Scharrt der Graf ein wenig mit den Hufen? Plustert sich Bartolo auf wie ein Vogel? Vielleicht. Oder auch nicht. Das ist so eine Sache mit den Erwartungen. Wenn man in vielen Artikeln gelesen hat, dass bei „Figaros Hochzeit im Bode-Museum“ die männlichen Darsteller als Tiere auftreten, wartet man auf Felle, Federn, Masken, irgendetwas. Nichts davon existiert in Christoph Hagels Inszenierung.

Der animalische Charakter der Männer versteckt sich, wenn überhaupt, hinter kleinen Gesten. Graf Almaviva ist nicht wirklich ein Pferd, ebenso wenig wie Bartolo ein Pfau oder Basilio ein Wiesel. Wie überhaupt die ganze Produktion sehr schlicht und geradlinig daherkommt. Keine Skateboards, keine Nackten, keine Rapper. Nachdem Hagel in seiner letzten Haydn-Inszenierung noch lebende Tiere präsentierte, lässt er diesmal alles Reißerische und Spektakuläre einfach sein. Sein „Figaro“ ist keine Fabel, und doch ist die Premiere fabelhaft. Christoph Hagel ist ein theaterverrückter Dirigent, Regisseur und Manager. Ein Besessener, der sich seinen eigenen Platz im Berliner Kulturdickicht geschaffen hat und ihn mit Können, Fantasie, Energie und seinem Vermögen verteidigt. Seine Nische, die ohne staatliche Subventionen auskommt, heißt: Oper an ungewöhnlichen Orten. Das fing vor 15 Jahren an mit „Don Giovanni“ im E-Werk und hörte 2008 mit der „Zauberflöte“ in der U-Bahn längst nicht auf. Das Bode-Museum ist für den Umtriebigen eine Art Hafen geworden, in den er zwischendurch immer wieder zurückkehrt.

Nun also Mozarts turbulente Komödie, in der alle lüstern und listig lügen und betrügen. Eigentlich geht es um die Revolte der Diener gegen die Herrschaft, aber darauf den Fokus zu setzen, ist aus der Mode gekommen. Auch bei Hagel gibt es flache Hierarchien, dafür eher den Geschlechterkampf mit einem Haufen liebestoller Glückssucher und Abenteurer. Zunächst will das in die große, düstere Halle mit den christlichen Gemälden nicht recht passen. Es gibt kein Bühnenbild außer einem beleuchteten Laufsteg, wenige Requisiten und traditionelle Kostüme. Trotzdem ist der Jubel am Ende groß.

Hagels sparsame und erstaunlich konventionelle Inszenierung verlässt sich ganz und gar auf die Musik. Ein erstklassiges junges Sängerensemble hat er zusammengestellt. Jede der Stimmen ist hörenswert, und die Berliner Symphoniker unter Hagels Leitung schmiegen sich ihnen rhythmusbetont und sinnlich an. Tobias Oliver Hagges Grafenbariton strahlt große Autorität aus, während seine Gräfin Alexis Barthelemy glaubwürdig verzweifelt. Bernhard Hanskys mächtiger Bassbariton lässt den Figaro nicht als Schelm, sondern als zornigen jungen Mann erscheinen. Dass er Cristiane Roncaglio als Susanna mit ihrem herrlich runden Sopran liebt, ist wirklich kein Wunder.

Alle singen, spielen, flirten, intrigieren – und tanzen. Das stimmige Bewegungsballett ist neben der musikalischen Qualität der zweite entscheidende Pluspunkt der Aufführung. Wer eine solide Mozart-Oper mit großartigen Sängern und einer interessanten Personenführung zu schätzen weiß, geht ins Bode-Museum.

"Die Hochzeit des Figaro" im Bode-Museum, Kupfergraben, Berlin-Mitte: Vorstellungen bis 27. Mai 2012. Freitag bis Sonntag, 20 Uhr.