"Gossip"-Frontfrau

Beth Ditto - "zu fett, zu lesbisch, zu vorlaut"

An Selbstbewusstsein mangelt es Beth Ditto nicht. Mit Morgenpost Online spricht sie über ihre Figur, Lagerfeld und ihre Vorbildfunktion.

Beth Ditto, die Frontfrau von Gossip, ist in London, um zusammen mit ihren Kollegen Hannah Blilie (Schlagzeug) und Brace Paine (Gitarre) das neue Album „A Joyful Noise“ vorzustellen. Spätestens seit Veröffentlichung ihrer speziell in Deutschland sehr erfolgreichen Platte „Music for Men“ (2009) freilich ist Ditto viel mehr als nur eine Rockmusikerin. Die 31-Jährige, die aus dem Nest Searcy im US-Bundesstaat Arkansas stammt und seit vielen Jahren im liberal-freundlichen Portland/Oregon lebt, ist zu einer Ikone und einem recht ungewöhnlichen Vorbild geworden. Auch die Modewelt liebt sie. Beth ist befreundet mit dem Model Kate Moss, und Karl Lagerfeld hat sie zu einer seiner Musen gemacht. Steffen Rüth hat die Sängerin getroffen, die am 8. Mai im bereits ausverkauften Berghain auftreten wird.

Morgenpost Online: Sie und Ihre Band sind jetzt, so unwahrscheinlich das klingen mag, Superstars…

Beth Ditto: …aber daheim in Portland interessiert sich keine Sau für uns, wir haben in den USA null Erfolg. Das ist einerseits Mist, andererseits super. Wenn ich zu Hause bin, habe ich meine Ruhe und kann abschalten.

Morgenpost Online: Warum haben Sie zuhause keinen Erfolg?

Beth Ditto: Zu fett, zu lesbisch, zu vorlaut, was weiß ich.

Morgenpost Online: Haben Sie irgendwelche Regeln für den Umgang mit Ruhm?

Beth Ditto: Ich google mich niemals selbst, nehme so wenig Drogen wie möglich, am besten gar keine. Und ich gehe heim ins Bett, wenn ich müde bin.

Morgenpost Online: Sie sind lesbisch, dick und selbstbewusst. Und Sie sind auch für viele ein Vorbild.

Beth Ditto: Ich bin immer noch dabei, mich mit dieser Rolle vertraut zu machen. Ich fühle mich etwas gehemmt in dieser Funktion, was bei mir wirklich nicht oft vorkommt. Insgesamt fange ich an, diese Vorbildsache ein bisschen ernster zu nehmen. Die Qualität meines Lebens ist so viel höher, weil in der Generation vor mir die Homoaktivistinnen und die Feministinnen sich den Arsch aufgerissen und hart gekämpft haben, damit es vorwärts geht. Jede Generation hat es leichter, und für mich war es, seien wir ehrlich, nie ein großes Drama, lesbisch zu sein, für meine Familie auch nicht. Für die nächste Generation soll es noch selbstverständlicher sein. Niemand soll sich mehr verstecken müssen.

Morgenpost Online: Sind Sie eigentlich schon so selbstbewusst zur Welt gekommen?

Beth Ditto: Ich wuchs mit zwei Schwestern auf, der Ton bei uns ist rau. Ich bekomme oft genug ein herzliches „Halt's Maul“ entgegengeschleudert. Überwiegend verdientermaßen. Ich war immer schon eine laute, fast lächerlich selbstbewusste Person. Schon als Kind war es immer ich, die in der Schule den Ärger abkriegen sollte, aber dann doch nicht abkriegte. Weil ich nämlich mit einer tollen Gabe gesegnet bin: Ich kann mich aus jeder noch so ausweglosen Situation rausquatschen. Und irgendein Witz findet sich immer. Ich habe es meinen Lehrern immer sehr schwer gemacht, mich nachsitzen zu lassen.

Morgenpost Online: Hilft das starke Selbstvertrauen bei der Musikkarriere?

Beth Ditto: Bis heute bin ich nicht sicher, ob ich wirklich eine gute Sängerin und Musikerin bin. Aber ich habe nie daran gezweifelt, dass ich eine erstklassige Persönlichkeit habe. Ich fand mich immer stark und wuchs zum Glück mit einer Mutter auf, deren Attitüde sich folgendermaßen zusammenfassen lässt: „Beth, diese blöden Leute werden dich weder töten noch aufessen. Also brauchst du auch keine Angst vor ihnen haben. Vergiss das Pack.“ Diese Haltung habe ich weitgehend übernommen.

Morgenpost Online: Sie haben vor einigen Jahren erzählt, dass Ihre Mutter bei McDonald's arbeitet. Ist sie noch dort?

Beth Ditto: Nein, Mum arbeitet seit zwei Jahren in einer Fabrik. Sie würde unter keinen Umständen aufhören zu arbeiten. Wir sind uns auf geradezu unheimliche Weise ähnlich, wir sind soziale Schmetterlinge. Wir reden mit jedem, sprechen wildfremde Leute auf der Straße an und sagen: „Das ist ein hübscher Mantel“. In ihrer Fabrik ist Mum eng mit zwei Schwulen befreundet, sie ist eine großartige Schwulenmutti.

Morgenpost Online: Sie verabscheuen Sexismus, waren aber in den vergangenen Jahren zwei Mal nackt auf der Titelseite eines Magazins zu sehen. Wie passt das zusammen?

Beth Ditto: Eine fette Person zu sein und sich in der Öffentlichkeit nackt auszuziehen, das ist ein unglaublich feministischer und politischer Akt. Es ging mir nicht ums Scharfmachen von Männern oder auch Frauen, sondern um ein „Hier bin ich“. Die Botschaft lautet: Du musst nicht dünn sein, um nackt auf dem Cover einer Zeitschrift zu landen. Ich war jedenfalls stolz darauf.

Morgenpost Online: Sie waren neulich mit Ihrer Mutter bei der Fashion Week in Paris. Wie ist sie denn mit Karl Lagerfeld zurechtgekommen?

Beth Ditto: Ich sagte zu Mum: „Karl Lagerfeld hat uns eingeladen.“ Sie meinte bloß: „Liebes, wer ist das bitte?“ Der Moment, in dem meine Mutter wirklich beeindruckt war im Zusammenhang mit meiner Karriere, das war, als ich ihr ein Foto geschickt habe, auf dem ich zusammen mit Paul McCartney drauf bin. Paul ist der Größte für sie. Danach konnte ich machen, was ich wollte. Mum wusste: „Beth hat es geschafft“.

Morgenpost Online: Was ist das für ein Verhältnis zwischen Ihnen und Lagerfeld?

Beth Ditto: Wir haben uns einige Male getroffen und vielleicht zwei Mal wirklich lange unterhalten. Ich würde ihn jetzt nicht als einen meiner engsten Freunde bezeichnen. Karl ist ein wunderbarer Mann, ein echter Exzentriker. Und das mag er wohl auch an mir – dass ich nicht stromlinienförmig bin, unangepasst. Dazu kommt noch, dass ich mich generell sehr gut mit älteren schwulen Männern super verstehe. Diese Jungs haben etwas zutiefst Rührendes und Herzliches an sich.

Morgenpost Online: Lagerfeld hat zuletzt über Ihre Kollegin Adele gelästert, auch in der Vergangenheit gab es einige umstrittene Äußerungen in Bezug auf Magermodels. Das kann Ihnen nicht gefallen haben.

Beth Ditto: Nein, seine Aussagen zu fetten Mädchen fand ich nicht in Ordnung. Er ist nicht immer nett, er ist politisch nicht korrekt. Das gefällt mir wiederum sehr gut. Und er war ja selbst mal fett. Das war so cool.

Morgenpost Online: Finden Sie es schade, dass er nicht mehr moppelig ist?

Beth Ditto: Es enttäuscht mich nicht generell, wenn Leute Diät machen oder abnehmen. Jeder trifft seine eigenen Entscheidungen. Es ist bloß schade, dass so viel Druck herrscht, dass viele denken, sie hätten keine andere Wahl. Niemand sollte dafür verurteilt werden, dass er oder sie dünner sein möchte. Es kann ja nicht jeder so sein wie ich.

Morgenpost Online: Wie sehr achten Sie darauf, was und wie viel Sie essen?

Beth Ditto: Viel mehr, als die Leute denken. Nur weil ich fett bin, muss ich mich ja nicht mies ernähren. Ich versuche mich von Zucker fernzuhalten, denn Zucker ist einfach nicht gut.

Morgenpost Online: Träumen Sie manchmal davon, dünn zu sein?

Beth Ditto: Noch nie. Ich liebe mich genau so, wie ich bin. ich werde von anderen geliebt, ich akzeptiere mich und möchte keine andere Figur haben.