Neue Nationalgalerie

Dirigent Hagel lässt Hip Hopper zu Bach tanzen

Der Musikkultur steht ein furchtbarer Härtetest bevor – der härteste seit Einführung der Zwölftontechnik vor hundert Jahren: Berliner Breakdancer bemächtigen sich des Wohltemperierten Klaviers. Das Attentat trägt den Tarnnamen "Flying Bach" und soll in der Neuen Nationalgalerie stattfinden. Der Rädelsführer heißt Christoph Hagel.

Foto: Ray Demski/Red Bull Photofiles / Ray Demski

Dem Abendland droht mal wieder der Untergang. Kirchen werden wanken und die Lordsiegelbewahrer Johann Sebastian Bachs ihre Bannflüche durchs Land rufen. Unserer Musikkultur steht ein furchtbarer Härtetest bevor – der härteste seit Einführung der Zwölftontechnik vor hundert Jahren: Berliner Breakdancer bemächtigen sich des Wohltemperierten Klaviers, also jener Sammlung von Präludien und Fugen, die die Algebra unserer klassischen Tradition darstellt, in der tiefste Verinnerlichung und höchste geistige Ekstase vereint sind.

Das Attentat trägt den Tarnnamen „Flying Bach“ und soll in der Neuen Nationalgalerie stattfinden. Der Rädelsführer heißt Christoph Hagel, seine Gefolgsleute nennen sich „Flying Steps“. Wir haben die Herrschaften, zu denen auch zwei Damen gehören, bei einer konspirativen Übungsstunde getroffen und dabei folgendes erfahren: Die „Flying Steps“ gibt es seit 1993, ihr Gründungsmitglied Vartan Bassil tanzt noch immer kräftig mit und zeichnet auch für die Choreografie verantwortlich. Seine Truppe wurde bereits viermal Breakdance-Weltmeister, was auf die Dauer etwas langweilig wurde.

Der Dirigent fand die Tänzer cool

Bassil gesteht: „Es war unser Wunsch, mal etwas Größeres zu machen. Christoph Hagel hat uns gesehen und cool gefunden. HipHop wurde schon oft mit Klassik vermischt, aber wir gehen die Sache ganz anders an: die einzelnen Tänzer tanzen die einzelnen Stimmen der Partitur.“

Hm, strange. Das sind immerhin vier, in der Tripelfuge sogar fünf Stimmen. Christoph Hagel, bekannt geworden durch Musikprojekte an ungewöhnlichen Orten wie dem Bode-Museum oder der U-Bahnstation Bundestag, glaubt aber, dass es klappen könnte. „Bachs Kontrapunkt und klassisches Ballett – das funktioniert nicht. Aber mit Breakdance passt es erstaunlich gut zusammen. Und sieht gut aus. Die Länge der Präludien und Fugen entspricht mit zwei bis vier Minuten auch ziemlich genau den Clips, die man auf MTV sehen kann. Hier gibt es keine unendliche epische Entwicklung.“

Kurz und prägnant sind die einzelnen Stücke. Sie werden durch eine Rahmenhandlung verbunden, eine Message, wie Bassil sagt. Jedes Stück wird in einem anderen Stil getanzt, die Zuschauer erleben das roboterähnliche Popping, die akrobatischen Powermoves, die erstarrten Positionen des Freezing und die comic-verdächtigen Gesten des Locking. Der Oberbegriff dieser Stile heißt Breakdance oder B-Boying. Er ist ein Teil der HipHop-Kultur, die vor Jahrzehnten auf den Straßen der schwarzen Bronx von New York entstand.

Ein größerer Abstand zu Bachs Ordo, zur Ausrichtung aller irdischen Dinge auf Gott, scheint kaum denkbar. Gerade darin, dass sich hier Himmel und Straße berühren, liegt jedoch der besondere Reiz von Hagels Einfall. „Interessant ist natürlich auch der Kontrast“, sagt er, „hier das Prinzip der Ewigkeit bei Bach, dort die Lifestyle-Kultur der heutigen Jugend.“ Doch begnügen sich die HipHopper keineswegs damit, am Boden zu rotieren oder durch die Luft zu segeln – sie haben auch noch ganz ordentlich Menuett gelernt. Was schon fast nach Hochkultur riecht. Kann der musikalische Verfassungsschutz etwa zu Hause bleiben? Hagel jedenfalls wiegelt ab. „Bach wird dadurch keinen Schaden nehmen, seine Musik ist frisch genug für solche Aktionen. Und den Puristen möchte ich sagen: einfach mal sehen, was die Jungen aus Bach machen!“

Breakdance zur Interpretation

Nehmen wir also einmal die Puristenbrille ab, um in die Vergangenheit zu blicken. Da zeigt sich tatsächlich, dass Bach immer schon Gegenstand mehr oder weniger respektloser Aneignungen gewesen ist. Jacques Loussier verjazzte die Goldberg-Variationen des Meisters, die Toccata & Fuge d-Moll wurde gleich mehrfach verrockt. Einen Geniestreich landete Heitor Villa-Lobos, der Bach als globale Folklore deutete; seine „Bachianas brasileiras“ versetzen den Sound des Thomaskantors nach Rio und an den Amazonas. So radikal geht es in der Neuen Nationalgalerie gar nicht zu. Die Partituren werden nicht angetastet. Christoph Hagel am Klavier und Sabina Chukurova am Cembalo werden die ersten zwölf Präludien und Fugen spielen, wie sie Bach notiert hat.

Für den Skandal sind dann die sechs Boys und das Girl der „Flying Steps“ zuständig. Sie leugnen natürlich jede provokative Absicht. „Warum das Erbe von Bach nicht für heute nutzen“, fragt Vartan Bassil. Er hat schon früher Klassik gehört, jetzt aber durch Christoph Hagel einen neuen Zugang gefunden. Man wolle Bachs Stücke nicht einfach nur betanzen, sondern tänzerisch interpretieren – und nebenbei beweisen, dass Breakdance eine ernst zu nehmende Kunst sei und nicht irgendein Sport. Die Show wird vorsichtshalber elfmal wiederholt, sollte das Abendland nicht gleich beim ersten Versuch untergehen. Sogar eine Einladung nach Shanghai liegt schon vor. Spätesten dann ist mit einer neuen Kulturrevolution zu rechnen.

"Flying Bach" findet vom 13. April bis zum 1. Mai in der Neuen Nationalgalerie, Potsdamer Platz, um 20.30 Uhr statt. Karten: 26 und 33 Euro. Tel.: 0180-54470 oder im Internet unter www.ticketonline.com

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