Versteigerung

Die Barillas machten Nudeln zu Porzellan

Sie konnten mehr als Pasta: Seit den Sechzigern trugen die Barillas getöpferte Schätze zusammen. Jetzt versteigert Sotheby’s die Familiensammlung.

Mit dem Namen Barilla verbinden sich gewöhnlich Farfalle, Fettuccine, Fusilli, Rotini und all die anderen traditionellen Pasta-Sorten. Für die Händler seltener Porzellane wie für die großen Auktionshäuser hat der Name einen anderen Klang. Dort denkt man an das Landhaus in Vandoeuvres vor Genf, wo Giovanni und Gabriella Barilla wohnten.

Denn Giovanni – Erbe des von seinem Großvater anno 1877 in Parma gegründeten Pasta-Imperiums – entschloss sich 1970, seine Anteile an der Barilla-Gruppe zu verkaufen. Da sein Bruder ihn nicht auszahlen konnte, ging das Familienunternehmen für mehr als 70 Millionen Dollar an die amerikanische Firma W. R. Grace & Co. – allerdings haben drei Barillas der vierten Generation das Unternehmen später wieder zurückerworben. Giovanni Barilla aber zog sich damals in die Schweiz zurück. In sein prächtiges Haus, das ein bewohntes Porzellankabinett war.

Leidenschaft siegt über Kalkül

Die Barillas hatten in den Sechzigerjahren begonnen, Fayencen und Porzellane zu sammeln. Sie kauften bei Händlern wie M. & G. Ségal in Basel, Lukacs & Donath in Rom oder Armin Allen in London und boten bei Auktionen von Christie’s und Sotheby’s in Rom, London, New York und Genf, aber auch bei Lempertz in Köln mit.

Dort erstanden sie 1997 sechs der Meißner Doppel-Henkel-Becher mit italienischen Komödienfiguren als Dekoration. Für den mit Mezzetino zahlten sie seinerzeit 29.000 Mark, was heute etwa 15.000 Euro entspricht. Nun ist er auf 4800 bis 7200 Euro geschätzt.

Das ist nicht das einzige Beispiel dafür, dass bei den Bietgefechten, wie der Vergleich des ehemaligen Einkaufspreises mit den gegenwärtigen Taxen verrät, mehr als einmal die Leidenschaft über jegliche kühle Kalkulation gesiegt zu haben scheint. Die letzten Erwerbungen stammen aus den ersten Jahren unseres Jahrhunderts, denn mit dem Tod von Giovanni Barilla 2005 endete die Sammlung. Nachdem Gabriella Barilla im Juni 2011 gestorben ist, kommt ihre Sammlung nun bei Sotheby’s in London unter den Hammer.

Die Barillas gaben ein Vermögen aus

Sie beginnt mit einigen raren Fayence-Tellern aus der Renaissance – der teuerste mit dem „Schuss auf den toten Vater“ wird auf 24.000 bis 36.000 Euro geschätzt. Dann folgt Böttger-Steinzeug: Eine Teekanne aus der Kramarsky-Sammlung, 1993 in New York für 123.000 Dollar (umgerechnet etwa 92.000 Euro) versteigert, wird jetzt mit 48.000 bis 72.000 Euro bewertet.

Und die weiße Vase mit aufgelegtem Blumendekor und zwei Masken, die einst dem italienischen König Umberto gehörte und 1968 in Genf für 10.000 Schweizer Franken dem Sammlerpaar Korthaus zugeschlagen worden war, erwarben die Barillas 1992 für umgerechnet 65.000 Euro. Nun wird sie auf 24.000 bis 36.000 Euro geschätzt.

Diese Stücke waren gewissermaßen die Ouvertüre der Porzellansammlung, die sich dann vor allem auf Figuren der Commedia dell’arte konzentrierte. Für Meißen hatte wahrscheinlich Balthasar Permoser um 1710, noch in Böttgersteinzeug, die ersten Protagonisten der italienischen Stegreifkomödie modelliert. Da spielte bereits eine gewisse Nostalgie mit. Denn die hohe Zeit dieses volkstümlichen Theaters waren das 16. und 17. Jahrhundert, während im 18. durch die Stücke von Goldoni und Gozzi die freie Improvisation durch vorgeschriebene Texte zunehmend verdrängt wurde.

Die teuerste Figur wird auf 96.000 Euro geschätzt

In Meißen war es Kändler , der um 1740 diesen grotesk-komischen Figuren in Porzellan zu einem langen Nachleben verhalf. Gemeinsam mit Peter Reinicke hat er ihre Wiederbelebung in der „Figurenfolge der italienischen Komödie für Johann Adolf II., Herzog von Sachsen-Weißenfels“ fortgeführt. 16 aus dieser wahrscheinlich 18 Figuren umfassenden Serie werden nun zu Taxen zwischen 3600 und 14.400 Euro aufgerufen.

Mit fast 100 Beispielen ist die Sammlung Barilla auch ein Spaziergang durch die europäische Porzellankunst im 18. Jahrhundert. Ein zweiter Schwerpunkt neben Meißen bildet Capodimonte mit den herausragenden Modellen von Giuseppe Gricci. Von ihm stammen die mit 96.000 Euro am höchsten geschätzten „Cacciatori“, eine Gruppe von Vater, Mutter, Kind, die Mäuse zu erwischen trachten, welche aus einer Truhe flüchten.

Auf 36.000 bis 60.000 Euro hofft man dagegen für Griccis Szene mit Maler und Modell, die den Barillas 1996 in London für 40.000 Pfund (etwa 47.000 Euro) zugeschlagen wurde. Der höchste Preis für ein Gricci-Ensemble bisher wurde bei selbiger Auktion gewährt: Umgerechnet 250.000 Euro war einem Sammler eine Figurengruppe mit Harlekin und Columbine wert.

Diese hohen Preise hängen damit zusammen, dass die königliche Manufaktur auf Schloss Capodimonte bei Neapel nur 16 Jahre bestand und fast ausschließlich für den Hof arbeitete. 1759 wurde der neapolitanische König Karl IV. dann als Carlos III. Regent in Spanien und verschiffte kurzerhand die Porzellanfabrik mit nach Madrid. Obwohl auch Gricci seinem König folgte, konnte die neue Werkstätte nicht die technische wie künstlerische Qualität von Capodimonte erreichen. Das Erbe ging verloren.

Zu den Stücken mit Geschichte gehört in dieser Auktion auch eine Meißner Augustus-Rex-Vase mit einem Vogel zwischen „indianischen Blumen“. Sie stammt aus der Sammlung des Pragers Rudolf Just, dessen Leben Bruce Chatwin in seinem Roman „Utz“ mit einigen Zutaten erzählt: Es ist die Geschichte eines fanatischen Sammlers, dem es in der Nazizeit genauso wie in der kommunistischen CSSR gelungen war, seine Schätze mit allerhand Tricks zu bewahren.

Denn auch in der Tschechoslowakei gab es so etwas wie die Kunst und Antiquitäten GmbH unter Schalck-Golodkowski, die wertvollem Privatbesitz nachjagte, um ihn im Westen gegen Devisen zu verkaufen. Horrende Steuerforderungen, weil der Sammler angeblich zugleich Händler war, galten als praktikables Mittel solcher Enteignungen.

Das Haus der Barillas wird verkauft

Just, den Chatwin 1967 in Prag aufgespürt hatte, gelang es, seine Sammlung zu retten und zu verbergen. Nach seinem Tode 1972 galt sie als verschollen, bis sie ein Spezialist von Sotheby’s bei Nachfahren Justs ausfindig machen konnte.

2001 wurden 271 Lose – nicht nur Meißen, sondern auch Porzellane der Wiener Manufaktur Du Paquier sowie Glas, altes Steinzeug, Goldmünzen und Elfenbein – für rund zwei Millionen Euro bei Sotheby’s versteigert. Einzelne Stücke aus Justs Nachlass waren allerdings schon vorher auf den Kunstmarkt gelangt. Darunter die Meißner Vase, welche die Barillas 1985 kauften und die jetzt auf 24.000 bis 36.000 Euro geschätzt ist.

Schließlich findet, wer den Katalog der Versteigerung bis zu den letzten Seiten durchblättert, in den Anzeigen die Verkaufsofferte für ein elegantes Haus in Vandoeuvres gegenüber dem Golf Club de Genève – angeboten von der Sotheby’s-Immobiliensparte und wie üblich ohne Hinweis auf Vorbesitzer und Preis. Doch es ist unverkennbar jenes in der Chemin de l’Ecorcherie 22, in dem Giovanni und Gabriella Barilla einst wohnten. Das Haus, in dem es sich lebte wie in einem Porzellankabinett.