akrobatentruppe. Hinrichs trat an der Volksbühne bereits als Protagonist in Polleschs Solostück „Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang!“ auf. Dafür wurde er einer der „Schauspieler des Jahres“ 2010 in der Kritikerumfrage der Zeitschrift „Theater heute“.

Ekeltheater und Mammut-Inszenierungen

Wie in jedem Jahr, so rieben sich die Kritiker auch 2012 an der Auswahl für das Festival, dem erstmals als Leiterin Yvonne Büdenhölzer vorstand. Der Auftakt gestaltete sich mit Sarah Kanes drei letzten Werken „Gesäubert / Gier / 4.48 Psychose“ düster-depressiv. 13 Jahre nach ihrem Selbstmord inszenierte Regisseur Johan Simons mit den Münchner Kammerspiele Kanes Stücke über Weltschmerz und Gewaltfantasien neu.

Noch viel länger und noch mehr Ekelmomente gab es in der zwölfstündigen Ibsen-Saga „John Gabriel Borkman“ des norwegisch-deutschen Performanceteams Vegard Vinge, Ida Müller und Trond Reinholdtsen zu erleiden. Ein Künstler zählt in zwei Stunden von 1 bis 5000. Es wird auf die Bühne gekotet und uriniert, die Besucher können kommen und gehen, um die Visionen Borkmans zu erleben, der sich nach einer Haftstrafe komplett von der Außenwelt abkapselt.

Viele Neulinge beim Theatertreffen

Neben dem Performanceteam gab es mit Milo Rau, Alvis Hermanis und Lukas Langhoff weitere Neulinge beim Theatertreffen. Für nachhaltigen Eindruck sorgte Rau mit „Hate Radio“ über den Völkermord in Ruanda: Die Schauspieler sitzen in einem gläsernen Radiostudio und spielen eine Sendung des Senders nach, der in Ruanda durch seine Hetzpropaganda maßgeblich zum Massenmord beigetragen hat. Die Texte sind Zitate aus den Originalsendungen. Das Publikum hört die Schauspieler nur über ein Empfangsgerät mit Kopfhörern. Beeindruckend auch die Video-Performance „Before Your Very Eyes“ von dem deutsch-britischen Regie-Team Gob Squad, in dem Jugendliche mit ihren Ansichten zum Leben konfrontiert werden, die sie Jahre zuvor in Interviews abgaben.

Langhoff griff in seiner Ibsen-Inszenierung „Ein Volksfeind“ aktuelle Themen auf. Eine Akteurin brachte das Publikum dazu, ein Arbeiterlied zu singen. Zu den auserwählten Inszenierungen zählten aber auch Arbeiten von etablierten Stars wie Karin Henkel und Herbert Fritsch. Henkel zeigte eine stark gekürzte Version von „Macbeth“ und erhielt dafür auch Buhrufe. Fritsch präsentierte „Die (s)panische Fliege“ als Klamauk mit überzeichneten Darstellern wie Sophie Rois und Wolfram Koch, die viel Applaus bekamen. Das Festival, das die von einer Jury ausgewählten zehn „bemerkenswertesten“ Inszenierungen der vergangenen Saison präsentierte, war am 4. Mai gestartet.