Bevor man sich ins Kino ins "Schilf" begibt, sollte man Douglas Adams’ philosophisches Standardwerk "Per Anhalter durch die Galaxis" wieder einmal konsultieren und darin speziell die Kugelschreibertheorie. Laut Adams hat "der Student Fiet Vujagig die Theorie aufgestellt, dass alle Kugelschreiber, die plötzlich verschwinden, sich auf den Weg zu einem kugelschreiberoiden Planeten aufmachen, um dort unter ihresgleichen zu leben".
Für viele war dies der Einstieg in die in gewissen Physikerkreisen beliebte Viele-Welten-Theorie, welche davon ausgeht, dass nicht nur die Kugelschreiber ihren eigenen Planeten besitzen. Demnach gibt es um uns herum unzählige Paralleluniversen.
Der Sohn verschwindet in die Parallelwelt
Ohne diesen theoretischen Unterbau könnte man sich in "Schilf" ziemlich verloren fühlen. Darin möchte der Jenaer Universitätsprofessor Sebastian ( Mark Waschke ) einen Beweis für die Richtigkeit der Theorie von den Parallelwelten finden. Mit seinem Studienfreund Oskar ( Stipe Erceg ), der inzwischen am Forschungsinstitut Cern in Genf arbeitet, hat er sich schon zerstritten; Oskar hält die Parallelwelten für populärwissenschaftlichen Blödsinn. Auch Sebastians Frau Maike (Bernadette Heerwagen) ist fest in dem verwurzelt, was wir "Realität" nennen.
Davon müssen wir uns in "Schilf" allerdings verabschieden, und zwar in dem Moment, in dem Sebastian seinen Sohn ins Ferienlager bringen will. An einer Raststätte verschwindet Liam, und Regisseurin Claudia Lehmann – promovierte Physikerin – lässt Sebastian aus einer spiegelnden Tür heraus treten – in ein Paralleluniversum.
"Schif" ist eine psychologische Studie
Das funktioniert in Lehmanns Verfilmung der gleichnamigen Erzählung von Juli Zeh allerdings anders als in den amerikanischen Filmen, wo Helden durch Wurmlöcher in andere Zeiten gelangen. Die Parallelwelt von "Schilf" sieht eigentlich genauso aus wie die Welt, die Sebastian bisher kannte – mit ein paar Unterschieden.
Insofern ist "Schilf" eher eine psychologische Studie als ein Science-Fiction-Film. Wo spielen sich diese Dinge wirklich ab, die Sebastian zu erleben glaubt? Ist es "Realität", dass sein Sohn entführt wurde? Oder spielt sich alles nur in seinem Kopf ab?




