Etwa zur Hälfte des Konzerts verstummen die Musiker. Ganz allein steht Sinéad O’Connor an der Bühnenrampe und singt a-cappella „I Am Stretched On Your Grave“, ein von Philip King vertontes irisches Gedicht aus dem 17. Jahrhundert. Flüsterstill wird es am Donnerstagabend im gut gefüllten Astra Kulturhaus in Friedrichshain. Die Stimme füllt den Raum, beschwört die einzig wahre Liebe, die unter frischer Erde begraben und doch gegenwärtig ist. 1990 hat die Sängerin das Stück für ihr zweites und erfolgreichsten Album „I Do Not Want What I Haven’t Got“ aufgenommen. Und singt es nun hingebungsvoll mit bebender Stimme im gedämpften Scheinwerferlicht.

Die streitbare Irin ist wieder da, wo sie hingehört. Auf der Bühne. Vor ihrem Publikum, das sie immer noch liebt und mit Applaus umarmt. Dabei stand sie sich im Laufe ihrer Karriere oft genug selbst im Weg. Ein Freigeist, der sich nicht an die Regeln des Musikgeschäfts halten wollte. Eine engagierte und streitlustige Frau, die lospoltern kann, um erst später zu überlegen, ob sie einen Schritt zu weit gegangen ist. Wie 1990, auf dem Höhepunkt ihres Ruhms, als sie mit der Prince-Komposition „Nothing Compares 2 U“ die Popherzen zum Schmelzen gebracht hatte. Keine zwei Jahre später zerriss sie in der US-Fernsehshow „Saturday Night Live“ ein Foto von Papst Johannes Paul II., aus Protest gegen die Kindesmissbrauchsfälle in der katholischen Kirche. Der Sturm der Entrüstung war enorm. Wenig später wurde sie beim „30th Anniversary Concert“ für Bob Dylan in New York von der Bühne gebuht. Ihre Karriere schien am Ende. Sie hat sich nie wieder davon erholt.

Sie heiratete drei Mal und ließ sich drei Mal scheiden

Doch Sinéad O‘Connor hat weiter Platten gemacht. Mit eigenen Songs. Mit traditionellen irischen Volksliedern. Mit jamaikanischen Reggae-Klassikern. Mit religiösen Gesängen. Sie sorgte immer wieder für Schlagzeilen, doch selten war ihre Musik der Grund. Sie bekämpft die katholische Kirche und suchte ihr Heil in Spiritualität. Sie heiratete drei Mal, ließ sich drei Mal scheiden, suchte sich einen Mann über Facebook, lebt als Gesangslehrerin und Mutter von vier Kindern in der Nähe von Dublin. Und hat nach langer Pause mit „How About I Be Me (And You Be You)“ ein gelungenes neues Album aufgenommen, das sie nun in den Konzertsälen Amerikas und Europas mit ihren wunderbaren sechs Musikern vorstellt.

Du singst nicht, weil du berühmt werden willst, hat sei einmal gesagt. Du singst, weil du einfach nicht anders kannst. Weil du musst. Ohne dich zu verbiegen. Ohne deine Seele zu verkaufen. Ohne nach dem schnellem Ruhm zu schielen. Der Ruhm, der Anfang der 90er-Jahre über Sinéad O’Connor hereingebrochen ist, war ihr schnell obskur. Anpassungsfähigkeit, Kompromissbereitschaft, Konzessionen stehen nicht auf ihrer Agenda. Sie ging ihren eigenen Weg, allem Kopfschütteln über ihr unangepasstes Auftreten zum Trotz.

Überzeugendes Neues

Sie wirkt ausgeglichen und glücklich, wie sie nun in Shirt und Jeans auf der Astra-Bühne steht und mit „The Healing Room“ den Abend eröffnet. Eine gereifte, 45-jährige Sängerin mit reichlich Tattoos und kurzgeschorenem Haupt, die nicht mehr will, als die Menschen mit ihrer Stimme zu betören und mit ihren Worten zum Nachdenken zu bewegen. Und die weiß, was ihr Publikum hören will. Denn natürlich singt sie gegen Ende des Programms „Nothing Compares 2 U“ mit großer Geste. Oder „The Last Day of Our Aquaintance“ von 1990. Oder „Jackie” von 1987.

Doch es gibt auch überzeugend Neues zu hören. Wie das von afrikanischer Rhythmik angetriebene „4th & Wine“ oder die kämpferische Ballade „Take Off Your Shoes“, bei der einmal mehr katholischen Würdenträger zu ihrer Zielscheibe werden. Ihre Stimme ist kraftvoll, klar und bebend, zittert vor Schmerzen und jauchzt vor Freude. „The Lamb’s Book of Life“ ist ein Reggae, der von einer irischen Flötenmelodie getragen wird. Wie überhaupt ihr Verwurzeltsein im irischen Liedgut immer wieder durchklingt. Es ist ein steter Wechsel zwischen beseelten Balladen und treibenden Rocksongs. Der Alltag, der Klatsch, die Skandälchen müssen draußen bleiben. Hier strahlt allein die Musikerin und Interpretin Sinéad O’Connor, die sich Kraft ihrer Stimme einem Publikum hingibt, das immer wieder beglückt applaudiert.

Am Ende des langen Zugabenblocks steht sie wieder allein auf der Bühne und singt zum Abschied „Before We End Our Day“, ein kurzes Abendgebet, das ihr irische Mönche beigebracht haben. Ein großer Abend. Ein bewegendes Comeback. Der Wunsch bleibt, dass es diesmal von Dauer sein möge.