Berlin-Konzert

The BossHoss brauchen keinen Schnickschnack

Spätestens seit "The Voice of Germany" gehört der Erfolgs ihnen: Die Spree-Cowboys von The BossHoss spielen in Berlin ihr Publikum in Grund und Boden.

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The BossHoss sind eine Meute musikverliebter Spree-Outlaws, die ihre Passion zu einer von Druck und Spielfreude getriebene Bühnenshow inszenieren. Sie haben runde 60 Jahre Rockmusikgeschichte mit all ihren legendären Beats und Shouts und Riffs in sich aufgesogen. Sie waren, um mit Elvis nur eines ihrer zahlreichen Idole zu zitieren, einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Und seit Alec Völkel und Sascha Vollmer, die Anführer der Berliner Country-Rock-‘n’-Roller, sich auch noch einen Jurystuhl beim TV-Talentschuppen-Format „The Voice of Germany“ teilten, scheinen sie freie Fahrt auf dem Highway des Erfolgs zu haben. Ihre Popularität ist enorm. Die Tournee ist komplett ausverkauft. Und auch für das BossHoss-Konzert am Sonnabend in der Max-Schmeling-Halle gab es schon lang im Voraus keine Karten mehr.

Die 9000 Besucher sind zum Feiern entschlossen. Schon das brachiale Powertrio Triggerfinger aus Antwerpen mit seinem so gar nicht nach Mainstream schielenden Kraftrock wurde für die ungezügelten Gitarrenattacken und hysterischen Gesänge des graubärtigen Ruben Block lautstark bejubelt. Fast hätten sie noch eine Zugabe geben müssen. Aber es gibt schließlich einen Zeitplan. So konnte man den schweißnassen Musikern nur noch dabei zusehen, wie sie persönlich ihre Instrumente von der Bühne schafften.

Als kurz nach 21 Uhr das Saallicht wieder erlischt, gellt ein vielstimmig-erwartungsfroher Aufschrei durchs Publikum. Aus den Lausprechern tönt „The Real Boss Hoss“, jener Song der US-Rockband The Sonics aus dem Jahr 1965, der The BossHoss ihren Namen gab. Mit der Eigenkomposition „Last Day (Do Or Die)“ von 2009 entern die sieben Musiker und drei Bläser in Mariachi-Kostümen die spartanisch gestaltete Bühne. Schnell wird klar: was hier zählen soll ist einzig die Musik. Keine Videowände, keine Pyrotechnik, kein Bühnennebel – die Band ist die Show. Vorn an der Rampe auf Barhockern sitzen Sänger „Boss“ Alec und Sänger und Gitarrist „Hoss“ Sascha. Und leben den Mythos, den sie selbst für sich erfunden haben, werden zu zwei Cowboy-Kumpels, die auf einer Farm in Texas den Rock’n’Roll erkunden und hemmungslos ausleben.

Die Masche funktioniert. Haben sie auf ihrem Debüt „Internashville Urban Hymns“ von 2005 noch ausnahmslos internationale Rock- und Pophits wie „Toxic“ von Britney Spears oder „Seven Nation Army“ von den White Stripes zu Country-Rock-Hymnen arrangiert (selbst der Langnese-Song „Ice In The Sunshine“ war vor ihnen nicht sicher), begannen sie schon bald, eigene Songs zu schreiben. Die quellen über vor all ihren musikalischen Vorlieben, von Rockabilly über Rock’n’Roll bis zu Calypso, Punk und HipHop. Entsprechend stilvielfältig ist dieser Abend, an dem Country vor allem für die Optik und die Sehnsucht nach bierseliger Cowboy-, Trucker- und Bikerromantik steht.

Da gibt es mit „Still Crazy About Elvis“ eine wunderschöne Hommage an den King (mit „Jailhouse Rock“-Zitat). Der neue Song „Don’t Gimme That“ kommt als wuchtiger Funkrock daher und bei „Sabotage“ von den Beastie Boys werden kollektiv HipHop-Moves zelebriert. Zweieinhalb Stunden lang arbeiten sie die Musiker ab, als stünden sie selbst im Publikum. Und da sie nicht nur bei „Voice of Germany“ dabei waren, sondern mit Ivy Quainoo auch die Gewinnerin in ihrer Finale-Gruppe hatten, ist klar, wer der Überraschungsgast dieses Konzerts wird. Dionne Warwicks „I Say A Little Prayer“ singen The BossHoss mit der charmanten Sängerin im Duett. Da ist in der Halle schon längst kein Halten mehr.

Und das, obwohl der Sound ziemlich muffig und unausgegoren durch die Sporthalle wabert. Und man den bodenständigen Club-Rock-’n’-Roll dieser konsequent englisch redenden Buddies mit Cowboyhut auch lieber etwas hautnah in einem Club erleben würde. Nur – da passen nun mal keine 9000 Menschen hinein. Und die zumindest hat The BossHoss fest im Griff. Auf Kommando wird mitgesungen, wird „Bo Diddley“ skandiert, werden Hände in der Höhe geschwenkt, wird kollektiv auf die Knie gegangen, um auf Kommando in wildem Pogo zu hüpfen. Als es aufs Finale zugeht, werden bei „Yee Haw“ auch noch etliche junge Frauen auf die Bühne geholt, um mit der Band zu tanzen. Der Gedanke, hier auf einer Mallorca-Ballermann-Party zu sein, kommt aber nur für einen ganz flüchtigen Moment auf. Denn was The BossHoss, die Band mit dem großen Herz für Coverversionen, geleistet hat, das ist schon bewundernswert.