André Schmitz ist schon gut auf Betriebstemperatur, weit bevor die erste Frage kommt. Die Thesen des Buches „Der Kulturinfarkt“ findet Kulturstaatssekretär André Schmitz (SPD) ziemlich empörend. Die vier Autoren haben ein kulturelles Überangebot diagnostiziert, wollen staatlich unterstützten Einrichtungen wie Theater, Museen oder Opern schließen und fordern, dass über die Mittelverteilung neu nachgedacht wird. Schmitz (54) kümmert sich in Berlin seit 2006 um die Kultur.
Morgenpost Online: Herr Schmitz, Berlin gibt doppelt so viel Geld für Kultur aus wie das viel größere New York. Ist das zu rechtfertigen?
André Schmitz: Die Frage ist völlig falsch. Wir haben hier doch ein Erfolgsmodell, um das uns die ganze Welt beneidet. Diese ewige Diskussion, ob wir zu viel Geld für die Kultur ausgeben, wird nicht besser dadurch, dass man sie wiederholt. Berlin gibt gerade mal 1,8 Prozent des Gesamthaushalts für Kunst und Kultur aus. Fünf von sieben Touristen sagen, dass sie wegen der Kultur nach Berlin kommen – das haben nicht wir, sondern andere untersucht. Die Gäste geben hier Geld aus, ein Teil davon fließt als Steuereinnahme wieder zurück ans Land. Und dieser Betrag ist deutlich höher als der gesamte Kulturetat, der bei rund 365 Millionen Euro liegt. Wir sind der einzige Bereich des Berliner Haushalts, der sich komplett refinanziert. Und nicht nur das: die Steuereinnahmen durch Kultur-Tourismus übersteigen die Steuerausgaben für Kultur deutlich.
Morgenpost Online: Aber Touristen gehen doch nicht nur in staatlich unterstützte Einrichtungen, sondern kommen auch beispielsweise wegen der Clubszene.
André Schmitz: Selbstverständlich, wir haben da einen breiten Kulturbegriff. Aber selbst ein Privatunternehmer wie Peter Schwenkow spricht sich eindeutig für Kultur-Subventionen aus. Die Kulturschaffenden sollten selbstbewusster auftreten und nicht immer in eine Verteidigungshaltung gehen. Kultur bietet der Gesellschaft etwas und die muss sich das auch etwas kosten lassen. Den Krankenhäusern, Kindergärten oder Hochschulen hält man schließlich auch nicht vor, dass sie Geld für Dinge ausgeben, die sich nicht sofort an der Kasse refinanzieren.
Morgenpost Online: Das ist ja interessant, Ihre erste Argumentation ist die mit der Rentabilität – wenn die Nachfrage in Berlin also geringer wäre, dann wäre das Budget zu hoch?
André Schmitz: Nein. Aber der erste Angriff der „Kulturinfarkt“-Autoren ist ja die Behauptung, dass zuviel Geld für Dinge ausgeben wird, die nicht nachgefragt sind. Für Berlin trifft das nicht zu, da reicht ein Blick auf die Entwicklung der Besucherzahlen in Museen, Theatern oder Gedenkstätten. Dass Kunst und Kultur aus anderen Gründen unverzichtbar sind, man spricht nicht umsonst vom „Brot für die Seele“, steht auf einem anderen Blatt.
Morgenpost Online: Wenn wir Sie richtig verstehen, ist Kultur demnach immer zu fördern, egal wie groß das Interesse an ihr ist.
André Schmitz: Mich ärgert, dass wir den vier Autoren so viel Aufmerksamkeit schenken, weil ich eigentlich dachte, dass wir über diesen Diskussionsstand schon längst hinaus sind. Gerade in Berlin. Die einzige Erfolgsstory, das konnte man in einem Hamburger Nachrichtenmagazin nachlesen, die Berlin nach der Wiedervereinigung aufzuweisen hat, ist die Kunstmetropole. Dazu hat die Kulturpolitik beigetragen, aber vor allem Dingen ist das natürlich ein Verdienst der Künstler, dass Berlin wieder eine weltoffene, internationale Stadt ist. Mich nervt, Sie merken mir das an, dass die Kultur sich stets rechtfertigen muss für die 1,8 Prozent am Gesamtetat des Landes. Das ist gut angelegtes Geld. Wenn ich mit Wirtschaftsleuten von großen Konzernen rede, dann sind die immer ganz baff, wie niedrig der Anteil der Kulturausgaben in Berlin ist.
Morgenpost Online: Aber Berlin ist hoch verschuldet.
André Schmitz: Das ist unbestritten, aber 64 Milliarden Euro bekomme ich nicht weg, indem ich die Deutsche Oper schließe.
Morgenpost Online: Das haben Sozialdemokraten vor ein paar Jahren gefordert, jetzt haben die Piraten im Abgeordnetenhaus diese Idee wieder aufgenommen.
André Schmitz: Aber die Diskussion wird nicht besser, wenn man die alten Kamellen wieder rausholt.
Morgenpost Online: Ist denn die Forderung der freien Szene nach Umverteilung nicht nachvollziehbar? Rund ein Drittel des Kulturhaushaltes fließt allein in die Opernstiftung.
André Schmitz: Die freie Szene fordert mehr Geld – aber nicht durch Umverteilung. Dort sagt keiner, schließt die Oper und gebt das Geld uns. Die historische gewachsene Kluft zwischen den 95 Prozent unseres Haushalts, die wir für Kulturinstitutionen aufwenden, und den fünf Prozent für die freie Szene überwinden wir so nicht. Dazu brauchen wir „frisches“ Geld. Im kommenden Doppelhaushalt hat der Senat mehr Geld für die freie Szene vorgesehen, die Abgeordneten wollen sogar noch etwas drauflegen.
Morgenpost Online: Die zweite Forderung der freien Gruppen geht in Richtung mehr Durchlässigkeit.
André Schmitz: Die kann ich nicht verordnen. Aber die Grenzen zwischen der freien Szene und den großen Tankern sind längst nicht mehr starr. Nehmen Sie die Tanzcompagnie von Sasha Waltz, die arbeitet auch an großen Opernhäusern.
Morgenpost Online: Warum werden eigentlich Opern subventioniert, aber keine Rockkonzerte?
André Schmitz: Ich sehe schon einen gewissen Unterschied zwischen einer vielschichtigen Opernaufführung und einem Madonna-Konzert. Außerdem möchte ich keine amerikanischen Verhältnisse hier haben. Ich finde es gut, wenn Menschen die Oper besuchen können, die es sich sonst nicht leisten könnten. Deshalb gibt es neben teuren auch preisgünstige Karten.
Morgenpost Online: Also entscheidet der Staat, was förderungswürdig ist?
André Schmitz: In unserem Gemeinwesen werden auch Sportvereine gefördert. Wissen Sie, ich habe kein Interesse an Sport, aber nur weil einem manche Ausgabe nicht passt, muss man doch nicht gleich das ganze System infrage stellen. Das ist zu kurz gesprungen. Aber wenn Sie mir das Geld geben, habe ich nichts dagegen, auch Popkonzerte zu unterstützen. Aber leider sind unsere Ressourcen limitiert.
Morgenpost Online: Wenn Sie von uns 200 Millionen Euro bekämen, wie würden Sie das Geld ausgeben?
André Schmitz: Ein Teil würde sicherlich in die freie Szene gehen, mit dem Geld könnte man kreative Orte sichern die durch die Gentrifizierung in Stadtteilen wie Mitte oder Prenzlauer Berg bedroht sind. Außerdem würde ich mehr Geld für kulturelle Bildung ausgeben.
Morgenpost Online: Das war ein großes Projekt unter der rot-roten Vorgängerregierung, jetzt spricht keiner mehr davon.
André Schmitz: Weil es gut läuft. Zwei Millionen Euro stehen jährlich dafür zur Verfügung, fast die Hälfte aller Schulen hat sich schon an Projekten beteiligt.
Morgenpost Online: Auch der geplante Neubau der Landesbibliothek auf dem Tempelhofer Feld ist ein Projekt der kulturellen Bildung. Aber vor dem Hintergrund von Einsparungen bei den Bezirksbibliotheken macht ein 270-Millionen-Neubau doch keinen Sinn?
André Schmitz: Sie können nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Schließlich geben wir zwei alte Standorte auf.
Morgenpost Online: Ist eine Bibliothek im Zeitalter der Google-Recherche nicht unzeitgemäß?
André Schmitz: Es werden mittlerweile wieder weltweit große Bibliotheken gebaut, weil die Nachfrage da ist. Wir rechnen mit 10.000 Nutzern pro Tag. Eine moderne Bibliothek hat viel mehr als Bücher im Angebot, sie ist ein Ort der Information und Kommunikation, der Bildung und Integration.



